„Turnstunden werden stattfinden“

Geht es nach Bildungsminister Dr. Heinz Faßmann wird es in diesem Jahr keine Schulschließungen mehr geben. Der Ex-Basketballer im SPORTTIMES-Interview mit Kurt Vierthaler und Daniel Winkler über steigende Infektionszahlen, Impfung, Bewegungs-Initiativen und seinen persönlichen Body-Mass-Index.

Herr Bundesminister, mit den großflächigen Schulschließungen vergangenes Jahr mussten die Kinder auch auf ihre regelmäßigen Bewegungs- und Sportstunden verzichten: Wie stark könnte sich diese Pandemie nachhaltig bei den Kindern auswirken?
Dr. Heinz Faßmann: Ich glaube, dass die meisten Kinder mit Ereignissen wie der aktuellen Corona-Pandemie gut umgehen können. Sie stellen sich schnell auf neue Situationen ein und finden sich damit einigermaßen zurecht. Dennoch zeigen uns Studien, dass bei manchen Kindern sehr wohl Auswirkungen zu merken sind, seelischer und auch körperlicher Natur.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Bewegung für Kinder?
Faßmann: Jedes Kind bewegt sich grundsätzlich gerne, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Und wir wissen, dass Sport und Bewegung die kognitive Entwicklung fördern. Den Satz vom gesunden Geist in einem gesunden Körper kennt jeder. Es ist daher wichtig, den Turnunterricht, aber auch den Besuch auf dem Spielpatz, das Bewegen in der freien Natur sowie das Training in einem Verein zu fördern und zu unterstützen. Die öffentliche Hand, aber auch die Erziehungsberechtigten haben dabei ihre Verpflichtungen wahrzunehmen.

Eine langjährige Forderung der SPORTUNION ist auch die „tägliche Turnstunde“ bzw. „Bewegungseinheit“: Wie stehen Sie zu dieser Forderung?
Faßmann: Seit November 2020 beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit Vertretern meines Hauses, dem Sportministerium und der Sport Austria mit diesem Thema. Seit dem Start ist bereits einiges ins Laufen gekommen und die Arbeitsgruppe ist gerade dabei, ein Konzept zur Umsetzung der täglichen Bewegungseinheit, das von mir freigegeben worden ist, in Abstimmung mit den Bildungsdirektionen und den Sportstellen der Bundesländer, in Pilotregionen zu erproben. Mir ist bewusst, dass sich viele junge Menschen in Österreich zu wenig bewegen. Unser Ziel ist es daher, gerade für diese Gruppe ein zusätzliches Angebot zu schaffen.

Die Hirnforschung zeigt, dass körperliche und geistige Entwicklung untrennbar mit Bewegungserfahrung verbunden ist, bietet unser Schulsystem genug Möglichkeiten für unsere Kinder, sich ausreichend zu bewegen?
Faßmann: Das glaube ich schon, jedenfalls für Kinder im Pflichtschulalter. Es gibt ja hier nicht nur die klassischen Turnstunden, die Auflockerungsübungen im Unterricht oder die Möglichkeit zur Bewegung in Hofpausen, sondern auch Initiativen wie „Kinder gesund bewegen 2.0″, bei denen geistige Betätigung und körperliche Bewegung verbunden werden – oft mit großen Lernerfolgen vor allem auf der motorischen Ebene, für Kinder, die sich sonst vielleicht schwerer tun.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Schulschließungen für das nächste Schuljahr wiederholen?
Faßmann: Großflächige Schulschließungen sollen der Vergangenheit angehören. Was wir nicht ausschließen können: Wenn sich Infektionszahlen in einer Schule häufen, kann die Gesundheitsbehörde diesen Standort vorübergehend ins Distance Learning schicken. Diese Maßnahme soll aber, wenn sie nötig ist, regional begrenzt und von möglichst kurzer Dauer sein.

Welche Maßnahmen wird es ab Herbst geben, damit die Turnstunden stattfinden können?
Faßmann: Turnstunden werden stattfinden. Bei höherer Risikolage mit Abstand oder nach Möglichkeit auch im Freien. Das Turnen im Freien hat ohnehin meine große Sympathie und kann gerne nach der Pandemie weiter so stattfinden.

Sind Impfungen auch bei unter 12-Jährigen die einzige Möglichkeit, um diese Pandemie einzudämmen und damit einen normalen Schulalltag gewährleisten zu können?
Faßmann: Für unter-12-Jährige ist noch kein Impfstoff freigegeben. Wenn die EMA sich für die Freigabe entscheidet, dann bedeutet das, dass die Impfung auch bei jüngeren Kindern wirkt und dass das Erkrankungsrisiko sehr viel größer ist als mögliche Nebenwirkungen. Eine von der EMA und der nationalen Behörde genehmigte Impfung stellt eine ernstzunehmende Option dar.

Sport ist ja nicht nur aufgrund der Bewegung wichtig, sondern auch vom sozialen Aspekt aus gesehen: Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass sich Kinder wieder vereinsmäßig betätigen können
Faßmann: Es war mir immer wichtig, dass die Kinder diese Möglichkeit auch in der Pandemie wieder bekommen. Mit dem Ninja-Testpass haben wir sichergestellt, dass sie mit dem Schultest am Vormittag auch Zutritt zum Verein am Nachmittag haben und nicht noch einmal testen müssen. Für dieses unkomplizierte und unbürokratische Vorgehen waren die Vereine uns sehr dankbar.

Wie wichtig ist generell das Vereinsleben für die Gesellschaft?
Faßmann: Eine Gesellschaft ohne Vereinsleben ist in Österreich nicht vorstellbar. Das reicht von Bewegungsmöglichkeiten für Kinder bis hin zu Orten der Begegnung für ältere Menschen, die sonst vielleicht sehr einsam wären. Gerade im ländlichen Raum, wo es manchmal weniger Alternativen der Freizeitgestaltung gibt, sind Vereine ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens.

Waren oder sind Sie selbst bei einem Verein tätig?
Faßmann: Ich habe in meinen jüngeren Jahren mit großem Vergnügen in etlichen Vereinen Basketball gespielt. Diese änderten in Abhängigkeit zum Sponsor und Fusionen ihren Namen. Einmal hießen wir Milde Sorte, ein anderes Mal Post SV. Gegen Ende meiner sportlichen Laufbahn spielte ich in einem von Freunden gegründeten Verein, dem BBC Arsenal, der überraschende Erfolge erzielte. Insgesamt war das eine Zeit mit sportlicher und sozialer Qualität, die ich nicht missen möchte.

Wie halten Sie es persönlich mit Sport?
Faßmann: Im politischen Alltag mit vielen Terminen, Besprechungen, Reisen und öffentlichen Auftritten kommt der Sport leider zu kurz. Ich bemühe mich aber dennoch einigermaßen fit zu bleiben. Ich passe auf meine Ernährung auf, kontrolliere meinen BMI, verrichte gerne Gartenarbeit und fahre so oft es geht mit dem Rad.

Das Interview führten Kurt Vierthaler und Daniel Winkler.

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