Sportsgeist

Der sportliche Blog mit Tiefgang.

Sportler:innen haben mitunter sehr Geistreiches zu sagen und können von Erfahrungen erzählen, die auch für andere Bereiche des Lebens sehr wertvoll sein können.

Aktuelle Aussagen von Menschen aus der Welt des Sports oder eigene Beobachtungen und Erlebnisse, die für die Spiritualität und den Glauben relevant sind, vertieft Alfred Jokesch in diesem Blog und verknüpft sie pointiert mit dem alltäglichen Leben.

Der Sport ist eine große Schule für das Leben.

Papst Franziskus

Spät in der Saison hat Österreichs Schi-Ass Vincent Kriechmayr seine Form wiedergefunden, der er bisher den ganzen Winter hinterherfuhr. Dass ihm nun der Turnaround geglückt ist, führt der Oberösterreicher auf eine Änderung in seinem Denkansatz zurück.

„Ich war so verbissen in der Saison“, sagte der Routinier. „Ich war oft zu aggressiv, und es ist einfach nichts schön von der Hand gegangen.“ Daher habe er sein Mindset verändert und sich im Kopf eine andere Strategie angeeignet: „Stell dich an den Start und versuch, bedingungslos zu attackieren. Die Konsequenzen sind dann nicht so entscheidend.“ Nur wenn er sich wohlfühle am Schi, wenn er spüre, dass er alles im Griff hat, könne er ans Limit gehen. Offensichtlich wirkt diese neue Denkweise befreiend und beflügelnd.
Die Christenheit hat vor wenigen Tagen die Fastenzeit begonnen, die Zeit der Vorbereitung auf Ostern, auf das Fest der Auferstehung. In der Fastenzeit nehmen wir uns besonders den Aufruf Jesu zu Herzen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Den Appell zur Umkehr verbinden viele mit Buße und Kasteiung, mit Einschränkung und Verzicht. Doch dies ist kein Selbstzweck, es soll uns helfen, innerlich freier zu werden. Im griechischen Urtext steht für „Umkehr“ das Wort „metanoia“, was soviel bedeutet wie Sinnesänderung, eine Erneuerung in unserem Denken, unserer Einstellung und Lebensweise.

Der Apostel Paulus fordert uns auf, zu neuen Menschen zu werden: „Lasst euch erneuern durch den Geist in eurem Denken! Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit!“ (Eph 4,23–24) Eine solche Umkehr gibt unserem Leben einen neuen Blickwinkel, sie bedeutet eine Hinwendung zu Jesus Christus, eine Orientierung an seinem Handeln und seiner Botschaft, eine Vertiefung der Beziehung zu ihm. Der Ausblick auf die Auferstehung, der sich dabei auftut, kann in vielen Lebenssituationen befreiend sein und helfen, Grenzen zu überwinden. Er stärkt uns in der Gewissheit: Es ist schon alles erlöst.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (20.02.2024)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

Dass der Job eines Fußballtrainers ein Schleudersitz ist, weiß man. Dass ein Trainer seinen Verein verlässt, weil er ein besseres Angebot bekommt, kommt auch häufig vor. Wenn aber innerhalb weniger Tage zwei Startrainer von sich aus ihren Rückzug bekanntgeben, ist dies schon bedenkenswert.

Der Deutsche Jürgen Klopp stellte sich vor acht Jahren beim großen FC Liverpool mit den legendären Worten „I am the normal one“ vor. Normal ist für ihn freilich nur das Beste. Sein Engagement führte die „Reds“ zurück auf die Siegerstraße, brachte Meistertitel und den Gewinn der Champions-League. Doch Erfolg kann auch eine Bürde sein. Er spüre nun, dass er diesen Job nicht wieder und wieder und wieder machen könne: „I’m running out of energy.“ Und er könne in dieser Position nicht auf drei Rädern fahren. Er liebe alles an diesem Verein, an dieser Stadt, an den Fans und den Mitarbeitern. „Deswegen schulde ich euch die Wahrheit.“ Es ist ein Abgang, der alles andere als normal ist, doch er passt zu dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit und verdient höchsten Respekt.
Etwas anders stellt sich die Situation beim Barcelona-Trainer Xavi Hernandez dar, der kurz darauf ebenfalls seinen Abschied mit Saisonende ankündigte. Der katalonische Traditionsklub liegt in der Tabelle zurück und ist im Cup ausgeschieden. Xavi, der als Spieler beim FC Barcelona eine Legende war, zieht eine bittere Bilanz seiner zwei Jahre als Coach: „Das Gefühl, Barca-Trainer zu sein, ist unangenehm, es ist grausam, es fehlt der Respekt, man hat oft das Gefühl, dass die eigene Arbeit nicht wertgeschätzt wird. Das belastet deine geistige Gesundheit. Ich bin ein positiver Mensch, aber die Energie sinkt bis zu einem Punkt, an dem du denkst, dass es keinen Sinn mehr hat.“

Beiden gemeinsam ist ein energetisches Ungleichgewicht. Ihre Aufgabe kostet sie mehr Kraft, als sie zurückbekommen. Und die Arbeit eines Trainers lebt ja ganz wesentlich davon, dass er Energie an seine Mannschaft weitergibt. Ist der Spitzensport auf diesem Niveau zu fordernd, um dies über längere Zeit zu schaffen? Oder haben die beiden es verabsäumt, ausreichend auf ihre inneren Kraftquellen zu achten? Oft hört man über Trainer, dass sie zu hundert Prozent für den Fußball leben. Aber man kann eben nicht ausschließlich vom Fußball leben. Es braucht eine tiefere Verwurzelung. Von Jesus heißt es immer wieder, dass er an einen einsamen Ort geht, um zu beten. Er sucht den Kontakt mit Gott, der seine Kraftquelle und sein Kompass ist. Das Eintauchen in die Gegenwart Gottes ist die Grundlage dafür, dass sein Handeln an den Menschen ein Segen ist und er selbst dabei heil bleibt, dass er sich nicht von den vielen Erwartungen unter Druck setzen lässt, sondern frei ist, seinen eigenen Weg zu gehen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (30.01.2024)

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Sportfans können auf ein Wochenende mit Gänsehautmomenten zurückblicken. Österreichs Handballmannschaft spielt bei der EM in Deutschland groß auf. Gleich zwei Allzeit-Rekorde an Stockerlplätzen wurden verbessert: Stefan Kraft überflügelte Janne Ahonen und Mikaela Shiffrin fuhr dem legendären Ingemar Stenmark auf und davon. Bei den Hahnenkammrennen in Kitzbühel hat der Franzose Cyprien Sarrazin den arrivierten Abfahrtsstars gehörig die Show gestohlen. Die Konkurrenten zeigten sich tief beeindruckt von dessen Traumlauf auf der berüchtigten Streif, bei dem er dem großen Marco Odermatt, dem auch keine schlechte Fahrt geglückt ist, fast eine Sekunde aufgebrannt hat. Solch ein respektvolles Lob aus dem Mund der Gegner ist wohl die höchstmögliche Anerkennung.

Als Jesus in der Synagoge von Kafarnaum sein Wirken als Rabbi beginnt, ist es auch ein „Gegner“, nämlich ein unreiner Geist, der als erster erkennt, wer Jesus wirklich ist, und ausruft: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ (Mk 1,24) Er spürt, dass er gegen diesen geistvollen Menschen nicht bestehen kann. Der Dämon muss sich der Autorität Jesu beugen und den Menschen, von dem er Besitz ergriffen hat, freigeben. Dieses Geschehen löst Staunen und Bewunderung, aber auch Entsetzen, Gänsehaut und Erschütterung aus.

Ein unreiner Geist – was können wir uns darunter vorstellen? Das mag eine Geisteshaltung sein, die die Seele des Menschen vergiftet oder einen dunklen Schatten auf seine Wahrnehmung wirft. Es gibt den Geist der Angst und der Selbstzweifel, der Depression und der Orientierungslosigkeit. Wer davon befallen ist, fühlt sich hin und her gerissen, haltlos und durchgebeutelt wie ein Abfahrer auf der Streif. Beim Schifahren wie im Leben ist es doch so: Je sicherer ich mich fühle, je gefestigter mein Geist ist, umso ruhiger bin ich unterwegs, umso weniger können mich Unebenheiten, Schläge, Eisplatten oder die Spuren anderer aus der Balance werfen. Cyprien Sarrazin strotzt momentan vor Selbstvertrauen. Dadurch gelingt es ihm, unbeirrbar auf seiner Linie zu bleiben.

Jesus bringt diese destruktiven Geister zum Schweigen und stärkt die Menschen in ihrem Selbstwert, in der Gewissheit, von Gott geliebt zu sein, und im Vertrauen. Bei ihm kann ich zur Ruhe kommen und aufatmen. Wieviel Glaube bewirken kann, zeigt unser Handballteam gerade eindrucksvoll. „Die Mannschaft glaubt. Da wäre ich ein Idiot, wenn ich sagen würde, dass ich nicht glaube“, sagte der ÖHB-Sportdirektor zur Halbzeit im Spiel gegen Frankreich. Auch wenn der Glaube in dem Fall nicht ganz gereicht hat, um den übermächtigen französischen Berg zu versetzen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (23.01.2024)

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Toni Innauer sprach jüngst im Radio über Neujahrsvorsätze. Dabei erinnerte er sich an ein einschneidendes Erlebnis aus seiner Jugendzeit als Nachwuchssportler am Schigymnasium Stams. Ein sehr zielstrebiger, ehrgeiziger Freund und Schulkollege war bei einem Abfahrtslauf tödlich verunglückt. Unter dem Eindruck dieser Tragödie habe Innauer einen Vertrag mit sich selbst abgeschlossen: „Wenn ich jetzt noch weitermache, dann mache ich ab sofort immer nur das Beste, das ich kann.“ Er habe es zu seinem Programm gemacht, sich auch schwierigen Situationen zu stellen, statt ihnen auszuweichen, und sich einen beherzten, geradlinigen Umgang mit seinen Zielen, aber auch mit Frustrationen oder Hindernissen anzueignen. Dies habe seine Persönlichkeit umgebaut, dadurch habe sich ein stärkeres, belastbareres Bild von ihm selbst entwickelt. Es wurde immerhin zum Fundament für eine höchst erfolgreiche Karriere.

Dieser Vorsatz hat mich sehr angesprochen. Unsere einzigartigen Fähigkeiten und Begabungen sind ja der Wegweiser, unser innerer Kompass zu einem gelingendem und sinnerfüllten Leben. Wenn ich dem auf die Spur komme, was ich am besten kann, und konsequent daran arbeite, es zur Entfaltung zu bringen, werde ich dem Menschen ähnlicher, der ich sein kann und in den Augen Gottes bin. Die Realität ist ja leider oft ganz anders. Wie viel unserer Zeit und unserer Lebensenergie wenden wir dafür auf, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden, um etwas, das wir nicht gut können, so halbwegs mittelmäßig hinzubekommen, um „Dienst nach Vorschrift“ zu machen? Andere Menschen sehen uns jedoch immer im Spiegel unserer bisherigen Handlungen und Leistungen sowie vor dem Hintergrund ihrer eigenen Interessen. Das Beste, das ich kann, die Talente, die noch in mir verborgen sind, kann nur ich selbst sehen, erspüren und erahnen. Darauf wartet niemand.

Es müssen ja nicht gleich Weltrekordflüge auf der Sprungschanze sein. Doch wenn ich mich darauf fokussiere, was ich am besten kann, dann wird es mein Leben in eine andere Richtung lenken. Es kann den entscheidenden Unterschied ausmachen, ob ich im Sprung gehemmt bin, mich kraftlos fühle und auf der Stelle trete, oder ob ich mich mutig und entfesselt von der Erdenschwere abstoße und ohne Selbstzweifel Mauern überspringe, weil ich tief in mir weiß, dass ich es kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (04.01.2024)

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Am 24. November 1994 bestritt die Snowboarderin Claudia Riegler ihr erstes Weltcup-Rennen. Inzwischen hat sie den Fünfziger überschritten und ist in ihre 29. Saison gestartet. Die meisten ihrer Konkurrentinnen waren bei ihrem Debüt noch gar nicht auf der Welt. Um noch immer dabei zu sein, habe sie viel Beharrlichkeit gebraucht: „Vor 19 Jahren wurde ich als zu alt angesehen und bin aus allen Kadern geflogen.“ Die Salzburgerin ließ sich jedoch nicht entmutigen. Und sie sollte damit Recht behalten. Riegler wurde im Jahr 2015 am Kreischberg Weltmeisterin und kürte sich vier Jahre später in Bad Gastein zur ältesten Snowboard-Weltcupsiegerin aller Zeiten. Ans Aufhören denkt sie nicht mehr, sondern an das nächste große Ziel: die Olympischen Spiele 2026 in Italien.

Claudia Riegler betont, dass sie immer auf ihren Körper geachtet habe, doch auch die geistige Dimension sei ihr sehr wichtig: „Mein Motto lautet nun: Wollen, nicht müssen.“ Das nimmt Druck weg und befreit zu ungeahnten Möglichkeiten. „Deshalb denke ich, dass da Grenzen durchbrochen werden können, an die allerdings keiner glaubt.“ Die meisten hätten es gar nicht probiert, sondern einfach zu früh aufgegeben. Einer der wenigen ist ihr Kollege Andreas Prommegger, der im vergangenen Februar Weltmeister wurde und vor kurzem 43 Jahre alt wurde. Auch er hat sein Visier schon auf Olympia in Cortina eingestellt. Sein Geheimnis: „Ich gehe auch nicht mehr stur nach Trainingsplan vor, sondern nach Gefühl.“ Es muss wohl auch im Wesen dieses Sports liegen.

Als relativ junge Sportart hat das Snowboarden nicht nur ein jugendlich-anderes Lebensgefühl in die Welt des Wintersports gebracht – vom Bekleidungsstil über die englischsprachigen Fachausdrücke bis dahin, dass Fun und Erlebnis einen höheren Stellenwert haben als Konkurrenz und Wettkampf – sondern scheint auch für diejenigen, die diesen Sport betreiben, ein Jungbrunnen zu sein. Vielleicht hat das etwas mit der unmittelbaren Erfahrung zu tun. Ich kann mit Verbissenheit und Krampf das Snowboard nicht schneller machen, sondern nur mit Balance und Feingefühl. Ich kann es nicht antauchen, sondern es nur gehen lassen. Die dafür nötige Unverkrampftheit und die Fähigkeit, im Gleichgewicht zu sein, tragen sicher dazu bei, den ganzen Menschen jung zu halten.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (15.12.2023)

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Neben dem befreienden Dreifachsieg des österreichischen Schiteams, das nach der vergangenen Saison in der Kritik stand, rückte beim ersten Herrenslalom in Gurgl vor allem ein Thema in den Blickpunkt: eine Protestaktion von Klimaaktivist*innen, die zu einer längeren Unterbrechung geführt hat. Die Reaktionen darauf fielen höchst unterschiedlich aus, von Verständnis und Anerkennung für das Anliegen bis hin zu wütendem Handgemenge.

Ich finde es gut, dass der ORF in seiner Übertragung den Vorfall nicht ausgeblendet hat, sondern darauf eingegangen ist, die Wichtigkeit der geforderten Maßnahmen gegen den Klimawandel unterstrichen hat und sogar zwei der Demonstrierenden im Interview zu Wort kommen hat lassen. Ich verstehe auch, dass der OK-Chef des Rennens keine Freude mit der Störung seiner Veranstaltung hatte, die ja – laut seinen Angaben – ohnehin unter größtmöglicher Berücksichtigung des Klimaschutzes durchgeführt worden sei. Mir missfällt es allerdings, wenn die Aktivist*innen als Chaoten oder Anarchisten bezeichnet werden und wenn versucht wird, solche Vorkommnisse durch den Einsatz von mehr Security zu unterbinden.

Wie ich es verstanden habe, hat sich der Protest ja nicht gegen dieses konkrete Event gerichtet, sondern wollte einfach maximale Aufmerksamkeit auf die Forderungen des Klimarates lenken. Wer sagt, dass die Aktionen der „Letzten Generation“ der falsche Weg seien, ist gerne eingeladen, einen wirkungsvolleren vorzuschlagen. Sie sehen offenbar keinen anderen, um ihrer Sorge Gehör zu verschaffen. Statt zu polarisieren und die Engagierten zu kriminalisieren, sollten wir uns gemeinsam der Realität stellen.

Es braucht in gewissen Situationen Menschen, die unbequem sind und aufrütteln. Denn die Folgen der Klimakatastrophe treffen uns alle. Für mich sind jene, die darauf insistieren, dass es allerhöchste Zeit ist, aus der Lethargie aufzuwachen und uns von unserem ins Unheil steuernden Lebensstil abzuwenden, keine Chaoten, sondern Propheten. Jesus sagt, als er mit zwei durch Menschen verursachten Katastrophen – einem Massaker im Tempel und dem Einsturz eines Turmes – konfrontiert wird, dass nicht die Opfer dieser Ereignisse die Schuld daran tragen: „Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“ (Lk 13,3) Wir alle sind gefordert anzupacken, damit die Wende gelingt und wir uns noch lange an Erfolgen bei Schirennen erfreuen können.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (23.11.2023)

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„Lassen wir unseren ganzen aufgestauten Hass heraus!“ Vor dem Grazer Stadtderby sammelten sich die Sturmfans in der legendären Gruabn, um gemeinsam nach Liebenau zu ziehen. Mit diesem schockierenden Aufruf heizte der Einpeitscher die Stimmung an. Wohin es geführt hat, ist hinlänglich bekannt. Wer dort war oder Videoaufnahmen von der gespenstischen Szenerie gesehen hat, fühlte sich in düsterste Momente der Zivilisation versetzt.

Gerade in Zeiten, in denen wir täglich Bilder und Nachrichten ins Haus geliefert bekommen, die uns in aller Brutalität vor Augen halten, was die tödlichen Früchte von Hass, Vergeltung und dem Begleichen alter offener Rechnungen sind, wären andere Signale angebracht. Der Fußball darf Hasspredigern und Randalierern nicht länger eine Bühne bieten. Da braucht es eine klare und unmissverständliche Strategie seitens der Vereine. Sich zu schämen und sich zu distanzieren, genügt nicht. Es ist begrüßenswert, dass inzwischen eine umfassende Aufarbeitung der Vorfälle in Gang gekommen ist, die hoffentlich wirkungsvolle Maßnahmen nach sich zieht.

Die beiden Grazer Großklubs sind weithin bekannt für ihre Fankultur. Ihre Rivalität ist ein Ansporn für die sportliche Entwicklung und durchaus auch eine charmante Polarität. Die Betonung muss dabei auf „Kultur“ liegen. Das macht den Unterschied, ob die beiden „Identitätsbiotope“ in ihrer gemeinsamen Liebe zum Fußball „ein Gegenmodell zur auseinanderdriftenden Gesellschaft“ verkörpern, oder in „Stammeskriege“ ausarten, wie es Hubert Patterer in seinem Leitartikel der Kleinen Zeitung vom 5. November brillant herausgearbeitet hat. Rivalität darf nicht mit Hass verwechselt werden. Gewalt beginnt bei der Sprache. Sprechchöre und Transparente müssen nicht die Würde der anderen verletzen. Könnten sie nicht auch ohne „Schweine“, „Oarschlöcher“ und „Hurensöhne“ auskommen und sich stattdessen dadurch hervortun, dass sie positive Energie auf die eigene Mannschaft übertragen?

Wie es gehen könnte, zeigte jüngst der Londoner Top-Club Tottenham Hotspur auf. Nachdem einer seiner Anhänger wegen einer rassistischen Geste gegenüber einem gegnerischen Spieler auffällig wurde, hat der Verein nicht nur die Polizei bei der Beweisfindung unterstützt, sondern auch eine Verschärfung der Strafe erwirkt und erklärt: „Wir möchten betonen, dass der Club Diskriminierung jeglicher Art nicht toleriert und wir uns immer für die stärkste mögliche Maßnahme einsetzen werden.“ Mögen die jüngsten Derby-Eskapaden in Graz ein heilsamer Schock gewesen sein, der nachhaltige Veränderungen auslöst, damit Fußballfans – Rote und Schwoarze – uneingeschränkt stolz auf ihren Verein sein können.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (15.11.2023)

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Es erinnert ein wenig an die Debatte um die Abschaffung der Sommerzeit, die jedes Jahr um diese Zeit aufs Neue entfacht wird, ohne jedoch eine Änderung der ungeliebten Regelung zu bewirken. Genauso wird anlässlich des frühen Saisonauftakts des Schiweltcups in Sölden Jahr für Jahr diskutiert, wie sinnvoll es ist, schon im Oktober ein Rennen durchzuführen. Sowohl hinsichtlich des Rennkalenders und der Trainingspläne als auch angesichts des Klimawandels und der rapide dahinschmelzenden Gletscher gibt es gravierende Einwände dagegen.

Der Schisport bekommt in besonderer Weise die Auswirkungen der Erderwärmung zu spüren. Die klimatischen Veränderungen in den alpinen Regionen sind alarmierend und unübersehbar. Da ist längst nicht alles im grünen Bereich. So schauen auch immer mehr Akteur*innen im Schiweltcup über den Tellerrand ihrer sportlichen Aufgaben und Zielsetzungen hinaus, melden sich kritisch zu Wort und fordern mehr Maßnahmen für den Klimaschutz ein. Es steht ja die Zukunft ihres eigenen Sports auf dem Spiel. Der Schizirkus allein wird freilich das Klima nicht retten können, aber er könnte zum Vorreiter für die Klimawende und für einen achtsamen Umgang mit den Ressourcen der Natur werden.

Auch ist der Rennsport kein Selbstzweck und kann nicht autonom agieren. Dahinter stehen mächtige Player wie die Wintersportindustrie, die Tourismusbranche, Sponsoren und Fernsehstationen, die alle ihre Interessen geltend machen und die Fäden in oft gegenläufige Richtungen ziehen. Dementsprechend unterschiedlich fielen die Kommentare rund um die Rennen in Sölden aus. Für Umweltministerin Leonore Gewessler ist es „unverständlich, warum man auf Biegen und Brechen an einem Schistart im Oktober festhalten muss“ und „jetzt in diesem Umfeld auf den letzten Gletscherresten schon Schi gefahren werden muss“. Dem Tourismus in Tirol machen die größten Sorgen Bilder, die nicht winterlich sind, denn ein Rennen in einer schneelosen Landschaft sei keine gute Werbung. Der Organisationschef hingegen zeigte sich entschlossen: „Wir schaffen den frühen Start seit 30 Jahren und wir schaffen ihn auch heuer.“ – Koste es, was es wolle.

Immerhin: Mit frisch verschneiten Berggipfeln konnte das Rennen dann ja doch noch aufwarten. Auf die Dauer wird es freilich unumgänglich sein, sich einzugestehen: Wenn wir nicht alle miteinander sehr schnell „grüner“ werden, dann können wir nur noch im Grünen schifahren. Denn das Klima ist längst im tiefroten Bereich.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (31.10.2023)

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„In Österreich macht man sich gerne ein bisschen kleiner als man ist.“ Nicht nur der große Erwin Ringel beschäftigte sich mit der österreichischen Seele, sondern auch ÖFB-Trainer Ralf Rangnick, der diese Erkenntnis in einem Interview äußerte. Ihm als Deutschen muss dabei eine unvoreingenommene Außenwahrnehmung zugestanden werden. Er drückt sich auch vornehm zurückhaltend aus im Vergleich zu Ringel, der einmal sagte, dass das Wort „Minderwertigkeitskomplex“ in Österreich gleichsam zum Volkslied geworden sei.

Nun hat das Fußball-Team des „kleinen“ Österreich, der Schifahrernation mit ihren begrenzten Möglichkeiten, das Ticket zur Europameisterschaft gelöst. Nach einem überzeugenden, wenn auch leider unbelohnt gebliebenen Auftritt gegen Belgien reichte dafür ein mühsam erkämpfter Sieg in Aserbaidschan. Das ist nicht selbstverständlich für ein Land, „dessen Bewohner ständig zwischen rührseliger Unterschätzung und grenzenlosen Grandiositätsgefühlen hin und her schwanken“ – um noch einmal Ringel zu zitieren. Beides ist dem Ziel, in einer gewissen Konstanz optimale Leistungen zu erbringen – Sportler*innen sagen gerne: ihr Potenzial abzurufen – und daran zu wachsen nicht unbedingt förderlich. Beides hilft nicht, um realistisch zu sehen, was ist, und auch nicht, um in den Blick zu nehmen, was sein könnte.
So sagte Rangnick: „Man traut sich Dinge gar nicht zu, weil sie noch nie so gewesen sind. Um größer zu denken, muss man sich bestimmte Dinge erst einmal vorstellen können.“ Es ist also in gewisser Weise eine Glaubensfrage. Der Apostel Paulus sagt: „Stückwerk ist unser Erkennen.“ (1 Kor 13,9) Und im ersten Johannesbrief heißt es: „Jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.“ (1 Joh 3,2) Gewöhnlich werden solche Worte auf das Jenseits, auf die Ewigkeit bezogen. Es trifft aber auch auf unser Leben hier in dieser Welt zu: Was wir einmal sein werden, was wir werden können, welches Potenzial in uns steckt, das wissen wir noch nicht. Aber wir tragen eine Ahnung davon tief in unserer Seele und eine Sehnsucht, die uns drängt, es zur Entfaltung zu bringen. Wenn wir nur groß genug denken …

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (21.10.2023)

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Ich staunte nicht schlecht, als ich am Tag des Graz-Marathons die Headline gelesen habe: „Fabelweltrekord im Marathon durch Kelvin Kiptum“. Der 23-jährige Kenianer, der überhaupt erst zum dritten Mal einen Marathon bestritten hat, spulte die 42,195 Kilometer in unglaublichen 2:00:35 Stunden ab. Einziger Wermutstropfen: Es geschah natürlich nicht in Graz, sondern in Chicago.

Aber auch beim Graz-Marathon gab es einen neuen Streckenrekord. Und nicht nur das. Es hat schon eine lange Tradition, dass die gelben Leibchen des „Run4unity“ das Bild dieses Laufevents prägen. Der „Run4unity“ steht für eine Dimension des Laufens, die über den sportlichen Aspekt hinausweist. Dabei geht es weniger um das Ergebnis als um das Erlebnis. Es geht nicht um den Weltrekord oder Sieg – der liegt für Hobbyläufer*innen ohnehin nicht in realistischer Reichweite –, sondern um den Gewinn, um einen Zugewinn an Lebendigkeit, Ausdauer, Lebensfreude und Zusammengehörigkeit. Nicht um das Gegeneinander, sondern um das Miteinander.

Als ich ein Kind war, habe ich bei der Jungschar gerne das „Mutmacherlied“ gesungen. Darin heißt es: „Und das, was du allein nicht schaffst, das schaffen wir vereint.“ Das gilt auch beim Marathon. In Gemeinschaft mit anderen geht es leichter. Da kann ich über mich selbst hinauswachsen und etwas schaffen, wo ich allein, als Einzelkämpfer, vielleicht längst den Mut verloren und aufgegeben hätte.

Beim „Run4unity“ wird auch eine Gemeinschaft erlebbar, die über jene der Laufenden hinausreicht, die Verbundenheit mit Menschen an einem ganz anderen Fleck dieser Erde, die mit dem Startgeld dieses Benefizlaufs der „Jugend für eine geeinte Welt“ unterstützt werden – diesmal waren es Kinder in den Slums von Nairobi. So wird die weltumspannende Einheit der Menschheit gefördert.

All das macht das Laufen zu einem spirituellen Erlebnis, zu einer Form des Gebetes. Das beginnt schon, wenn ich Dankbarkeit dafür empfinde, dass ich die Möglichkeit habe, mich zu bewegen, dass ich gesund bin und meinen Körper benützen kann. Der Apostel Paulus sagt: „Bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ (Phil 4,6) In jeder Lage – also auch während des Laufens. Ich kann all die Erfahrungen, die ich dabei mache, dankbar vor Gott hinlegen: die Freude an der Bewegung und an der Gemeinschaft, dass es mir gelungen ist, mich zu überwinden, meine Bequemlichkeit hinter mir zu lassen, ebenso wie das Anstrengende, Mühsame und Schmerzhafte. Ich kann auch flehend all die Menschen oder die Lebenssituationen, die mir während des Laufens in den Sinn kommen, Gott anvertrauen und ihm meine Sorgen übergeben.

Indem sich beim Graz-Marathon die Teilnehmer*innen des „Run4unity“ mit dieser Haltung unter die Tausenden Läufer*innen mischen, geben sie dem ganzen Lauf einen besonderen Charakter, bereichern ihn und tragen zur Veränderung und Verwandlung unserer Welt bei.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (10.10.2023)

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„Ich wünsche mir bei jedem Wettkampf Dopingkontrollen.“ Das sagte Lalit Kumar, der Sieger im 100-Meter-Lauf bei einer Leichtathletikmeisterschaft im indischen Bundesstaat Delhi. Nach dem unangekündigten Auftauchen der Anti-Doping-Behörde bei den Wettkämpfen war er der einzige Läufer, der zum Doping-Test erschienen war und gewertet wurde. Viele Athleten seien einfach weggerannt, als sie von der Anwesenheit der Kontrolleure erfahren hatten. Andere hätten sich bei der Siegerehrung nicht mehr blicken lassen, um ihre Medaillen abzuholen. Ein Hürdenläufer sei nach der Ziellinie gleich weitergelaufen und direkt nach Hause gerannt. Die Freude über den Staatsmeistertitel hielt sich bei Lalit Kumar freilich in Grenzen. „Als Athlet fühle ich mich sehr verletzt und im Stich gelassen“, sagte er gegenüber einer Zeitung.

Der kuriose Vorfall erinnert mich an „Asterix bei den Olympischen Spielen“, wo der tapfere kleine Gallier entspannt zum Gewinn des ersehnten Lorbeerkranzes läuft, weil alle Konkurrenten der Versuchung, vom Zaubertrank des Druiden Miraculix zu trinken, nicht widerstehen konnten. Aber es steckt doch mehr dahinter als eine launige Episode am Rande des sportlichen Weltgeschehens. Indien soll neben Russland und China zu den Ländern mit den meisten Doping-Vergehen gehören. Das verwundert niemanden. Doch ist die Situation bei uns tatsächlich besser? Und trifft das Problem nur den Hochleistungssport, wie es oft suggeriert wird?

Am kommenden Sonntag findet der Graz-Marathon statt, bei dem wieder an die 10.000 Hobby-Läuferinnen und -Läufer an den Start gehen werden. Dopingkontrollen haben sie nicht zu erwarten, doch gibt es Schätzungen der „Dunkelziffern“, wonach etwa ein Drittel von ihnen dabei leistungssteigernde Substanzen zu sich nehmen. Und das ohne jeden kommerziellen Erfolgsdruck. Für sie geht es allenfalls darum, eine persönliche Bestmarke aufzustellen. Und schon dafür erliegen viele der Versuchung, nach einem Zaubertrank zu greifen.

Mir liegt es fern, hier den mahnenden oder gar anklagenden Zeigefinger zu erheben. Ich möchte eher auf die Scheinheiligkeit hinweisen, die ich in der Dopingdiskussion oft beobachte. Im Sport gibt es klare Regeln und genaue Richtlinien, welche Folgen ein Vergehen dagegen nach sich zieht. Der Sport hat ein hohes Ethos in Bezug auf Fair-Play. Doch wie sieht das in der Arbeitswelt und in anderen Lebensbereichen aus? Wie viele Menschen schlucken Aufputschmittel oder Psychopharmaka, um in ihrem Job zu bestehen und ihren Alltag zu bewältigen? Daran finden wir nichts Verwerfliches, es wird eher sogar als Ausdruck hoher Einsatzbereitschaft und Leistungsfähigkeit wertgeschätzt. Doch diese „Zaubertränke“ sind ein Vermögen, das wir wie einen Kredit aufnehmen und irgendwann mit Zinsen zurückzahlen müssen. Da sollten wir uns wohl öfter selbst einer Dopingkontrolle unterziehen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.10.2023)

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Er sei weiser geworden, sagte Marko Arnautovic bei seiner Rückkehr zum italienischen Traditionsclub Inter Mailand. Diese Worte aus seinem Mund kamen doch einigermaßen überraschend. Österreichs Rekord-Teamspieler begeistert uns zwar regelmäßig mit Genialität am grünen Rasen, mit gekonnter Ballbehandlung, verblüffenden Spielideen, starker Präsenz und wichtigen Toren, doch mit dem Begriff Weisheit hätten ihn wohl die Wenigsten in Verbindung gebracht.

Tatsächlich ist das ehemalige Enfant Terrible inzwischen zu einem echten Führungsspieler in der Nationalmannschaft herangereift. Und Arnautovic war immer einer, der sein Herz auf der Zunge trägt und unverblümt zu seiner Meinung steht, der keine von Mediencoaches gebürsteten Worthülsen von sich gibt. Nicht immer sind seine Aussprüche in die Rubrik „Weisheit“ gefallen, oft genug ist er damit angeeckt und hat sich selbst geschadet. Immer ist er jedoch sich selbst treu geblieben. Inzwischen, sagt er, fokussiere er sein Leben ganz auf das Fußballspielen und nicht – wie es früher oft der Fall war – auf das Drumherum. Auch das ist Weisheit. Wer ein starkes Selbst hat, braucht sich nicht damit aufhalten, ein großes Ego vor sich her zu tragen.

Mit seinem Doppelpack in Schweden hat sich Marko Arnautovic nun dem Rekordtorschützen – und Urheber des Begriffs „Doppelpack“ – Toni Polster bis auf acht Treffer herangepirscht. Im Interview nach dem Spiel darauf angesprochen richtete er Toni schöne Grüße aus und beruhigte ihn: „Es gibt nichts zu zittern. Toni kann entspannt bleiben.“ Er kümmere sich nicht um Torschützenlisten, viel wichtiger sei ihm der Erfolg der ganzen Mannschaft und sein großes Ziel nun die Teilnahme an der EM. In punkto Weisheit ist Toni Polster vielleicht nicht die ganz große Hürde, aber auch von diesem gibt es einige kultige Wortspenden, die nur von Blitzgneißern gecheckt wurden und die Zeiten überdauert haben.

Im Blick auf die nächsten Spiele sagt Marko Arnautovic: „Im Fußball geht immer mehr.“ Und das lässt beinahe an den legendären Titel eines Songs von Frank Sinatra denken, der auch als Inschrift auf dessen Grabstein steht: „The Best Is Yet to Come“ – Das Beste kommt erst. Hoffen wir also, dass Marko es noch ordentlich polstern lässt.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (14.09.2023)

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Vorweg: Die großartigen spielerischen Leistungen bei der Frauen-Fußball-WM in Australien und Neuseeland haben gezeigt, dass dieser Sport einen weiteren enormen Entwicklungsschritt genommen hat. Es war ein fußballerischer Genuss, diese Spiele anzuschauen. Umso bedauerlicher finde ich es daher, dass dies in der Rückschau völlig in den Schatten der Diskussion um das Fehlverhalten eines Funktionärs gestellt worden ist. Das eines Mannes, noch dazu. Das haben sich die Spielerinnen nicht verdient. Trotzdem ist diese Debatte wichtig, und sie muss in aller Klarheit und Gründlichkeit geführt werden.

Fast noch schockierender als der Fauxpas von Luis Rubiales bei der Siegerinnenehrung selbst ist für mich dessen Uneinsichtigkeit und die Penetranz, mit der er sich an seinen gut dotierten Funktionärsstühlen festklammert. Sein peinlicher Versuch, sich selbst als Opfer einer feministischen Hetzjagd hinzustellen, lässt das typische Muster einer Täter-Opfer-Umkehr und eine sehr verzerrte Wahrnehmung erkennen. Dass ihm von der spanischen Regierungsspitze über die Präsidentenkommission des eigenen Verbandes bis hin zum Sprecher des UNO-Generalsekretärs der Rücktritt nahegelegt wird, scheint ihn ebenso wenig zum Einlenken zu bewegen wie ein Streik der Spielerinnen, solange er im Amt ist, und Disziplinarverfahren seitens der FIFA und der spanischen Sportbehörde.

Die Sportwelt sollte jedoch nicht in dieselbe Falle tappen, wie es die Kirche im Umgang mit Missbrauch lange getan hat und zu einem guten Teil noch immer tut, nämlich zu glauben, dass mit dem Entfernen von vermeintlichen schwarzen Schafen der Fall erledigt sei. Hier wie dort ist es auch ein strukturelles Problem, dem man sich schonungslos stellen muss. So sieht es auch UNO-Sprecher Stephane Dujarric: „Es gibt weiterhin ein kritisches Problem des Sexismus im Sport.“ Rubiales ist da nur eine Spitze des Eisbergs. Vieles geschieht in den Untiefen der Verborgenheit, in den Abgründen des Unaussprechlichen, unter dem Deckmantel fataler Abhängigkeitsstrukturen. Möge die gegenwärtige Diskussion ein konstruktiver Beitrag zu einem Klimawandel – im Bewusstsein wie im strukturellen Gefüge des Sports – sein, der diesen Eisberg zum Schmelzen bringt.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.09.2023)

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Ich gestehe, ich habe beim Finale der Frauen-Fußball-WM dem englischen Team die Daumen gedrückt. Das lag daran, dass es von einer Frau gecoacht wird. Und das ist für mich nicht bloß eine Frage der Gleichberechtigung oder der Quote – von den 32 WM-Teams hatten nur 12 eine Trainerin –, sondern eine systemische und strukturelle. „Wir brauchen mehr weibliche Trainer“, forderte auch Englands Teamchefin Sarina Wiegman nach dem Turnier.

Gewonnen haben schließlich die Spanierinnen, deren großer Moment des Triumphes durch einen Kuss, den der spanische Verbandspräsident Luis Rubiales der Spielerin Jennifer Hermoso auf den Mund gedrückt hat, einen sehr unappetitlichen Beigeschmack bekommen hat. Danach räumte er ein, dass er einen Fehler gemacht habe, der jedoch „spontan und ohne jede böse Absicht“ geschehen sei: „Hier haben wir alle es als etwas Natürliches, Normales betrachtet.“ Gerade darin liegt eben das Problem, und wenn ein Funktionär sich auf der Bühne der Siegerinnenehrung vor den Augen der ganzen Welt so verhält, dann stellt sich natürlich die Frage, welche Umgangsformen abseits der Öffentlichkeit, in der Kabine oder im Umfeld des Trainings gepflogen werden. Und es gibt da noch die Vorgeschichte der Kritik an Trainer Jorge Vilda. Nach der EM im Vorjahr sind 15 Spielerinnen aus Protest gegen seinen Führungsstil vom Nationalteam zurückgetreten. Auch in ihrem Statement war übergriffiges Verhalten ein Thema. Rubiales hat sich hinter seinen Trainer gestellt – ohne die Vorwürfe untersuchen zu lassen.

Wie wenig Problembewusstsein und wie viel Chauvinismus hier noch immer herrscht, zeigt auch eine Wortspende von Karl-Heinz Rummenigge, immerhin Mitglied des UEFA-Exekutivkomitees, in der er Rubiales verteidigt und sein Verhalten angesichts der großen Emotionen „absolut okay“ findet. Die ARD-Sportjournalistin Nora Hespers hingegen bringt es in einem lesenswerten Kommentar auf den Punkt: „Hier hat ein Mann in einer Machtposition eine Frau in aller Öffentlichkeit genötigt, sich küssen zu lassen. Und das hat er gemacht, weil er genau weiß, dass das keine Konsequenzen für ihn haben wird.“ Es gehe nicht um den Kuss, sondern um das Machtgefälle, das ihn zu einem Akt der Gewalt mache. Jennifer Hermoso hat nun in einer gemeinsam mit der spanischen Spielergewerkschaft abgegebenen Erklärung gefordert, „dass beispielhafte Maßnahmen ergriffen werden, um Fußballerinnen vor Handlungen zu schützen, die sie für inakzeptabel halten.“

Halbherzige Entschuldigungen reichen nicht aus. Es müssen Strukturen geschaffen werden, die jeglicher Form von Übergriffen, Missbrauch und Gewalt – sei es sexuell, psychisch oder körperlich – effektiv entgegenwirken.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (24.08.2023)

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Endlich haben die Ferien begonnen und die Zeit des Urlaubs, die viele schon heiß herbeigesehnt haben. Da bietet sich die Chance, dem Stress des Alltags zu entfliehen und ein wenig zur Ruhe zu kommen. Da können wir dem Raum geben, was sonst zu kurz kommt. Urlaubsorte sind Sehnsuchtsorte, die tief in unserer Seele etwas anrühren und zum Klingen bringen, das wir vielleicht lange zu sehr vernachlässigt haben. Für viele gehören auch sportliche Aktivitäten als fixer Bestandteil zur Urlaubsgestaltung. Während die einen dabei Entspannung, Entschleunigung und das innere Gleichgewicht suchen, sind andere auf das große Abenteuer aus, auf Nervenkitzel und den ultimativen Kick. Auch darin zeigt sich, was einem im alltäglichen Leben fehlt. Das mit der Ruhe ist ja nicht so leicht. Manche fühlen sich gerade im Urlaub unruhig und umhergetrieben, brauchen Ablenkung und Zerstreuung und lassen sich von Animateuren auf Trab halten. In der Stille liegt auch eine Bedrohung. Ich muss es erst aushalten, wenn einmal nichts los ist.

Denn dann begegne ich mir selbst. Und das mag für manche keine angenehme Vorstellung sein. Aber es ist eine sehr heilsame Übung. Jesus ruft den Menschen, die müde und erschöpft durchs Leben gehen, zu: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28). Bei ihm können wir jene innere Ruhe finden, nach der unsere Seele sich sehnt. Ja, mehr noch, er kann uns beleben, aktivieren, aufmuntern und uns Flügel verleihen. Die Nähe Jesu verspricht eine Wirkung, die besser ist als bei jedem Energy-Drink, bei ihm erwachen wir so richtig zum Leben. Er befreit uns von all den mühseligen Dingen, die wir uns – meistens selbst – aufhalsen, indem er uns zu erkennen gibt, worum es eigentlich geht im Leben. „Meine Last ist leicht“, sagt er weiter.

Jesus legt mir keine Last auf, die ich nicht tragen könnte. Die Ruhe für die Seele, die er jenen verspricht, die seinen Weg mitgehen, ist eine tiefe Gelassenheit. Die kommt aus der Gewissheit, dass ich nicht alles alleine tragen und vollbringen muss. Sie lässt mich entdecken, dass ich in meinem Leben geführt werde und dass es jemanden gibt, der es im Innersten zusammenhält. Auf dieses Innerste muss ich sorgsam achten, sonst wird das Äußerste mir zur Plage. Eugen Roth sagt in einem Vierzeiler: „Ein Mensch nimmt guten Glaubens an, er hab‘ das Äußerste getan. Doch leider Gott’s vergisst er nun, auch noch das Innerste zu tun.“ Möge der Urlaub dazu Gelegenheit geben, dieses Innerste in den Blick zu nehmen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (13.07.2023)

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Zurzeit finden in Berlin die Sommerspiele der Special Olympics statt. Etwa 7000 Athletinnen und Athleten aus 190 Ländern kämpfen nicht nur um Medaillen in 26 Sportarten, sondern feiern dort ein riesiges Fest der Inklusion. Auch 62 Sportler*innen aus Österreich sind dabei. Bei der Eröffnungsfeier haben die Teilnehmer*innen ihren Eid abgelegt: „Ich will gewinnen! Doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben!“ Nicht alle werden als Sieger heimkehren, aber alle, die dieses Sportfest miterleben, werden Gewinner sein. Etwas mutig zu versuchen ist wertvoller als das Gelingen.

Auch von modernen Fußballtrainern hört man oft, dass sie vor einem wichtigen Spiel ihrer Mannschaft als Devise mitgeben: Wir wollen mutig spielen! Unsere Nationalmannschaft hat uns in den beiden jüngsten Spielen schöne Anschauungsbeispiele dafür gegeben, was damit gemeint ist, nämlich der Auftrag, sich nicht ängstlich vor dem Gegner zu verstecken, nicht in jeder Situation die Sicherheitsvariante zu wählen und nicht das Augenmerk darauf zu richten, möglichst keinen Fehler zu begehen. Mutig spielen bedeutet, sich etwas zuzutrauen, auch gewagtere Spielzüge zu riskieren und seiner Intuition zu folgen. Voraussetzungen dafür sind eine hohe Einsatzbereitschaft jedes einzelnen, Reaktionsschnelligkeit und Flexibilität. Ein solches Spiel kann nur gelingen, wenn man einander gut kennt, fest zusammenhält, sich gegenseitig achtet, vertraut und bestärkt.

Das Gleiche gilt für all jene, die in dieser Welt die Botschaft Jesu ins Spiel bringen wollen. Sie sollen mutig sein. Als Jesus seine Jünger aussendet, gibt er ihnen die Aufmunterung mit auf den Weg: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Wer Angst hat, wird nicht viel erreichen und kaum überzeugend sein. Deshalb sind die so ziemlich wichtigsten und häufigsten Worte, die uns die Bibel immer wieder zuspricht: „Fürchte dich nicht!“ Jesus möchte uns zu einem Leben ohne Angst ermutigen, ohne Angst um die eigene Existenz, ohne Angst vor dem Versagen, ohne Angst, die eigene Schwäche und Unvollkommenheit zu zeigen, ohne Angst, sich zu blamieren oder Ablehnung zu erfahren.

Das wird möglich, wenn ich fest darauf vertraue, dass ich für Gott wertvoll und von ihm geliebt bin, so, wie ich bin. Ich brauche mich nicht verstecken oder verstellen, ich kann zu mir selbst stehen und wahrhaftig leben. Ich kann im Licht leben, ohne zu blenden. Dieser Mut wächst aus einer tiefen Demut.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (22.06.2023)

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Für die einen ist es Wissenschaft, für die anderen Religion. Für die einen ein High-Tech-Laboratorium, für die anderen ein Kultereignis. Die Rede ist von den 24 Stunden von Le Mans, dem berühmtesten Sportwagenrennen der Welt, das heuer seinen hundertsten Geburtstag zelebrierte. Es sind die großen Geschichten zwischen Triumph und Tragödie, Innovation und Tradition, Freundschaft und Rivalität, Geniestreich und Debakel, Mensch und Technik, aus denen der Mythos Le Mans gespeist wird. Und zum Jubiläum hätte wohl nichts Besseres passieren können als ein Sieg von Ferrari, das erstmals seit fünfzig Jahren wieder mit einem Werksteam angetreten ist und auf Anhieb Toyota, den Dominator der letzten Jahre, überflügelte.

In Le Mans gilt die alte Racer-Weisheit: „To finish first, you first have to finish.“ – Um als erster über die Ziellinie zu fahren, musst du zuerst einmal das Ziel erreichen. In 24 Stunden, in denen 5000 Kilometer und mehr abgespult werden, kann viel passieren. Eine kleine Unachtsamkeit, eine Fehleinschätzung bezüglich der Fahrbahnbeschaffenheit, der Witterungsverhältnisse, der Belastbarkeit des Materials oder eines Manövers eines anderen Fahrers, ein Moment der Überschätzung des eigenen Könnens – schon ist das Rennen vorzeitig vorbei.

Dasselbe gilt bei vielen Aufgaben, die uns das Leben stellt, oder bei Zielen, die wir uns setzen – wenn auch die Folgen eines Fehlers nicht immer so dramatisch ausfallen wie hier, wo man permanent gefordert ist, die Grenzbereiche des Möglichen auszuloten. Einen langen Atem, gute Ausdauer und eine realistische Selbsteinschätzung braucht es in vielen Situationen, um Ziele zu erreichen. Wer seine Kräfte zu schnell verbraucht, sich die Latte zu hoch legt oder sich von anderen hetzen lässt, wird bei seinem Vorhaben eher keine Zielflagge sehen. Es wird ihm bald die Luft ausgehen und die Freude abhanden kommen.

Ganz ähnlich ist es auf den Wegen des Glaubens. Manche Menschen entwickeln eine feurige Begeisterung für Gott, wenn sie ihren Glauben entdecken, aber es ist nur ein kurzes Strohfeuer, das bald wieder erlischt, und sie wenden sich schnell wieder anderen Wegen zu, wenn sie merken, dass die erste Euphorie nicht anhält. Der Weg des Glaubens führt auch durch Abschnitte der Trockenheit und Leere. Da braucht es Durchhaltevermögen. Den Israeliten hat Gott abverlangt, vierzig Jahre durch die Wüste zu ziehen und sich im Glauben zu bewähren, bevor sie ans Ziel kamen und das Gelobte Land betreten konnten. Der Hebräerbrief ermuntert uns: „Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens.“ (Hebr 12,1-2) Kraft geben kann uns dabei die Freude auf die Begegnung mit Jesus, der bereits im Ziel auf uns wartet.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (15.06.2023)

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Die Botschaft ist deutlich: „Vinicius sind wir alle. Es reicht jetzt!“ („Vinicius somos todos. Basta ya!“) Mit diesem Spruchband solidarisierten sich die Fans von Real Madrid mit ihrem Stürmerstar Vinicius Junior nach dem Eklat in Valencia. Dort hatte der Brasilianer sehr emotional auf permanente rassistische Beleidigungen von den Zuschauerrängen reagiert. Nach diesem Spiel postete er auf Twitter: „Rassismus ist in La Liga normal. Die Konkurrenz hält es für normal, der Verband hält es auch für normal und die Gegner fördern es. Ich bedauere das sehr.“ Wie viele seiner Mitspieler zeigte sich auch Trainer Carlo Ancelotti empört und unterstrich in einem Interview, dass die spanische Liga ein ernsthaftes Problem habe: „So kann man nicht Fußball spielen. Wir hätten einfach aufhören und nach Hause fahren müssen.“ Beim darauffolgenden Heimspiel in Madrid lief die ganze Mannschaft demonstrativ im Trikot von Vinicius Jr. mit der Rückennummer 20 aufs Feld.

Es ist ein unübersehbares und ermutigendes Zeichen unserer Zeit, dass Menschen sich in vielen Bereichen gegen Formen struktureller Gewalt erheben und – wie etwa in der „MeToo“- oder der „Black Live Matters“-Bewegung – solidarisieren, dass sie nicht länger bereit sind, solche Verletzungen von Integrität und Menschenwürde hinzunehmen. Und es ist für mich immer wieder irritierend und beschämend, wie wenig Unrechtsbewusstsein für diese übergriffigen Verhaltensweisen nicht nur seitens der Agitatoren sondern auch bei denen, die sie stillschweigend dulden, und bei den Verantwortlichen, die Maßnahmen zur Unterbindung rassistischer Auswüchse ergreifen könnten. Vinicius Jr. hat mit seinem Aufschrei eine Diskussion vom Zaun gebrochen. Möge sie zu einer Bewusstseinsveränderung und Sensibilisierung bei Spielern, Funktionären und Fans beitragen.

Der Fußball hat doch die besten Voraussetzungen, um sich als Vorzeigeprojekt für gelingende Integration zu positionieren. Es gibt praktisch keine Profimannschaft, in der nicht Spieler unterschiedlichster Nationalität, kultureller Herkunft oder Hautfarbe problemlos zusammenwirken. Sie wissen, dass sich Erfolg nur dann einstellen kann, wenn sie als Einheit, wie ein einziger Organismus, agieren, wenn sie die Stärken und Fähigkeiten jedes einzelnen optimal zur Geltung bringen, wenn der Charakter eines Menschen zählt, nicht sein Aussehen. Wo das gelingt, ist auch etwas vom Pfingstgeist zu spüren, der „Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel“ (Apg 2,5) in einem starken gemeinsamen Erlebnis verbunden hat.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.06.2023)

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Kennst Du das Momentum? Mich würde interessieren, wie es ausschaut. Ich habe noch nie eines gesehen, aber man hört ja oft im Sport, dass jemand angeblich das Momentum auf seiner Seite hat. Das muss irgendein rätselhaftes Fabelwesen sein oder ein Zaubertrank, in jedem Fall bewirkt es, wenn das Momentum ins Spiel kommt, eine plötzliche, unerwartete Wende und bringt diejenigen, die es auf ihrer Seite haben, auf die Siegerstraße. Beim Fußball-Cupfinale in Klagenfurt war vielleicht das Feuerwerk der Sturm-Fans dieses Momentum, das seine ganze Energie auf die Mannschaft am Platz übertragen hat, die dann ihrerseits ein spielerisches Feuerwerk gezündet haben. Oder es war der berühmte Honigdachs, der in der Pause in der Kabine der Sturm-Spieler beschworen wurde, weil er ein besonders furchtloses und angriffslustiges Tier ist. Das Momentum ist also – wie man auf Neudeutsch gerne sagt – der „Game-Changer“, das, was den entscheidenden Unterschied ausmacht, die „zweite Luft“, von der Sportler auch immer wieder sprechen.

Ein solches Momentum muss auch bei den ersten Christen im Spiel gewesen sein. Wie war das möglich, dass aus dem verängstigen Häufchen der Jünger, die sich hinter verschlossenen Türen verschanzt haben, plötzlich Menschen geworden sind, die mutig hinaustreten in die Welt und eine feurige Begeisterung in sich tragen, die ansteckend ist? Bei ihnen müssen die Menschen eine Kraft und Freude gespürt haben, die sie neugierig macht und in ihnen den Wunsch weckt: So möchte ich auch leben. Was ist ihr Geheimnis?

In erster Linie war das bestimmt die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus, die sie so verwandelt hat, ein Lebensgeist, der jede Angst und sogar den Tod überwindet. Das muss eine wahrlich entfesselnde Erfahrung gewesen sein. Wenn nicht einmal der Tod eine unumstößliche Wirklichkeit ist, wovor muss man dann noch Angst haben? Wenn nicht einmal der Tod diesen Menschen aufhalten kann, dann muss man doch sein Leben auf ihn setzen.

Und dieser auferstandene Jesus lädt auch uns ein, dass wir uns auf eine lebendige Beziehung mit ihm einlassen. Sie macht es möglich, dass auch wir von der göttlichen Kraft erfüllt werden, die Angst in Mut verwandelt und Trauer in Freude, die uns hilft, unsere Lebensängste zu überwinden und über uns selbst hinauszuwachsen. Dieses Momentum hat für uns Christen einen Namen. Wir nennen es Heiliger Geist. Es ist der Lebensatem Gottes, der uns durchfließt. Wir können ihn nicht sehen, aber wir können spüren, wie er wirkt. Er kann zum „Game-Changer“ unseres Lebens werden.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.05.2023)

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Bei der Steirischen Sportwallfahrt in der Grazer Schutzengelkirche haben die Fahrrad-Akrobaten von „Alpha-Trial“ und die Cheerleaders der „Red Hots“ mit eindrucksvollen Darbietungen während des Gottesdienstes gezeigt, dass es mit Mut und Geschicklichkeit, mit Kraft, Gleichgewichtsgefühl und Vertrauen möglich ist, die Schwerkraft zu überwinden und sich zum Himmel emporzuschwingen. Darin liegt der Reiz vieler Sportarten, dass sie mit den Elementen und Kräften der Natur spielen, dass sie zwischen Erdanziehung und Fliehkraft, Masse und Geschwindigkeit, Auftrieb und Abtrieb jenen Punkt ausloten, an dem sich all diese Kräfte gegenseitig aufheben und momenthaft ein Zustand der Schwerelosigkeit eintritt.

Ob beim Schifliegen oder beim Windsurfen, ob auf dem Skateboard oder im Formel-1-Auto, ob beim Fallrückzieher eines Fußballers oder in der überhängenden Kletterwand, ob beim Snowboarden, Trampolinspringen oder Paragliden – überall geht es darum, der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen. Und wir bewundern die Meister der jeweiligen Disziplinen, wenn sie spielerisch die Gesetze der Physik außer Kraft setzten. Wenn jemand sein Sportgerät beherrscht, eine ausgefeilte Technik hat und die Bewegungsabläufe gut eingeübt sind, dann sieht alles ganz leicht aus. Sehr wichtig sind dabei auch der felsenfeste Glaube, dass das Vorhaben gelingt, und das unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie in das Material. Mit diesen Zutaten lässt sich im Sport wunderbar – zumindest kurzzeitig – die Schwerelosigkeit erleben – was sonst nur in den Weiten des Weltalls möglich ist.

Ich kann mir gut vorstellen, dass etwas ganz Ähnliches gemeint ist, wenn die Bibel von der Himmelfahrt Jesu Christi erzählt. Er wird nicht einfach gleich einem Heißluftballon in hohe Lüfte entschwebt sein, wie man das oft auf Darstellungen in Kirchen sehen kann. Aber die Erfahrung der Auferstehung hat wohl seine Existenz ganz elementar verwandelt. Alles Dunkle in seinem Leben ist bis in die hintersten Winkel von hellem Licht durchflutet worden, alles Schmerzvolle geheilt, alles Tote, Erstarrte und Abgestorbene bis in die letzte Faser mit Leben erfüllt. Wer dies erlebt hat, muss von einer ungekannten Leichtigkeit erfasst werden, so dass all das Erdenschwere, das uns in unserem Leben niederdrückt, nach unten zieht und zurückhält, ihn nicht mehr erreichen kann. Wenn wir der Wirklichkeit der Auferstehung trauen, kann das auch unser Leben leicht machen, unser Gemüt emporheben und uns in die richtige Balance bringen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (17.05.2023)

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Es gibt die unterschiedlichsten Motive, Erlebnisse oder Gedanken, die einen Menschen plötzlich explodieren lassen und bei ihm Kräfte, Fähigkeiten oder eine Entschlossenheit freisetzen, von denen man nicht geahnt hätte, dass sie überhaupt da sind. Bei Manprit Sarkaria war es am Sonntag beim ÖFB-Cup-Finale in Klagenfurt eine vergebene Torchance. Nachdem er aus kurzer Distanz das leere Tor verfehlt hat, dachte der Offensivmann des SK Sturm Graz: „So möchte ich nicht in Erinnerung bleiben.“ Der Impuls, diese Schmach von sich abwenden zu wollen, motivierte ihn zu einer fußballerischen Glanzleistung. Sarkaria erzielte in der Folge zwei Tore und durfte seinen ersten Titel feiern. In Erinnerung bleiben wird er mit Sicherheit als der große Matchwinner des Abends.

So kann ein Missgeschick oder ein Fehler unverhofft zu einer Gnade werden, zum Einfallstor für etwas ganz Besonderes. So kann sich eine Schwäche in Stärke verwandeln und dazu führen, dass ein Mensch über sich hinauswächst. Damit das passieren kann, ist es entscheidend, in einem solchen Moment nicht an sich zu zweifeln, in Selbstmitleid zu verfallen und der verpassten Gelegenheit nachzutrauern, sondern unerschütterlich an der Überzeugung festzuhalten, es besser zu können, und darauf zu vertrauen, dass sich noch eine Chance auftut, um dies zu zeigen. Sie lässt sich nicht erzwingen, aber oft genug wird ein solcher Kraftakt des Willens belohnt. Sehr schön drückt dies auch das Motto dieses Cup-Bewerbs aus: „Glaube. Wille. Mut.“

All dies konnte Sturm-Trainer Christian Ilzer seiner Mannschaft mit auf den Platz geben. Vor dem Match zeigte er den Spielern Bilder aus der Fankurve, um ihnen vor Augen zu stellen, was ein Cupsieg bewirken kann und was er den Fans bedeutet. Und zur Pause, als es noch 0:0 stand, motivierte er sie in der Kabine: „Dieses Spiel findet nur heute statt. Jeder legt noch ein paar Prozent dazu, dann kann der Verlauf auf unsere Seite kippen.“ Auch das ist wichtig: Die ganze Aufmerksamkeit muss dem Jetzt gelten, dem, was ich momentan tue. Dann kann es gelingen, etwas zu schaffen, das lange in Erinnerung bleibt – verbunden mit großen positiven Emotionen –, und für viele zur Inspiration wird.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (04.05.2023)

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„Wir werden das maximal Mögliche machen, dann kann vielleicht das Unmögliche passieren.“ So kommentierte Christian Ilzer, Trainer des SK Sturm Graz, die schmerzliche Niederlage seiner Mannschaft gegen Red Bull Salzburg im möglicherweise vorentscheidenden Meisterschaftsspiel. Und tatsächlich ist das „Unmögliche“ wenige Tage später schon wieder ein Stück näher in den Bereich des Realistischen gerutscht, da die Salzburger bei Rapid erneut Punkte liegen gelassen haben und Sturm sich gegen die Wiener Austria trotz zweimaligem Rückstand und trotz äußerst fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen tapfer zurückgekämpft hat und einen 3:2-Sieg einfahren konnte.

Die Parole „Alles ist möglich“ gilt ja nicht nur beim Lotto, sondern auch im Sport, der schon die unglaublichsten Geschichten geschrieben hat. Christian Ilzer weiß natürlich, worauf es in solchen Situationen ankommt: Sich nicht in Spekulationen darüber versteigen, was in den Spielen der anderen alles passieren könnte, oder in Lamentationen verfallen, was man in vergangenen Partien hätte besser machen können, sondern seine volle Aufmerksamkeit auf das richten, was man selbst in der Hand hat und selbst gestalten kann. Und das sind die Begegnungen der fünf ausstehenden Runden. Die oft gehörte Phrase „Wir schauen nur von Spiel zu Spiel und dann sehen wir, was am Ende herausschaut.“ hat natürlich – auch wenn ich sie dem, der sie ausspricht, nicht immer ganz abnehme – eine tiefe Richtigkeit. Einfluss habe ich nur auf das eigene Spiel. Und selbst da nur auf das gegenwärtige, nicht auf das übernächste.

In der Bibel heißt es immer wieder: „Für Gott ist nichts unmöglich.“ (vgl. etwa Lk 1,37; Mt 19,26 oder Mk 14,36) Sie gibt uns viele Beispiele dafür, dass für den oder die, der oder die glaubt, vieles Wirklichkeit werden kann, was nach menschlichem Ermessen unmöglich erscheint. Es geschieht einfach – und oft gerade dann, wenn wir am allerwenigsten damit rechnen. Wir müssen es bloß zulassen, das uns Mögliche dazu beitragen und es nicht durch unsere eigene Skepsis, durch mangelndes Zutrauen selbst verunmöglichen. Und das immer in dem Vertrauen, dass das, was auch immer dann eintritt, zu unserem Besten geschieht und dazu beiträgt, dass wir in unserem Menschsein voranschreiten können.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (28.04.2023)

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Spanien, Portugal und Marokko wollen sich gemeinsam um die Austragung der Fußball-WM 2030 bewerben. Auch wenn diese drei Länder erst über Umwege zu diesem gemeinsamen Projekt zusammengefunden haben, auch wenn die Idee noch recht unausgegoren zu sein scheint, auch wenn die soziale und politische Situation in Marokko – etwa bezüglich der Einhaltung der Menschenrechte – ähnlich wie in Katar viele Fragen aufwirft, finde ich doch den Gedanken sehr interessant und unterstützenswert, eine Weltmeisterschaft über die Kontinentalgrenzen von Europa und Afrika hinweg zu veranstalten.

Das wäre ein kräftiger Kontrapunkt gerade in Zeiten, da Europa eine Politik der Abschottung gegenüber dem ärmeren – oder besser: armgehaltenen – Süden verfolgt und den Ausbau der „Festung Europa“ vorantreibt. Das Mittelmeer wird dabei zum Wassergraben um diese Burg, in dem unzählige Menschen den Tod finden. Diese schreckliche Tatsache kann uns Europäer*innen, das oft beschworene christliche Abendland, nicht gleichgültig lassen.

Einst hat Jesus am See Gennesaret vier Fischer angesprochen und sie aufgefordert, sich von nun an als Menschenfischer zu betätigen. Heute begeben sich Leute in der Seenotrettung im Mittelmeer mutig in das riskante Spannungsfeld zwischen Gesetzen und Gewissen, zwischen politischer Doktrin und Humanität, um ganz buchstäblich diesem Ruf Jesu zu folgen, um Menschen aus dem Wasser zu fischen und sie vor dem Ertrinken zu retten. Viele von ihnen tun es motiviert durch ihre christlichen Überzeugungen.

Durch eine WM-Endrunde in Ländern diesseits und jenseits der Straße von Gibraltar könnte der Sport helfen, eine Brücke über diesen tödlichen Burggraben zu bauen und trennende Mauern durchlässiger zu machen. Er könnte seine völkerverbindende Wirkung entfalten, könnte Ressentiments abbauen und stattdessen Brücken der Menschlichkeit und Bande der Freundschaft fördern. Auch davon lebt die Faszination des Sports.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (18.04.2023)

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Ehrgeiz und Siegeswille sind wichtige Tugenden im Sport. Man kann es damit freilich auch übertreiben, was den Betreffenden selbst, aber auch einem Wettbewerb oder einer ganzen Sportart nicht gut bekommt. Beim erfolgsverwöhnten FC Bayern München musste Trainer Julian Nagelsmann den Sessel räumen, nachdem seine Mannschaft kurzzeitig auf den zweiten Tabellenplatz in der Bundesliga zurückgerutscht war. „Das entspricht nicht unserem Anspruch“, teilte die Vorstandsetage des glamourösen Traditionsvereins mit, der im Jahr 2012 zum letzten Mal nicht deutscher Meister wurde und seither zehnmal en suite – meistens mit riesigem Vorsprung – den Titel eingefahren hatte. Das darauf folgende Ausscheiden im DFB-Pokal unter neuem Trainer kommentierte der Mittelfeldspieler Joshua Kimmich so: „Am Ende des Tages kotzt mich das einfach brutal an, je mehr Titel wir verspielen.“

Das Schöne, Reizvolle und Emotionale an Siegen ist doch, dass sie etwas Besonderes und nicht Alltägliches sind, dass dafür viele Mosaiksteinchen – auch Faktoren, auf die man selbst keinen Einfluss hat – zusammenpassen müssen. Es ist immer etwas Geschenkhaftes, Unverfügbares dabei. Wenn ein Titel kein Glücksfall mehr ist, sondern die Normalität, ein Anspruch oder eine Bringschuld, wenn man ihn nicht mehr gewinnen, sondern nur noch verspielen kann, dann führt es zwangsläufig zu Magenverstimmungen. Doch jeder sportliche Wettbewerb lebt von Abwechslung und Überraschung. Wenn immer die gleichen gewinnen, wird es langweilig und das Interesse geht verloren. Das sollte auch jenen bewusst sein, die im alpinen Schisport gleich eine Krise heraufbeschwören, bloß weil Österreich diesmal nicht die Nationenwertung im Weltcup gewonnen hat und ohne Goldmedaille von einer WM heimgekehrt ist.

Gerade dort, wo horrende Summen an Geld im Spiel sind, ist es immer wieder befreiend und belebend, wenn sich zeigt, dass man Erfolg im Sport nicht kaufen kann, dass der Sport mehr ist als ein Geschäftsmodell, eine Investmentidee oder ein Aktienportfolio. Es ist schön, wenn nicht die gewinnen, die zum Siegen verdammt sind, sondern jene, die für ihren Sport brennen und sich aufrichtig und aus tiefstem Herzen darüber freuen können.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (07.04.2023)

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Die jüngste Erklärung von IOC-Präsident Thomas Bach hat viel Staub aufgewirbelt. Das Internationale Olympische Komitee sprach sich dafür aus, dass Sportlerinnen und Sportler aus Russland und Belarus unter bestimmten Voraussetzungen und ohne Flagge zu zeigen zur Teilnahme an den bevorstehenden Olympischen Spielen zugelassen werden. Es hagelte heftige Kritik aus vielen Richtungen, die aber – interessanterweise – vor allem von Politikern vorgetragen wurde. Das ist durchaus verständlich, untergräbt der Vorschlag doch die in Europa fast einhellig vertretenen Doktrin einer möglichst weitgehenden Isolation Russlands. Eine ganz andere Frage ist aber: Was nützt dem Sport und dem Olympischen Gedanken? Diese weltumspannenden Spiele verstehen sich ja nicht nur als sportliche Leistungsschau, sondern auch und vor allem als völkerverbindendes Friedensprojekt.

Es ist eine Gretchenfrage für den Sport: Wie hältst du’s mit der Politik? Und das ist wohl immer wieder eine heikle Gratwanderung. Da gibt es meist keine eindeutig richtigen oder falschen Entscheidungen. Und ein Sport, der in einem gänzlich politikfreien Raum stattfindet, das ist wohl eine naive Vorstellung. Er hat seinen Platz inmitten dieser realen Welt mit ihren konkreten Machtkonstellationen und unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen. Sport und Politik, das wird immer eine spannungsgeladene Beziehung sein. Der Sport darf sich nicht von der Politik instrumentalisieren lassen und er soll autokratischen Herrschern oder menschenrechtsverletzenden Regimen, die das positive Image des Sports für ihre Propaganda benützen, keine Bühne bieten. Diesbezüglich herrscht großer Handlungsbedarf für eine Kurskorrektur – denken wir nur an die Austragungsorte sportlicher Großevents in den vergangenen Jahren.

Aber der Sport steht auch nicht über der Politik. Er kann keine Schiedsrichterrolle in geopolitischen Konflikten einnehmen. Es gibt ja viele Staaten auf dieser Erde, die in kriegerische Handlungen, militärische Operationen oder gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt sind. Wer müsste da sonst aller von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden? Doch der Sport kann vielleicht, indem er die ihm immanenten Werte wie Fairness, Kameradschaft, Respekt und das Anerkennen gemeinsamer Regeln glaubhaft vorlebt, einen Impuls zu Verständigung, Versöhnung, gewaltfreier Konfliktlösung und Frieden beitragen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (31.03.2023)

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„Jeder Mensch hat die gleiche Würde, aber nicht alle haben die gleichen Talente.“ Das erste Wort im Film „Stams – Österreichs Kaderschmiede“ hat der Pfarrer. In seiner Predigt beim Gottesdienst zu Beginn eines neuen Schuljahres in dem renommierten Tiroler Schigymnasium redet er den Nachwuchshoffnungen des ÖSV ins Gewissen. Er bestärkt sie in dem Bewusstsein, so etwas wie Auserwählte, eine Elite zu sein. Doch wem eine Begabung geschenkt ist, der oder die trage auch eine Verantwortung. Das ist gleichsam der rote Faden, der sich durch den ganzen Film zieht. Er begleitet die Mädchen und Burschen zum Training, in den Unterricht, zur Physiotherapie, in die Kraftkammer, zur Videoanalyse der Trainingsfahrten, während ihrer Freizeit, zu den Wettkämpfen und sogar bis in den Duschraum. Jede kleinste Tätigkeit, selbst Meditationsübungen mit der Klangschale, scheinen einzig und allein dem großen Ziel zu dienen, aus den Zöglingen erfolgreiche Athlet*innen und Siegertypen zu formen.

Der Film von Bernhard Braunstein beobachtet, nimmt Anteil, baut ein wenig Nähe zu den Protagonist*innen auf und gewährt gute Einblicke in ein System, wo junge Menschen in einem hochprofessionellen und streng strukturierten Umfeld auf dem Weg zum Spitzensportler, zur Spitzensportlerin begleitet werden. Er kommentiert nicht, stellt keine Fragen und bezieht keine Position, sondern wirkt fast wie ein Imagefilm für die berühmte Sportschule. Die Schattenseiten eines solchen Hochleistungslaboratoriums in Verbindung mit dem abgeschotteten Internatsleben – und die gibt es zwangsläufig auch – werden weitgehend ausgeblendet. Das finde ich schade. Wie sieht es mit der gleichen Würde aus, wenn jemand die erwartete Leistung nicht bringt? Dem Umgang mit Verletzungen, die zum Alltag des Schisports ganz selbstverständlich dazugehören, und den darauf folgenden Schritten der Therapie und Rehabilitation gibt der Film reichlich Raum, aber wie ist es mit Versagen und Scheitern, mit psychischem Druck, mit Rivalität und Konkurrenzkampf? Was erzählen Absolvent*innen im Rückblick darüber, wie sie diese Eliteschule erlebt haben?

Eine Szene zeigt, wie in der Philosophiestunde die Frage diskutiert wird: „Habe ich einen Körper oder bin ich ein Körper?“ Faktisch werden die jungen Menschen angeleitet, ihren Körper gut kennenzulernen, um ihn zu Hochleistungsmaschinen heranzubilden. Ein Mädchen sinniert mit ihrer Freundin: „In 20 Jahren habe ich vielleicht 10 Kristallkugeln, vielleicht aber auch gar keine.“ Immer wieder ist davon die Rede, dass die Sportler*innen „abliefern“ müssen. Es ist ihre Verantwortung, gleichsam ihre Pflicht gegenüber der Schination, dass sie Siege für Österreich einfahren. Vielleicht hätte der Pfarrer am Beginn besser daran getan, aus der Botschaft des Glaubens heraus diesen Druck zu entkräften und das diesem System innewohnenden Leistungsideal aufzubrechen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (20.03.2023)

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Zwei Schlagzeilen nach dem ersten Saisonrennen der Formel 1: „Mercedes zieht die Reißleine“ und „Ferrari hadert mit Unzuverlässigkeit“. Beide Teams mussten ernüchtert zur Kenntnis nehmen, dass nicht nur die souverän siegreichen Red-Bull-Boliden für sie momentan außer Reichweite sind, sondern auch der bestens aufgelegte Altmeister Fernando Alonso im Aston Martin ihnen munter um die Ohren fuhr. Da brennt bei den Traditionsrennställen mit dem Anspruch, um die Weltmeisterschaft mitzumischen, bereits lichterloh der Hut. Doch wie unterschiedlich gehen die beiden Teams damit um. Während man bei Ferrari hadert und versucht, mit den üblichen Beteuerungen zu kalmieren, hat Mercedes-Teamchef Toto Wolff einen ungewöhnlich radikalen Schritt angekündigt: Man wolle nicht an dem aktuellen Auto, einer Weiterentwicklung des Vorjahresmodells, festhalten, sondern innerhalb weniger Wochen ein komplett neues Chassis auf die Räder stellen.

Abgesehen vom Risiko des Scheiterns und der Mehrbelastung während der gerade erst angelaufenen Rennsaison erfordert dieser Schritt auch viel Mut und setzt die Fähigkeit zu einer kritischen und uneitlen Selbstreflexion voraus. Es ist nicht leicht, sich selbst und dann auch anderen gegenüber einzugestehen, dass ein Weg, den man über einen längeren Zeitraum, mit viel Einsatz und voller Überzeugung, beschritten hat, eine Sackgasse ist und nicht ans Ziel führt. Wie oft ist es so, dass man zwar das Unbehagen an seiner gegenwärtigen Situation spürt und sogar eine Ahnung hat, was falsch läuft, den Sand ins Getriebe bringt und einen vielleicht sogar krank macht. Und trotzdem setzt man mit Maßnahmen zu einer Verbesserung ganz woanders an, weil das Offensichtliche einfach nicht sein darf, weil man nicht bereit ist, ein Scheitern anzuerkennen. Stattdessen hadert man lieber mit dem Schicksal. Eine positive Veränderung wird man so freilich nicht erreichen.

Jesus beginnt seine Verkündigung mit dem Aufruf: „Kehrt um!“ Besonders jetzt, in der Fastenzeit, sind wir eingeladen, ihn uns zu Herzen zu nehmen. Und damit sind nicht ein paar Bußübungen und kosmetische Korrekturen gemeint, sondern eine völlige Neuausrichtung unseres Denkens, unserer Weltsicht und unserer Lebensweise. Dieses Wort bedeutet, dass wir unseren Geist erneuern und befreien, dass wir heraustreten aus eingefahrenen Schablonen, dass wir ohne Scheuklappen und mit Mut zur Wirklichkeit die Welt und unser Leben in den Blick nehmen. Es bedeutet, nicht zu hadern mit den Lebensumständen, unter denen wir leiden, sondern zu handeln, um von den Wurzeln her eine heilsame Veränderung herbeizuführen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (09.03.2023)

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Mit einem Freudenschrei, der von Planica bis nach Vorarlberg zu hören sein solle, bejubelte Eva Pinkelnig ihren 100-Meter-Sprung, mit dem sie sich Platz zwei auf der Normalschanze sicherte. Wie schon bei den Alpinen starteten auch bei der nordischen Schi-WM in Slowenien die Damen mit einer Medaille in die Wettkämpfe.

Aufhorchen ließ die unbekümmerte Dornbirnerin mit bewegter Lebensgeschichte schon davor bei einem Interview in der ORF-Sendung „Sport am Sonntag“, in dem sie freimütig erzählte, welche Bedeutung Gott für ihr Leben hat: „Dass es jetzt so läuft, ist einfach unglaublich. Wenn ich alles Menschenmögliche gebe, gibt Gott auch noch etwas dazu, denn es ist schon ein kleiner Teil Wunder dabei in meiner Geschichte.“ Und als die Moderatorin Karoline Rath-Zobernig nachfragte, welche Rolle der Glaube für sie spiele, antwortete die Schispringerin: „Gott spielt in meinem Leben keine Rolle, er ist der Regisseur. Er hat es im Griff und ich glaube fest daran, dass er einen guten Plan hat für mein Leben, dass ich nie tiefer fallen kann als in seine Hand. Ich bin geliebtes Kind von ihm und das ist leistungsunabhängig. Das gibt einfach Sicherheit. In einer Welt, in der wir alle nach Leistungen beurteilt werden, gibt es mir als Mensch einen Wert, der viel tiefer geht. Und auf dem Wert, auf der Basis kann ich aufbauen, kann Gas geben, kann mich schinden im Krafttraining und kann immer wieder Schritt für Schritt gehen in dem Glauben, dass meine Geschichte weitergeht und dass sie gut endet.“

Nachdem sie in der Vergangenheit phasenweise mit den Strukturen und Mechanismen im Spitzensport gerungen hatte, habe Pinkelnig inzwischen gelernt, Kämpfe, die nicht ihre sind, nicht zu kämpfen. „Das zu unterscheiden, war auch ein Prozess. Ich mache jetzt einfach meinen Job. Alles andere müssen andere regeln. Mein Job ist es, dass ich weit springe, dass ich laut juble, dass ich eine gute Teamkollegin bin, dass ich mit Respekt und Wertschätzung mit den Menschen umgehe, mit denen ich arbeite. Und das mache ich im Moment sehr, sehr gut.“ Große Hochachtung vor diesem mutigen und ermutigenden Glaubenszeugnis!

Im Psalm 18 beten wir: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18,30) Die Übersetzung des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber drückt es noch passender aus: „Mit meinem Gott erspringe ich die Schanze.“ Der wird zwar nicht das Schispringen im Blick gehabt haben, dennoch wünsche ich Eva Pinkelnig mit diesem Vers, dass sie mit Gott noch viele weite Sprünge macht – in Planica und auch in ihrem Leben.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (24.02.2023)

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Die Schi-WM in Courchevel und Méribel ist ohne Gold für Österreich zu Ende gegangen. Dies hat einige Journalisten gleich veranlasst, eine Krise des heimischen Schiteams auszurufen. Es scheint nur die Statistik zu zählen und Rang 8 im Medaillenspiegel für die Schination Österreich eine mittlere Katastrophe zu bedeuten. Ich finde, sieben Medaillen, zu denen außerdem noch sieben „Blecherne“ hinzukommen, sind keine Bilanz, für die man sich schämen müsste. Es glänzt auch das, was nicht Gold ist. Viel schöner und bewegender als Zahlen und Tabellen sind doch ohnehin die Geschichten, die eine solche Weltmeisterschaft schreibt. Und derer gab es in Frankreich einige zu erleben, an die man sich noch lange und gerne erinnern wird.

Ich denke da an die Geschwister Ricarda und Raphael Haaser, die beide an aufeinanderfolgenden Tagen relativ unterwartet in der Kombination auf das Podest fuhren. Oder an Nina Ortlieb, die 31 Jahre nach dem Olympiasieg ihres Vaters im nur wenige Kilometer entfernten Val-d‘Isère Silber in der Abfahrt gewann. Oder daran, dass sie und Conny Hütter mit Edelmetall dafür belohnt wurden, dass sie sich nach schweren Verletzungen mühsam zurückgekämpft haben. Oder an die sensationelle Silbermedaille des Griechen AJ Ginnis im Slalom. Und besonders an die großartigen Leistungen von Marco Schwarz, der als Allrounder bei fünf Bewerben am Start stand, bei allen fünf zur Siegerehrung der ersten sechs durfte und seiner Sammlung zwei weitere Medaillen hinzufügte. Das sind doch Ereignisse, über die man sich herzlich freuen kann.

Mir gefällt auch die nüchterne Herangehensweise des Kärntners, der, angesprochen auf seine guten Leistungen gerade bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, meinte: „Ich mach nix Spezielles draus.“ Bei solchen Großereignissen komme es doch, genauso wie bei jedem anderen Rennen oder Training, nur darauf an, gut Schi zu fahren und zwischen vorgegebenen Toren möglichst schnell ins Ziel zu kommen. Und als er gefragt wurde, ob es ihn nicht ärgere, dass er bei seinem immerhin erst zweiten Abfahrtslauf um bloß vier Hundertstelsekunden das Podest verpasst habe, antwortete Schwarz: Wenn er an das jüngste Erdbeben oder den Krieg in der Ukraine denke, dann relativiere das sehr viel und es solle ihm nichts Schlimmeres passieren als dieser vierte Platz.

Der heilige Ignatius von Loyola spricht in seinen geistlichen Übungen von der Indifferenz gegenüber den Dingen dieser Erde. Der Mensch soll sich ihnen gegenüber gleichmütig verhalten, sie also soweit gebrauchen, als sie ihm zum Erreichens seines Zieles helfen und sie lassen, sofern sie ihn daran hindern. Diese Haltung der Indifferenz hilft zu einer Gelassenheit und unmittelbarer Gegenwärtigkeit, in der etwas ganz Spezielles passieren kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (22.02.2023)

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Das Phrasenschwein von Armin Assinger ist bereits prall gefüllt. Beim bisherigen Verlauf der Schi-WM in Frankreich waren offenbar für den TV-Experten Binsenweisheiten nicht immer vermeidbar. Etwa jene, dass Weltmeisterschaften ihre eigenen Gesetze haben und sportliche Großereignisse oft mit ganz unerwarteten Ergebnissen aufwarten können. Wenig überraschend war hingegen der souveräne Abfahrtssieg von Marco Odermatt, der eine nahezu perfekte Fahrt ablieferte, die er selbst im Ziel mit einem lauten Schrei der Erleichterung quittierte. Armin Assinger inspirierte sie – frei nach Leonardo da Vinci – zu dem schönen Kommentar: „Einfachheit ist die höchste Form der Finesse.“ Die ideale Linie ist eben meist recht unspektakulär und die schnellste Fahrt zugleich jene, die aussieht, als gäbe es nichts Leichteres.

„Simplify Your Life“ ist ein Leitsatz vieler Lebens-Coaches, der nicht nur auf der Abfahrtspiste Gültigkeit hat. In unseren hoch komplexen, immer unübersichtlicher und undurchschaubarer werdenden Lebensvollzügen fühlen sich viele Menschen heillos überfordert und gleichen einem Schifahrer, der wild mit den Armen rudernd um seine Linie kämpft. Weit abgedriftet von der Spur, die uns den Wurzeln und Quellen unseres Seins entlangführt, werden wir im zur Seite geschobenen Tiefschnee der Sachzwänge, Banalitäten und Nebensächlichkeiten eingebremst. Dann braucht es größte Kraftanstrengungen, um sich zurückzukämpfen und wieder Fahrt aufzunehmen. Statt auf Zug zu kommen und entschlossen auf sein Ziel zustreben zu können, fühlt sich das Leben an, als wäre man von einer Lawine überrollt worden und man verliert die Kontrolle darüber. Sehr leicht passiert es dann, dass man beim nächstbesten Hindernis einfädelt, es nicht mehr ins nächste Tor schafft oder zu Sturz kommt.

Bei vielen macht sich deshalb eine tiefe Sehnsucht nach mehr Einfachheit, Echtheit und Ursprünglichkeit bemerkbar. Doch wie finde ich zu dieser höchsten Stufe der Finesse? Marco Odermatt wird in vielen Trainingsfahrten daran gearbeitet haben, Fehler auszumerzen, die Einstellungen des Materials zu optimieren und seine Technik zu verfeinern. Das Zauberwort beim Schifahren ist die perfekte Mittellage, also die Ausbalanciertheit in allen Bewegungsabläufen. Ebenso braucht es in anderen Belangen die Fähigkeit zu unterscheiden, was wesentlich und unwesentlich ist, was mein Leben einfacher und was es komplizierter macht, was Kräfte fließen lässt und was bremst. Der Prophet Jesaja im Alten Testament der Bibel fragt: „Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht?“ (Jes 55,2) Auch er beobachtet, dass Menschen falsche Ziele verfolgen, dass sie keine Balance finden und ihre Kräfte ins Leere laufen. Das Einfache ist nicht leicht zu erreichen, es ist eine hohe Kunst.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (16.02.2023)

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„Warte nicht auf das Glück, dann kommt das Pech auch nicht.“ Diese Weisheit, so erzählte Cornelia Hütter nach dem Gewinn der Bronzemedaille beim WM-Super-G, habe sie von Aksel Lund Svindal aufgeschnappt. Der norwegische Schi-Philosoph hat ja ebenso wie sie sowohl sportliche Höhenflüge erlebt als auch schwere Verletzungen zu verkraften. Solche Rückschläge lehren einen, dass nicht nur das Glück ein Vogerl, sondern auch der Erfolg ein sehr flüchtiges Gas ist. Beide lassen sich nicht festhalten und erst recht nicht herbeizwingen.

Ob ein Ereignis in meinem Leben ein Glück oder Pech ist, das kann ja meistens erst rückblickend, mit entsprechendem zeitlichem Abstand beurteilt werden, wenn ich sehe, in welcher Weise es den Verlauf meines Lebens beeinflusst hat, ob es mir geholfen hat, ein glücklicherer Mensch zu werden oder mich davon abgehalten hat. Und da kann sich so manches, was ich momentan für ein Unglück halte, als Glücksfall erweisen. Nicht umsonst sagt die Tante Jolesch in Friedrich Torbergs Anekdotensammlung: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

Damit mein Leben glücken kann, ist es nicht so entscheidend, dass ich Glück habe, sondern viel eher, dass ich alles, was mir widerfährt, so annehmen kann, dass ich daran wachsen und reifen kann. Etwa mit der Haltung: Was auch immer geschieht, es dient dazu, mich zu einem glückenden, erfüllten Leben zu führen. Es fällt auf, dass Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt gerade solche Menschen in den Blick nimmt, denen nach gängiger Einschätzung nicht unbedingt das Glück hold ist: die Armen, die Trauernden, die nach Gerechtigkeit dürsten, die verschmäht und verfolgt werden. Auch hier sind es Menschen, die nicht auf das große Glück warten, sondern sich ihre eigene Armut eingestehen können, Mitgefühl empfinden, friedfertig und wahrhaftig leben. Es sind diejenigen, die nicht mit ihrem Schicksal hadern und sich einfach damit abfinden, wie unfair das Leben ist, sondern sich dafür einsetzten, dass diese Welt für alle ein gerechterer, lebenswerterer Ort wird. Das Glück findet nicht, wer es für sich selbst sucht und ihm verbissen nachjagt, sondern eher, wer andere glücklich macht.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (10.02.2023)

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„95 Prozent sind Angriff, aber die letzten fünf Prozent sind Lockerheit.“ Das sagte TV-Experte Hans Knauß beim Nacht-Riesentorlauf in Schladming, als er einen Läufer kommentierte, der etwas überpowert unterwegs war und eine gute Laufzeit mit der Brechstange erzwingen wollte. Allein mit Kampf und Krampf stellt sich der Erfolg nicht ein. Es braucht natürlich das Können, die nötige Kraft und Technik, die sich die Athleten in hartem Training aneignen. Doch darüber hinaus ist es entscheidend, dass all diese Fähigkeiten ganz selbstverständlich und spielerisch zur Entfaltung kommen. Ein perfekter Lauf sieht meistens so aus, als wäre alles ganz einfach, er vermittelt eine gewisse Leichtigkeit, etwas Tänzerisches, Virtuoses, Freudvolles und Unbekümmertes. Und er fühlt sich wahrscheinlich auch für den Läufer, die Läuferin so an.

Diese Beobachtung gilt natürlich nicht nur im Sport, sie lässt sich auf viele Lebensvollzüge übertragen – auch auf den Glauben. Wer seiner Arbeit mit Krampf und Verbissenheit nachgeht, wer sie nur als Mühe und Plage empfindet, wird dabei auch nicht sehr erfolgreich sein und wahrscheinlich irgendwann im Burnout landen. Wird sie jedoch lustvoll und erfüllend erlebt, dann setzt sie ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten frei, dann stellt sich dabei eine Lockerheit ein, die ansteckend ist und Begeisterung für eine Sache weckt.

Was den Glauben betrifft: Es gibt viele Menschen, die dabei vor allem das Einhalten von Geboten im Blick haben, die verbissen ihren religiösen „Pflichten“ nachgehen und darin weder Freude noch Erfüllung ausstrahlen. So kann die Botschaft Jesu nicht gemeint sein. Er sagt ja: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28-30) Natürlich braucht das Glaubensleben auch regelmäßige Einübung, eine tägliche Praxis im Gebet, die Konsequenz und mitunter auch Durchhaltevermögen verlangt. Wenn ich dabei in die Gegenwart Jesu eintauche und die Berührung mit ihm suche, der mir sein Herz öffnet und mich mit seinem Geist erfüllt, dann kann meine gehetzte Seele zur Ruhe kommen, es kann sich eine himmlische Leichtigkeit, Gelassenheit und Lockerheit ausbreiten – religiös gesprochen könnte man es Erlöstheit nennen –, die beflügelt und eine gewinnende Freude ausstrahlt. Dann können sich die letzten Prozent unseres Menschseins entfalten.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (03.02.2023)

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Sie gilt als das letzte große Abenteuer und die gefährlichste Sportveranstaltung der Welt: Die Rallye Dakar, die heuer in der Saudi-Arabischen Wüste ausgetragen wurde. Dem Salzburger Matthias Walkner, dem man schon an seinem rustikalen Dialekt anmerkt, dass er ein echter Naturbursch und ein ganz wilder Hund ist, wurde sie beinahe zum Verhängnis. Den ersten schweren Sturz steckte er noch tapfer weg und stieg trotz eines stark geschwollenen Handgelenks wieder auf seine Motocross-Maschine. Nach einem weiteren war jedoch Endstation, da hatte es ihn am Rücken erwischt und im ersten Moment stand sogar die Gefahr einer Querschnittlähmung im Raum. Walkners Teamkollege Kevin Benavides harrte wie der barmherzige Samariter bis zum Eintreffen des Rettungshubschraubers stundenlang bei ihm aus. Zum Glück kam im Spital sehr rasch die Entwarnung: keine Wirbelbrüche.

Über Sinn und Daseinsberechtigung solch grenzwertiger Veranstaltungen lässt sich natürlich streiten. Mich interessiert eher die Frage: Was veranlasst Menschen dazu, eine solche Extremerfahrung in der Wüste mit all den damit verbundenen Strapazen und Gefahren zu suchen? Sind das bloß Menschen, die nichts Sinnvolles mit ihrem Leben anzufangen wissen und um jeden Preis das Schicksal herausfordern wollen? Es mag der Wunsch dahinter stehen, sich selbst besser kennenzulernen. Und wer an Grenzen geht, kommt auch mit der Welt in Berührung, die sich jenseits dieser Grenze auftut. Es ist gewissermaßen eine Transzendenzerfahrung, eine Begegnung mit dem Bereich des Göttlichen.

Wüstenerfahrungen haben daher in der Geschichte der Spiritualität eine lange Tradition und auch die Bibel ist voll von Erzählungen, wo Menschen in die Wüste und durch die Wüste geführt werden. Sie ist dabei häufig ein Ort der Läuterung und der Bewährung. So musste das Volk Israel zwischen seiner Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten und dem Erreichen des verheißenen Landes zunächst einmal vierzig Jahre durch die Wüste wandern. Jesus suchte die Wüste auf, um Klarheit über seine Berufung zu erlangen, und hatte dabei die Sonderprüfungen der Versuchungen zu bestehen. Und die Wurzeln des christlichen Mönchtums liegen bei den Wüstenvätern, die sich als Einsiedler dorthin zurückgezogen hatten, um fernab jeglicher Zerstreuung frei und empfänglich für die leise Stimme Gottes zu sein. Sich der Wüste auszusetzen kann ebenso zu einem spirituellen Abenteuer werden, das uns an die Grenzen und zum Wesenskern unseres Menschseins führt.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (26.01.2023)

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„Ich habe einen Rucksack zu tragen, aber ich weiß, was drinnen ist.“ Das sagte die steirische Abfahrerin Cornelia Hütter neulich in der ORF-Sendung „Sport am Sonntag“, angesprochen auf ihren Startverzicht beim Super-G in Lake Louise. Nach ihren zahlreichen Verletzungen wisse sie, was sie ihrem Körper zumuten kann, und sei stolz auf ihre Entscheidung, dieses eine Rennen auszulassen, bei dem sie sich nicht ganz fit gefühlt habe.

Es trägt wohl jeder Mensch auf seinem Lebensweg einen solchen Rucksack mit sich, der bepackt ist mit belastenden Erlebnissen, mit – nicht nur körperlichen, sondern auch seelischen – Verletzungen, Traumatisierungen, Erfahrungen des Scheiterns und Versagens, der Enttäuschung oder der Schuld. Das gehört zum Leben, es ergibt sich aus der Tatsache, dass wir als Menschen begrenzte und unvollkommene Wesen sind, dass wir erlösungs- und versöhnungsbedürftig sind.

Besonders bedrohlich wird dieser Rucksack, wenn sich Brocken darin angesammelt haben, die mir nicht bewusst sind, die ich verdrängt habe oder nicht wahrhaben will, wenn ich versuche, mich so fortzubewegen, als wäre kein Rucksack vorhanden. Dann wird sein Gewicht mich immer wieder ins Schleudern bringen und aus der Bahn werfen. Zugleich bedeutet es immer ein Risiko, seinen Rucksack zu öffnen, dessen Inhalt anzuschauen und zu ordnen. Es ist mit der Angst verbunden, mit dem, was dabei zum Vorschein treten könnte, überfordert zu sein und nicht umgehen zu können. Es verlangt viel Mut, Kraft und Vertrauen. Oft wollen wir es lieber gar nicht wissen und fühlen uns nicht bereit, uns manchen Schatten aus der Vergangenheit zu stellen.

Das Beispiel von Conny Hütter zeigt, dass es heilsam und befreiend ist, sich mit dem Inhalt seines Rucksacks aktiv auseinanderzusetzen, und dass es hilft, die richtigen Entscheidungen für den weiteren Weg zu treffen. Bestimmt ist sie dabei auch gut begleitet und gecoacht worden. Es ist hilfreich, nicht allein auf die dunklen Seiten seines Leben hinschauen zu müssen. Und es kann dazu ermutigen, wenn ich die Gewissheit habe, von Gott angenommen, gehalten und geliebt zu sein, ganz gleich, was auch immer ich erlitten oder verbockt habe. So, wie es etwa in den Gebeten der Psalmen zum Ausdruck kommt: „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. … Du bist vertraut mit all meinen Wegen. … Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt.“ (aus Psalm 139) Wenn Gott mich annimmt, dann kann ich es selbst auch wagen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (18.01.2023)

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Wir haben vor wenigen Tagen die Schwelle zu einem neuen Jahr überschritten. Ein Jahreswechsel wird gerne genützt, um einerseits Rückschau zu halten auf das Vergangene, und um anderseits das Kommende in den Blick zu nehmen. Er lädt ein zu einer persönlichen Standortbestimmung: Was sind meine Ziele, meine Wünsche, Träume und Sehnsüchte? Was habe ich im vergangenen Jahr davon verwirklichen können und worin bin ich hinter meinen Vorstellungen zurückgeblieben oder habe mich gar von ihnen entfernt? Was hat mir geholfen, der Mensch zu werden, der ich gerne sein möchte, und was hat mich daran gehindert? Wo brauche ich eine Kurskorrektur?

Im Sport liefert im Grunde jeder einzelne Wettbewerb eine solche Standortbestimmung und zeigt auf, ob ein Verbesserungsbedarf besteht. Doch natürlich ist auch für eine Athletin oder einen Athleten der sportliche Erfolg nur ein Parameter für ein glückendes Leben. Dabei spielen auch andere Faktoren eine entscheidende Rolle. Im vergangenen Jahr haben einige überraschende Rücktritte aus dem Spitzensport für Aufsehen gesorgt, etwa jener der australischen Tennisspielerin Ash Barty, des Fußballers Martin Hinteregger oder zuletzt des Schifahrers Matthias Mayer. Umgekehrt hat jüngst die österreichische Schispringerin Eva Pinkelnig mit ihrem eindrucksvollen Sieg bei der Silvester-Tournee aufgezeigt, dass es lohnend sein kann, nicht aufzugeben und sich auch nach schweren Schicksalsschlägen zurückzukämpfen. Vor zwei Jahren musste sie nach einem schweren Sturz notoperiert werden und viele hatten die Vorarlbergerin bereits abgeschrieben. „Vielleicht macht es ein paar Menschen Mut. Wenn man seinem Herzen folgt und Schritt für Schritt setzt, werden Träume wahr“, sagte die 34-Jährige nach ihrem Sieg in Ljubno.

Damit bringt es Pinkelnig treffend auf den Punkt, worauf es letztlich ankommt: Die Antwort auf die Frage, ob es Zeit ist, etwas zu beenden, weiterzumachen oder etwas ganz Neues zu beginnen, finden wir allein in uns selbst. Entscheidend ist es, unserem Herzen zu folgen. Bereits im dritten Jahrhundert vor Christus sagte der Weisheitsdichter Kohelet: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, … eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen …“ (Koh 3,1-6) Die Weisheit liegt darin, zu erkennen, was für mich selbst in der gegenwärtigen Stunde angesagt ist.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (12.01.2023)

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Argentinien im Fußballhimmel. Lionel Messi hat als „Fußballgott“ sein Werk vollendet. Angel di Maria hat sich für seinen Freund aufgeopfert. Die argentinische Zeitung „Olé“ stimmt einen ekstatischen Hymnus an: „Ewige Herrlichkeit, Messi. Die Welt ist heute ein gerechterer Ort. Ehre sei Gott, Ehre sei Messi. Das Schicksal, das so oft so grausam mit ihm umzugehen schien, hatte die beste Rache für ihn auf Lager, den erträumten Tag, die erträumte Weltmeisterschaft, die Weihe, die ewig sein wird. Heute ist Messi in die Ewigkeit eingegangen.“ Die Schlagzeilen und Kommentare zum Weltmeistertitel der Südamerikaner rund um ihren Superstar Lionel Messi überboten sich mit religiösen Bezügen und Anspielungen. Der Kapitän der argentinischen Mannschaft ließ es sogar über sich ergehen, dass man ihn gleichsam in ein liturgisches Gewand, eine nicht sehr vorteilhaft aussehende durchscheinende Tunika, den traditionellen Umhang der katarischen Scheichs steckte – Herbert Prohaska sprach von einem Negligé –, bevor er den heiß ersehnten Pokal in Empfang nehmen durfte.

Bei einem WM-Finale, das an Spannung, Dramatik und fußballerischer Klasse kaum zu übertreffen ist und sofort als Kandidat für das beste Endspiel aller Zeiten gehandelt wurde, geht einem schon einmal die Sprache aus. Bei solchen Ereignissen, die weit über das Alltägliche und rational Erfassbare hinausweisen, die uns gewissermaßen mit einer größeren Wirklichkeit in Berührung bringen, ist zu beobachten, dass häufig religiöse Worte und Symbole herangezogen werden, um dem Erlebten eine adäquate Fassung zu geben.

Der tschechische Theologe und Soziologe Tomáš Halík bringt in seinem jüngsten Buch „Der Nachmittag des Christentums“ dieses Phänomen auf den Punkt: „Dort, wo Menschen etwas wirklich Starkes erleben, … ist die säkulare Sprache nicht in der Lage, die Kraft und Intensität dieses Erlebnisses zum Ausdruck zu bringen, und die Menschen greifen spontan zu religiösen Begriffen.“ Und der Fußball ist sehr mit starken Erlebnissen und großen Emotionen, mit Leidenschaft und Identitätsstiftung verbunden – wenn man so will auch mit Magie oder Mystik. So ist es auch erklärbar, dass ein Fußballspiel in einen kollektiven Lobpreis Gottes einmündet. Und es tut auch gut, dass zumindest der wie ein Messias des Fußballs verehrte Lionel Messi selbst in seinem ersten Interview als Weltmeister demütig die Verhältnisse zurechtrückte und sagte: „Danke Gott, er hat mir alles gegeben.“

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (20.12.2022)

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Wenn es dem Weihnachtsfest entgegengeht, dann wächst allmählich die Anspannung und wir – vor allem die Kinder – freuen uns auf so manche Überraschung, die unter dem Christbaum liegen könnte. Auch bei der WM in Katar erhöht sich die Spannung vor dem Finalspiel und es hat schon einige überraschende Ergebnisse gegeben, wie das frühe Ausscheiden mancher Mitfavoriten oder das gute Abschneiden von Außenseitern wie Australien, Japan und besonders der großartig aufspielenden Marokkaner. Die ganz große Sensation ist allerdings ausgeblieben, einen neuen Weltmeister wird es nicht geben. Im Semifinale haben sich doch die erfahrenen Teams durchgesetzt und so treffen nun am Sonntag zwei „alte Bekannte“ aufeinander, die beide schon zweifache Weltmeister sind. Dafür werden wir mit einem spannenden Duell der Superstars dieser WM belohnt – Lionel Messi und Kylian Mbappé, die mit je fünf Treffern die Torschützenliste anführen.

Die Fähigkeit und Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, ist eine Haltung, die auch in spiritueller Hinsicht einen adventlichen Menschen auszeichnet und die wir in der Zeit des Advents einüben können. Wir gehen ja in diesen Tagen auf ein Ereignis zu, bei dem Gott uns überraschen will und uns ein Geschenk macht, mit dem ganz und gar nicht zu rechnen war. Wir erinnern uns zu Weihnachten daran, dass Gott selbst Mensch wird, dass er uns entgegenkommt und als kleines Kind unsere Welt betritt.

Etwas Überraschenderes ist kaum vorstellbar. Dieser Mensch gewordene Gott ist außerdem kein Superstar und Topscorer, sondern ein Mensch wie wir alle. Das einzige, was ihn besonders auszeichnet, ist eine ganz innige Verbindung mit Gott, ein ungebrochenes Vertrauen, die Offenheit, alles von Gott zu erwarten, sich ganz von seiner Liebe erfüllen und von seinem Geist führen zu lassen. In ihm stellt Gott uns vor Augen, wie wahres Menschsein aussehen könnte. Die Fähigkeit dazu tragen wir alle in uns.

Adventlich zu leben, bedeutet demnach, ein offenes, hörendes Herz und einen wachen Geist zu haben, mit großer Aufmerksamkeit und scharfen Sinnen durch die Welt zu gehen. Wer sich offen hält für Neues, selbst wenn dies sein Leben in völlig neue Bahnen lenkt, wer fähig ist, sich auch auf das einzulassen, was ganz unerwartet daherkommt oder das eigene Vorstellungsvermögen bei weitem übersteigt, hat gute Voraussetzungen dafür, dass Gott auch in ihm oder ihr geboren wird und durch ihn oder sie in die Welt kommt. Dann können Wunder wahr werden.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (16.12.2022)

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Die Spiele der brasilianischen Mannschaft bei der Fußball-WM verfolgt stets eine geballte Ladung an Spieler-Legenden von der Ehrentribüne aus. Nur einer, der wahrscheinlich größte unter ihnen, fehlt schmerzlich. Der dreifache Weltmeister, der inzwischen 82-jährige Pelé, wird aufgrund seines Krebsleidens und einer akuten Lungenentzündung in einem Spital in São Paulo behandelt. Dennoch ist er in Katar sehr präsent. Nach der Achtelfinalpartie in Doha versammelte Neymar, der derzeitige Topstar der Brasilianer, die gesamte Mannschaft um ein Banner mit Grüßen an Pelé.

Der französische Stürmer Kylian Mbappé, der mit fünf Treffern die Torschützenliste der WM anführt, hat am Wochenende via Twitter zum Gebet für die Genesung des erkrankten Fußball-Königs aufgerufen. Mehrere aktuelle und frühere Nationalspieler Brasiliens und anderer Länder haben sich der Initiative angeschlossen. Auch Jürgen Klinsmann, Weltmeister von 1990 und ehemaliger deutscher Bundestrainer, sagte vor Journalisten in Doha: „Wir beten für Pelé.“

Es sind nicht nur schöne Zeichen der Anteilnahme und des Mitgefühls für einen der ganz Großen in der Fußballfamilie, sondern auch ein Glaubenszeugnis. Das Gebet verbindet Menschen über alle geographischen Entfernungen hinweg zu einer spirituellen Gemeinschaft, die stärkend ist und Solidarität zum Ausdruck bringt. Es entwickelt eine heilsame Kraft, wenn Menschen gemeinsam die Leiden und Nöte derer, mit denen sie sich verbunden wissen oder die ihnen am Herzen liegen, vor Gott hinlegen. Gerade in Situationen, wo das Leben an schmerzvolle Grenzen stößt, wo uns bewusst wird, wie wenig wir es selbst unter Kontrolle haben, finden viele einen Berührungspunkt mit dem göttlichen Bereich und machen die Erfahrung, dass ihnen von irgendwoher Kräfte geschenkt werden, die sie in sich selbst nicht aufbringen können. Inmitten der Dunkelheit des Leides öffnet sich so – vielleicht nur einen kleinen Spalt breit – die Tür zu einer größeren Wirklichkeit, zu einem Raum jenseits des Erklärbaren, durch den Licht hereinfällt und neue Hoffnung aufkeimt.

Pelé antwortete auf die Gebets-Initiative: „Ich bin stark, habe viel Hoffnung und setze meine Behandlung fort. Ich glaube fest an Gott, und jede Botschaft der Liebe, die ich von euch aus der ganzen Welt erhalte, gibt mir neue Kraft.“ Und die behandelnden Ärzte teilten inzwischen mit: „Pelés Gesundheitszustand verbessert sich zunehmend.“

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (07.12.2022)

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Pressekonferenzen vor einem Fußballspiel haben – abgesehen von der Bekanntgabe der Aufstellung – selten Überraschendes oder Erhellendes zu bieten. Meistens beschränken sich die Statements von Spielern auf Stehsätze, die ihnen vom Motivationstrainer oder Mentalcoach vorgekaut wurden. Ganz anders verlief da das Pressemeeting vor der Partie zwischen den USA und dem Iran, die weniger aus sportlichen Gründen, sondern viel eher wegen des heiklen geopolitischen Verhältnisses zwischen den beiden Staaten, das seit Jahrzehnten von einer tiefen Feindschaft geprägt ist, viel Zündstoff enthielt. So zeigten die iranischen Journalisten auch wenig Interesse an fußballtaktischen Details, sondern wollten die Meinung der Amerikaner zu politischen und militärischen Kontroversthemen erfragen.

Während der Teamchef der US-Boys Gregg Berhalter ausweichend und eher ungeschickt zur Antwort gab, er sei bloß ein Fußballtrainer und verstehe nichts von Politik, ließ der junge Mannschaftskapitän Tyler Adams mit einem klugen und mutigen Auftritt aufhorchen, der großen Respekt verdient. Anfangs entschuldigte er sich dafür, dass er – nachdem ein iranischer Reporter ihn deswegen sehr ungehalten zurechtgewiesen hatte – den Namen „Iran“ falsch ausgesprochen hatte. Dann wurde er über das Problem des Rassismus in den USA befragt und gab eine äußerst bemerkenswerte Antwort: „Diskriminierung gibt es überall. Aber eines habe ich in den letzten Jahren, in denen ich im Ausland in anderen Kulturen gelebt habe, gelernt: In den USA machen wir jeden Tag Fortschritte. Ich bin in einer weißen Familie aufgewachsen – mit offensichtlich afroamerikanischer Herkunft. Ich habe früh verschiedene Kulturen miterlebt und deshalb fällt es mir leicht, mich anzupassen. Nicht jeder hat diese Leichtigkeit und die Fähigkeit, sich so schnell zu integrieren. Offensichtlich dauert es auch manchmal länger, bis man es versteht. Daher braucht es Erziehung. Die Bildung ist super wichtig. So, wie Sie mich gerade aufgeklärt haben, dass ich ihr Land falsch ausspreche. Das ist ein Prozess und das Wichtigste ist, dass man einen Fortschritt sieht.“

Viele reagieren inzwischen schon recht genervt auf die gesellschaftspolitischen Themen, die diese WM überlagern, und fordern, dass ausschließlich über Fußball gesprochen wird. Tyler Adams hat auf höchst sympathische Art gezeigt, dass man auch anders, nämlich konstruktiv und differenzierend damit umgehen kann, und er hat einen wichtigen Teil dazu beigetragen, dass eine Fußball-WM ein völkerverbindendes Ereignis sein kann. Während die Superstars Messi und Lewandowski auf dem Rasen schon Elfmeter verschossen haben, hat Adams diesen diplomatischen Elfer souverän verwandelt. Die Spieler der USA und des Iran sind sich auf dem Spielfeld übrigens auffallend respektvoll, ja fast freundschaftlich begegnet.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (01.12.2022)

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In Katar ist vieles anders, als wir es von früheren Fußball-Weltmeisterschaften kennen. Erstmals wird eine WM in der Zeit des Advents ausgetragen. Und tatsächlich hat sie eine adventliche Note. Advent bedeutet: Wir gehen dem Licht entgegen, dem Geburtsfest des Erlösers und Friedensfürsten. Es bedeutet, dass wir selbst zum Licht werden in dieser Welt, dass wir für Gerechtigkeit, Menschenwürde und Freiheit eintreten, dass wir – wie es in der Vision des Propheten Jesaja bildhaft heißt, die Wüsten zum Erblühen bringen und die wilden Tiere besänftigen. Der Apostel Paulus fordert uns auf: „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts! Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag.“ (Röm 13,12-13)

Wenn es in früheren Jahren eine Diskussion um die Kapitänsschleife gab, dann drehte sie sich lediglich um die Frage, welcher Spieler sie tragen darf. Der Kapitän soll ein Führungsspieler sein, der in der Mannschaft hohe Akzeptanz besitzt, für sie spricht und die Haltung des Teams repräsentiert. Nun ist die Kapitänsschleife selbst zum Gegenstand der Debatte geworden. Mit dem Aufdruck „One Love“ auf der Armbinde ihres Kapitäns wollten mehrere Länder bei der WM ihren Respekt und ihr Eintreten gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität zum Ausdruck bringen. Das ist grundsätzlich innerhalb der Fußball-Community ein starkes und wichtiges Statement, in einem Land wie Katar jedoch eine heikle Provokation.

Haltung ist natürlich gerade dann gefragt, wenn sie aneckt, Widerstände hervorruft und einem abverlangt, Nachteile dafür in Kauf zu nehmen. Sie mit sportlichen Sanktionen zu belegen, halte ich jedoch für einen Missbrauch des Regelwerkes. Außerdem zeigt sich, dass sich eine Diskussion um Werte, Haltungen und Menschenrechte nicht mit Disziplinierungsmaßnahmen aus der Welt schaffen lässt. Das Licht findet andere Wege. So posierte die deutsche Nationalmannschaft vor ihrem ersten Spiel demonstrativ mit der Hand vor dem Mund und erklärte: „Wir lassen uns niemals unsere Stimme nehmen.“ Und die „One Love“-Binde tauchte plötzlich am Arm der deutschen Innenministerin Nancy Fraeser und der belgischen Außenministerin Hadja Lahbi auf der Ehrentribüne direkt neben FIFA-Präsident Gianni Infantino auf. Es ist Advent. Steh auf, werde Licht!

 

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.11.2022)

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Jetzt geht sie also los, die Fußball-WM, die in jeder Hinsicht sehr speziell ist. Die Begleitmusik mit ihren verstörenden Dissonanzen, die von Bestechungen bei der Vergabe über die Ausbeutung von Arbeitsmigranten, die Missachtung von Menschenrechten und Pressefreiheit bis hin zu Spionageaffären und der zweifelhaften Behauptung der Nachhaltigkeit reichen, ist bereits vielfach thematisiert und kontrovers diskutiert worden. Auffallend ist, dass just wenige Tage vor dem Anpfiff zum größten Sportspektakel der Welt sich plötzlich namhafte Proponenten wie Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter bemüßigt fühlen, sich von der Wahl Qatars zu distanzieren. Eine äußerst späte Einsicht.

Es bleibt der schale Beigeschmack bei diesem Wintermärchen wie aus Tausend-und-eine-Nacht: Ein Scheich, der nicht weiß, wohin mit seinem unermesslichen Reichtum, kauft sich eine Fußball-WM. Doch so einfach und märchenhaft ist die Sache eben nicht. Es steckt schon eine langfristige Strategie dahinter. Das kleine aufstrebende Emirat am Persischen Golf sucht seinen Platz in der Welt und unternimmt alles, um auf sich aufmerksam zu machen und sich ein strahlendes Image aufzubauen. Die weltweite Popularität des Fußballs bietet dafür eine willkommene Plattform. Eine effiziente Propagandamaschinerie und Message-Control, die mit geheimdienstlichen Methoden eine kritische Berichterstattung erschwert oder unterbindet, soll den Eindruck eines ungetrübten Fußballfestes entstehen lassen. Perfekte Bilder und ein glänzender Schein sind wichtiger als die Wirklichkeit. Man schafft – wie das heute so schön heißt – alternative Fakten.

Für den Fußball-Fan bleibt die Frage: Soll man trotzdem zuschauen oder die dubiose WM ignorieren? Der fußballaffine Grazer Sozialethiker Leopold Neuhold sagt: „Der Fußball muss so gut es geht aus dem Würgegriff von Politik und rein ökonomischen Interessen befreit werden.“ Er hält nichts vom Boykott. Wie kann nun, wenn der Ball zu rollen beginnt, der sportliche Aspekt in den Vordergrund rücken? Im Fußball gelten gottlob immer noch die Regeln: Schiedsrichterentscheidungen sind Tatsachenentscheidungen. Und: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Aber, wer weiß? Vielleicht hat ja der allmächtige Emir in seiner Vorsehung auch den künftigen Weltmeister längst festgelegt?

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (18.11.2022)

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„Wir wollen Historisches schaffen.“ Mit diesem ehrgeizigen Ziel ist das Team des SK Sturm Graz zum letzten Gruppenspiel in der Europa-League nach Dänemark gereist. Nun – das ist ihr auch gelungen, obwohl sie mit hängenden Köpfen die Heimreise antreten musste und nach Spielende einige Tränen vergossen wurden. Immerhin passierte es zum ersten Mal in der Geschichte des europäischen Klubfußballs, dass nach der Gruppenphase ein Verein mit acht Punkten auf dem Konto den letzten Gruppenplatz belegt hat und ausgeschieden ist – punktegleich mit dem Gruppensieger. So undankbar und brutal kann der Sport sein.

Bei aller Bitterkeit in diesem konkreten Fall fällt mir auf, dass das Attribut „historisch“ im Sport in letzter Zeit geradezu inflationär strapaziert wird. Für fast jedes Ereignis oder Ergebnis lässt sich irgendeine Statistik finden, die belegt, dass es noch nie vorgekommen oder noch keinem gelungen ist, dass es einen neuen Allzeit-Rekord oder eine neue Welt-Bestmarke aufstellt. Sportreporter sind da überaus kreativ und das Internet ist sehr geduldig, da lassen sich unzählige Tabellen, Rankings und Charts zu allen möglichen und unmöglichen Kuriositäten der Sportgeschichte abspeichern. Und im Grunde ist ja alles, was wir tun, einzigartig und unwiederholbar, geschieht an einem Ort, zu einem Zeitpunkt, in einem Kontext, der nie mehr wiederkommt, und ist damit historisch. Jede einzelne unserer Taten und Begegnungen, jedes Erlebnis, jeder Schritt und jedes Wort schreibt die Geschichte der Menschheit weiter und bereichert die Welt durch einen einzigartigen Beitrag. Die meisten davon schaffen es freilich nie in irgendwelche Geschichtsbücher.

Hinter diesem Wettlauf nach historischen Einträgen steht wohl die Ursehnsucht des Menschen nach Unvergänglichkeit und Ewigkeit. Sie ist unserem Wesen eingeschrieben, weil wir das Bild des ewigen Gottes in uns tragen. Ich möchte etwas schaffen, das in seiner Bedeutung über die Grenzen meines irdischen Daseins hinausreicht. Zumindest soll mein Name irgendwo verewigt sein und einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Menschheit haben. Es ist letztlich ein Aufbäumen gegen die eigene Sterblichkeit.

Aber glauben wir daran, dass jede gute Tat, die wir vollbringen, jedes Werk der Liebe und jede Schöpfung des Geistes einen Widerhall in dieser Welt finden und sie bleibend verändern – auch wenn sie sich ganz unscheinbar oder anonym vollziehen? Es kommt doch weniger darauf an, seinen Namen zu verewigen, als darauf, etwas zu hinterlassen, das diese Welt lebenswerter und liebevoller macht. Das Ewige in unserem Leben ist das Gute, das wir getan haben – ob „historisch“ oder nicht.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.11.2022)

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Anfang November, wenn auch die Natur an die Vergänglichkeit erinnert, ist es Brauch, der Toten zu gedenken und sie zu ehren. In den letzten Tagen sind zwei Persönlichkeiten gestorben, die durch unkonventionelle Ideen und visionäre Projekte, durch Tatendrang und Überzeugungskraft dem Sport ein neues Gesicht gegeben haben. Beide waren Steirer und beide hinterlassen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft markante Spuren.

Der eine ist Dietrich Mateschitz, der mit seinem Red-Bull-Imperium die Sportwelt revolutioniert hat. Sein Lebenswerk wurde hinlänglich gewürdigt und beleuchtet. Er hat den Sport zum Imageträger für seine Getränkedosen gemacht. Der andere, der Grazer Harry Krenn, hat eine ganz andere Lebensphilosophie verfolgt – ohne Millionenbudgets und große mediale Präsenz, aber ebenso zielstrebig und erfolgreich. Sein Leitsatz lautete: „Das Maß aller Dinge ist der Schwächste.“ Der gelernte Kaufmann initiierte unzählige soziale Projekte mit der Zielsetzung, Menschen, die ganz am Rande der Gesellschaft sind, ein Stück weiter in die Mitte zu holen und ihnen ein Leben mit einem Mindestmaß an Würde und Selbstbestimmtheit zu ermöglichen. Mit der Caritas gründete er das „Team-ON“, ein Wohnprojekt für Menschen auf der Straße. Einen Biker-Club konnte er dafür gewinnen, gemeinsam mit Obdachlosen Bewohner*innen in einem Altersheim zu besuchen und mit ihnen ein Fest zu feiern.

Als Obmann der Diözesansportgemeinschaft Steiermark entdeckte Harry Krenn das Potenzial des Sports als Brücke zur Integration. Er begann, mit Obdachlosen Fußball zu spielen. Aus dieser Initiative entwickelte sich der „Homeless-Worldcup“, der inzwischen schon in verschiedenen Ländern rund um den Globus ausgetragen wurde. Krenn erfand Sportangebote für Häftlinge und Suchtkranke, Radtouren mit sehbeeinträchtigten Menschen, Schiurlaube mit Familien, die sich das sonst nicht leisten konnten, und Sportveranstaltungen mit Menschen mit Behinderungen. Er nützte den Sport als Möglichkeit zur Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben und war überzeugt: „Gleichklang entsteht durch Augenhöhe“. Harry Krenn sprudelte nur so von „verrückten“ Ideen, mit denen es ihm gelang, Grenzen zu verrücken, trennende Mauern im gesellschaftlichen Zusammenleben abzutragen und konkrete Hilfe auf die Beine zu stellen. Durch seine Vision – Sport für die Schwächsten – hat er vielen Menschen Mut gemacht, sich etwas zuzutrauen, ihren Wert zu entdecken und an ihre eigene Zukunft zu glauben. Er hat ihnen die Erfahrung ermöglicht: Sport verleiht Flügel. Mögen seine Initiativen und seine Haltung weiterhin Früchte tragen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.11.2022)

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Ein Scheich aus dem Jemen hat ein ausgefallenes Hobby. Er ist leidenschaftlicher Fliegenfischer. Also beauftragt er einen britischen Wissenschaftler, einen renommierten Experten für Lachszucht, mitten in der Wüste eine Lachskolonie anzusiedeln, damit er auch in seiner Heimat der geliebten Tätigkeit nachgehen kann. Geld spielt dabei keine Rolle. Der unerschütterliche Glaube des Scheichs an seine verrückte Vision überzeugt schließlich den skeptischen Biologen, er lässt die Fische in Containern aus Schottland anliefern und das Wunder tritt ein: Sie werden in den künstlichen Gewässern im Jemen heimisch.

Das ist die Handlung des Films „Lachsfischen im Jemen“, einer romantischen Komödie von Lasse Hallström. Sie spielt mit dem Gegensatz zwischen einer rein rationalen Weltsicht und einem spirituellen Blick auf die Wirklichkeit, dem Glauben an eine tiefere Dimension, an die Möglichkeit des Unvorstellbaren. Snowboard-Olympiasieger Benjamin Karl etwa sagte jüngst in „Sport am Sonntag“: „Der größte Treiber ist für mich, wenn jemand sagt, du kannst das nicht.“ Es sei wichtig, den richtigen Satz zur richtigen Zeit zu sagen und fest daran zu glauben, dass die gesetzten Ziele realisierbar sind. Jesus sagt zu seinen Jüngern, als sie ihn um eine Stärkung im Glauben bitten: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17,6)

Die Geschichte des Films aus dem Jahr 2011 ist in punkto Absurdität von der Wirklichkeit längst überholt worden. Arabische Scheichs machen es sich zum Hobby, mitten in der Wüste Fußball-Weltmeisterschaften oder Formel-1-Rennen auszutragen – koste es, was es wolle. Nun wurden die Asien-Winterspiele für das Jahr 2029 an Saudi-Arabien vergeben. Der Austragungsort existiert noch gar nicht. Für 500 Milliarden Dollar soll am Roten Meer ein hypermodernes Wintersport-Ressort errichtet werden – wahrscheinlich unter ähnlichen humanitären Bedingungen wie beim Bau der Fußballstadien in Qatar. Dabei stellt sich doch die Frage, ob etwas, das zwar mit festem Glauben an das Unmögliche und unerschöpflichen Geldquellen realisierbar ist, letztlich auch sinnvoll und verantwortbar ist.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (17.10.2022)

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In Indonesien starben jüngst 130 Menschen in einer Massenpanik bei Ausschreitungen von Fans nach einem Fußballspiel. Sie wurden zertrampelt oder sind durch den Einsatz von Tränengas erstickt, viele von ihnen waren Kinder und Jugendliche. Es ist eine der größten Tragödien, die sich bei Sportveranstaltungen zugetragen haben. Fast zeitgleich hat die Grazer Polizei bekanntgegeben, dass sie für die drei „Hochrisikospiele“, die der Stadt im Oktober ins Haus stehen, zwei Wasserwerfer angefordert hat. Die gepanzerten LKW sehen aus wie Kriegsgerät und wirken angsteinflößend.

Ich kann natürlich nicht beurteilen, welche polizeiliche Einsatzstrategie die optimale ist und am besten zur Beruhigung und Deeskalation beiträgt. Ich finde es aber schade, dass ein Besuch im Stadion bei gewissen Spielen nicht ohne ein mulmiges Gefühl möglich ist. Und viele fragen sich, ob es dafür steht, eine Veranstaltung zu besuchen, die nur unter einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften durchgeführt werden kann. Gerade solche Spiele – wie in diesem Fall gegen europäische Spitzenmannschaften oder ein Stadtderby, das erstmals seit vielen Jahren wieder zustande kommt – sollten doch Fußballfeste und ein besonderer Genuss sein, keine Hochrisikoveranstaltungen, bei denen man mit Aggression, Gehässigkeit und Ausschreitungen konfrontiert ist. Mit positiven Emotionen lässt sich die eigene Mannschaft doch viel wirkungsvoller unterstützen.

Ich würde mir wünschen, dass die Akteure im Fußball – Spieler, Trainer und Funktionäre – sich in diesem Sinne noch deutlicher positionieren und Vereine unmissverständlicher signalisieren, dass gewaltbereite Gruppen oder Personen unter ihren Anhängern nicht erwünscht und geduldet sind. Dass Spieler vor dem Anpfiff ein Plädoyer für Respekt und gegen Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungen sowie jede Form von Gewalt verlesen, ist ein schönes und wichtiges Zeichen. Es darf aber nicht bei einem Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss das Handeln durchdringen und auf die gesamte Community im Stadion ausstrahlen. Was ich mir wünsche, ist eine Atmosphäre, die so ist, dass auch Familien und Kinder mit einem guten Gefühl ein Spiel besuchen können und das Prickeln, Hoffen und Bangen sich auf das sportliche Geschehen auf dem Spielfeld beschränkt.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (07.10.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

Ich war neulich bei einer mehrtägigen Bergtour in den Schladminger Tauern unterwegs. Dabei habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich schon ziemlich erschrocken hat und mir zu denken gibt: In den vergangenen Jahren sind wir auf der gleichen Route immer bei Schneefeldern vorbeigekommen, mussten sie teilweise auch überqueren oder konnten auf ihnen talwärts rutschen. Heuer hingegen war weit und breit kein einziges weißes Fleckchen zu entdecken. Auch in dieser unberührten Bergwelt, die so mächtig und zeitlos wirkt, sind also die Spuren des Klimawandels unübersehbar.

Inzwischen nehmen schon viele die bevorstehende Wintersaison in den Blick. Der Schi-Weltcup steht bereits in den Startlöchern. Auch hier sind der Klimawandel und die aktuelle Energiekrise bestimmende Themen. Das Abschmelzen der Gletscher beeinträchtigt die Trainingsbedingungen im Sommer, der Energieaufwand für Beschneiungsanlagen oder bei Flutlicht-Rennen wird zunehmend kritisch betrachtet und der Weltcup-Tross muss vermehrt auf seinen ökologischen Fußabdruck achten. Die Austragungsorte der Rennen werden wohl immer mehr in höhere Regionen klettern. Jüngstes Beispiel dafür sind die für heuer geplanten Bewerbe am Fuße des Matterhorns. Der Schisport, der in besonderer Weise von den Folgen des Klimawandels betroffen ist, steht dem entsprechend auch in der Pflicht, im nachhaltigen Umgang mit der Natur und den sensiblen Ökosystemen der Bergwelt beispielgebend voranzugehen.

Schifahren ist immer auch verbunden mit der Freude an der Bewegung in der freien Natur, am Erleben beeindruckender Landschaften und am Staunen über die Schöpfung. Es soll deshalb auch besonders dafür sensibilisieren, diese kostbaren Schätze – nicht nur die Berge, sondern die gesamte uns anvertraute Welt – zu bewahren, statt diese auszubeuten und als reinen Konsumgegenstand zu betrachten. Papst Franziskus hat etwa in seiner viel beachteten Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ (Kapitel 11) geschrieben: „Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen.“

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.09.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

Allmählich gehen die Lichter aus. Die explodierenden Energiepreise machen uns allen zu schaffen. Auch der Sport ist davon massiv betroffen. Mit Blick auf die bevorstehende Herbst- und Wintersaison schlagen nun Funktionäre und Sportstättenbetreiber Alarm, dass unter diesen Voraussetzungen Licht und Heizung in Tennishallen, Schwimmbädern, Turnsälen oder Eishallen bzw. das Flutlicht auf Sportplätzen im Freien nicht mehr finanzierbar seien. Auch in den Schigebieten kündigt sich schon eine sprunghafte Erhöhung der Liftkartenpreise an. Da drängt sich die Frage auf: Ist Sport bald nur noch für wohlhabende Eliten leistbar?

Natürlich ist es legitim und wichtig, finanzielle Unterstützung einzumahnen, die der Tatsache Rechnung trägt, dass der Sport im Gesamtgefüge der Gesellschaft ganz wesentliche Aufgaben wahrnimmt. Jede Investition in den Sport kommt ja im Gesundheitswesen wieder zurück. Allein zu lamentieren, was alles unter diesen Umständen nicht mehr möglich ist, und zu fordern ist aber zu wenig. Genauso braucht es Kreativität und innovative Ideen, wie der Sport in seinem eigenen Bereich dazu beitragen kann, den Energieverbrauch zu optimieren.

Ich bin überzeugt, dass mit etwas Fantasie und der Bereitschaft, alle Abläufe unter die Lupe zu nehmen und alle verwendeten Ressourcen auf ihre Notwendigkeit und Effizienz zu prüfen, ein beträchtliches Einsparungspotenzial gefunden werden kann, ohne große Einbußen in Kauf zu nehmen. So wurden etwa in der Fußball-Bundesliga am vergangenen Sonntagnachmittag zwei Partien probeweise ohne Flutlicht ausgetragen. Ich denke nicht, dass am helllichten Tag die Qualität des Spiels oder das Erlebnis für die Fans darunter gelitten haben. Das ist nur ein kleines Beispiel, doch viele solche Schritte können helfen, den Sport gut durch diesen Winter zu bringen – und tragen ganz nebenbei noch zum Klimaschutz bei. Das zeichnet doch echten „Sportsgeist“ aus, dass er bei Schwierigkeiten und widrigen Umständen nicht resigniert, sondern diese als Herausforderung betrachtet, an der er wachsen kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (16.09.2022)

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In der kommenden Woche bin ich bei spirituellen Bergtagen in den Schladminger Tauern unterwegs. Eine solche Tour muss natürlich gut geplant werden. Welche Wegstrecken, welches Höhenprofil, welche Schwierigkeitsgrade können die Teilnehmenden bewältigen? Wenn jemand überfordert ist und nicht mehr weiter kann, wäre das ganze Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Und auch das Packen des Rucksacks braucht viel Sorgfalt. Welche Ausrüstung brauche ich, um den Anforderungen des Weges, der Berge und des Wetters gewachsen zu sein? Wenn etwas Wichtiges fehlt – ein geeigneter Regenschutz, eine warme Haube, solide Schuhe mit griffigem Profil –, kann es sehr ungemütlich oder sogar gefährlich werden. Zugleich muss ich aber auch darauf achten, dass ich mich auf das Notwendigste beschränke, um keinen unnötigen Ballast mit mir herumzuschleppen.

Unterwegs wollen wir bei diesen Bergtagen unsere Lebens- und Glaubenswege betrachten. Dabei stellen sich ja ganz ähnliche Fragen: Welche Voraussetzungen braucht es für ein Leben als Jünger oder Jüngerin Jesu? Was muss ich dafür mitbringen, was muss ich investieren und was zurücklassen? Bin ich bereit, mich von bestimmten Dingen, Lebensgewohnheiten und Verhaltensmustern, „Sachzwängen“ oder auch Menschen und sozialen Bindungen zu lösen, um wirklich frei zu sein für die Nachfolge Jesu und ein Vorangehen in meinem Leben? Jesus ist da sehr kompromisslos. Er sagt: Wer nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, kann nicht mein Jünger sein. (Lk 14,26-27) Für Halbherzigkeit, Sicherheitsstufen oder Hintertürchen ist da kein Platz. Auf dem Weg Jesu gibt es keinen „Plan B“.

In der Hierarchie der Wichtigkeiten in unserem praktischen Leben rangiert der Glaube meistens eher im Hinterfeld. Da hat alles andere Vorrang: der Beruf, die Familie, die Freizeit. Sollte danach noch Zeit, Motivation und Freude übrig sein, dann kommt das religiöse Leben dran. Was Jesus sich unter Jüngerschaft vorstellt, verlangt jedoch eine ganz andere Priorität. Wer ihm nachfolgen will, muss innerlich frei sein und auch schwere Wegstrecken durchhalten können. Wer sich überschätzt und auf halben Weg umkehren muss, kann das Ziel nicht erreichen. Wer sich aber gut vorbereitet und seine Kräfte richtig einteilt, kann mit Jesus hohe Gipfel erklimmen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.09.2022)

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Es ist eine Binsenweisheit im Fußball, die gerne strapaziert wird, wenn ein „Kleiner“ gegen einen „Großen“ gewinnt: „Geld schießt keine Tore.“ Doch es hat schon einen besonderen Charme, wenn der Underdog dem haushohen Favoriten ein Bein stellt. So haben sich Namen wie Düdelingen, Breidablik oder die Färöer-Inseln tief in die kollektive Fußballseele eingeschrieben. Nun muss wohl auch der FC Vaduz dieser mythenbildenden Liste hinzugefügt werden. Der Pokalsieger des Fürstentums Liechtenstein und aktuell Vorletzte in der zweiten Schweizer Fußballliga nahm mit dem Sieg gegen Rapid Wien völlig überraschend bereits die dritte Hürde zur Qualifikation für einen europäischen Bewerb und darf nun in der Gruppenphase der Conference League antreten. Und das nicht glücklich, sondern hochverdient, wie von den Kommentatoren einhellig betont wurde.

Solche Überraschungen tragen ganz besonders zur Faszination des Fußballs und des Sports generell bei. Sie zeigen, dass man Erfolg nicht kaufen kann, und halten in Erinnerung, dass auch im Millionengeschäft des Profisports Wille und Herz, Mut und Leidenschaft über individuelles Können und hochprofessionelle Vorbereitung siegen können. Der Glaube – an sich selbst und an das Erreichen des scheinbar Unmöglichen – kann tatsächlich Berge versetzen. Das erleben wir als etwas Beglückendes.

Nicht umsonst wird in solchen Fällen gerne der biblische Vergleich mit dem Kampf Davids gegen Goliat verwendet. Diese Geschichte ist der Grundmythos für die Erfahrung, dass Gott das Kleine und Schwache erwählt hat, um das Starke und Mächtige dieser Welt – so drückt es der Apostel Paulus aus (vgl. 1 Kor 1,27) – zuschanden zu machen. Der riesenhafte und schwer bewaffnete Goliat tritt siegessicher und überheblich vor David hin, welcher ohne Rüstung und allein mit dem Vertrauen, dass Gott ihn rettet, vor ihm steht. Und nicht der Starke, sondern wer mit hehren Absichten, mit Mut und Vertrauen für eine gute Sache, für den Schutz der Bedrohten und für die Menschlichkeit eintritt, trägt schließlich den Sieg davon.

In der Realität ist freilich – nicht nur im Sport, sondern auch auf anderen Gebieten – der Sieg des David eher die Ausnahme. Aber solche Ereignisse sind Lichtblicke, die Hoffnung geben und Mut machen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (29.08.2022)

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Momentan suchen viele im Urlaub Erholung, Ruhe und Entspannung, das „dolce far niente“, das süße Nichtstun als Ausgleich zum hektischen und gestressten Alltag. Andere setzen sich dabei große sportliche Ziele, die mit beträchtlichen Strapazen verbunden sind: ein hoher Berggipfel, eine ausgedehnte Radtour oder der Nervenkitzel verschiedener Extremsportarten. Auch in die Freizeitgestaltung hat das Leistungsdenken Einzug gehalten. Wenn man einen persönlichen Rekord schafft, seine eigene Bestmarke übertrifft, Grenzen überschreitet und in neue Dimensionen vordringt, dann ist das Unternehmen erfolgreich und man ist zufrieden. Ein wesentlicher Punkt dabei ist natürlich auch, dass man sich selbst besser kennenlernt.

Mit großen Anstrengungen und viel Mühe scheint auch der Weg ins Reich Gottes gepflastert zu sein. So gibt es jedenfalls Jesus einem zu verstehen, der besorgt nachfragt, ob es denn nur wenige sind, die gerettet werden: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.“ (Lk 13,24) Wir sollen all unsere Kräfte mobilisieren und unser ganzes Potenzial ausschöpfen, sonst bleiben wir ausgesperrt. Das klingt sehr hart und unbarmherzig. Sind etwa die Plätze im Himmel limitiert wie die Startplätze bei Olympischen Spielen? Finden nur die Besten und Schnellsten dort Einlass? Ist unser irdisches Leben gar ein Wettlauf um den ewigen Lohn?

Wenn es ein Wettkampf ist, dann jedoch einer, der anderen Spielregeln folgt als es bei sportlichen Bewerben der Fall ist. Jesus sagt, dass die Letzten die Ersten sein werden. Unsere Gegner sind dabei nicht die anderen Menschen. Was wir besiegen müssen, das sind die Widerstandskräfte in uns selbst, unsere eigene Trägheit, unsere Nachlässigkeit im Voranschreiten auf dem Weg, der uns Gott näher bringt. Meistens sind es ja wir selbst, die die Tür zu einem himmlischen Leben eng machen durch unsere eigenen Ansprüche und unseren Perfektionismus. Vor Gott müssen wir bestimmt keine Top-Leistungen vorweisen, sondern viel eher die Bereitschaft aufbringen, uns verwandeln und heilen zu lassen, um unseren Egoismus abzulegen und zu wachsen in der Nächstenliebe. Gefragt ist unser volles Potenzial an Menschlichkeit. Die enge Tür zum Himmel wird weiter, wenn ich sie anderen aufhalte.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (11.08.2022)

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„Women play football # not womens football.“ Diese Message war an den elektronischen Werbebanden zu lesen, als das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft der Frauen begann: „Frauen spielen Fußball, nicht Frauenfußball.“ Es ist eine deutliche Kampfansage, die zeigt, dass der Kampf längst noch nicht ausgestanden ist – trotz großartiger Kulisse in einem ausverkauften Old-Trafford-Stadion, die als eine der Kathedralen des Fußballs gilt, also in einem absoluten „Heiligtum“ des Männerfußballs.

Nach wie vor gilt ja der Fußball als Männerdomäne und kann es sich leisten, einem Männerbild zu huldigen, das durch chauvinistische, sexistische, homophobe und teilweise auch rassistische Geisteshaltungen auffällt. Noch immer ist ein Besuch im Stadion ein Erlebnis, das man Frauen und Kindern lieber nicht zumuten möchte. Mich stört das, wenn die eigene Gruppenidentität sich aus der Abwertung und Verunglimpfung der anderen speist. Das zeugt von geringem Selbstwertgefühl. In dieser Hinsicht benötigt die Fußballgemeinde sicher noch einen Kulturwandel und das Aufbrechen der Männerbastion wird – davon bin ich überzeugt – für die Männer und ihr Selbstverständnis ebenso wie für den Fußball insgesamt ein Gewinn sein.

In puncto Aufmerksamkeit haben die Frauen schon einen wichtigen Schritt erreicht. Das zeigen die vollen Stadien bei der EM in England und die Tatsache, dass die Spiele zu besten Sendezeit auf ORF 1 übertragen werden. Und das mit gutem Recht, denn die spielerische Qualität und die Professionalität haben sich in den letzten 15 Jahren enorm weiterentwickelt. Ein gutes Zeichen ist auch, dass mittlerweile die meisten großen Klubs in Europa im Frauenfußball engagiert sind. Sogar der SK Rapid springt nun auf diesen Zug auf. Bezüglich Anerkennung und Wertschätzung gibt es sicher noch einen Aufholbedarf. So haben etwa Schiedsrichterinnen beim Männerfußball nach wie vor einen schweren Stand. Oder: Wann wird erstmals eine Frau Coach bei einer Herrenmannschaft? Wann wird es Bewerbe mit gemischten Teams geben?

Ich würde mir wünschen, dass Frauen mit der gleichen Selbstverständlichkeit ihren Sport ausüben können wie das etwa beim Schifahren oder im Tennis schon längst der Fall ist. Und wenn möglich ganz ohne abschätzige oder despektierliche Kommentare seitens der Männer.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.07.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

„Ihr habt mir all das gegeben, wovon ich als Kind geträumt habe.“ Mit emotionalen Worten nahm Martin Hinteregger von den Fans der Eintracht Frankfurt Abschied. Die Jahre bei diesem Verein seien „die geilste Zeit in meinem Leben“ gewesen, auf die er immer mit großer Dankbarkeit und Stolz zurückblicken werde. Dennoch hängt der noch keine dreißig Jahre alte Kärntner seine Fußballschuhe an den Nagel und beendet seine Profikarriere. Und das nach dem Gewinn der Europa League und dem legendären Auswärtssieg gegen den FC Barcelona im Camp Nou.

Dieser überraschende Rückzug macht mich hellhörig, immerhin können weder Misserfolge noch Verletzungen oder vereinsinterne Spannungen als Beweggründe dafür geltend gemacht werden. „Hinti“ wurde von den Fans geliebt und war eine wichtige Stütze in der Mannschaft. Außerdem wirkte er als Spieler absolut schmerzbefreit, verkörperte das, was man unter Fußballern „ein Viech“ nennt, und hat auf dem Platz ebenso wie außerhalb desselben stets Vollgas gegeben.

Nun zeigt Hinteregger, der sich noch nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, eine andere, viel verletzlichere Seite seiner selbst. Er spricht ein Motiv an, das im Profifußball leider ein großes Tabuthema ist, nämlich den unmenschlichen Druck, der auf Spielern in den Top-Ligen lastet, verbunden mit massiven Versagensängsten, was wohl häufiger auftritt als man denkt. Vor einigen Jahren hat etwa der deutsche Nationalspieler Per Mertesacker dieses Tabu aufgebrochen und seine Stresssymptome öffentlich gemacht. In einem Umfeld, wo man keine Schwäche zeigen darf, wo Männlichkeit mit Stärke und Durchsetzungsvermögen gleichgesetzt wird – was im Sport leider noch viel zu oft der Fall ist –, bleibt man mit solchen Erfahrungen ziemlich einsam. Das sollte doch zu denken geben und ein Anstoß sein, solche Tabuthemen bewusst ans Licht zu bringen und auch über strukturelle Veränderungen ins Gespräch zu kommen, die dazu beitragen, dass Spitzensport auch menschlich lebbar bleibt.

So resümiert Martin Hinteregger mit einer Offenheit, die hoffentlich auch eine heilsame Wirkung auf den Spitzenfußball hat: „Es war die beste Saison, die ich jemals gehabt hat, aber ich war nicht mehr glücklich darüber. Es hat sich nicht so angefühlt, wie es das tun sollte.“ Wichtiger als jeder Erfolg ist es, auf das eigene Herz zu hören und der Spur treu zu bleiben, in der ich Mensch sein kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (30.06.2022)

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Wie verschafft sich ein Sportsgeist in einer frühsommerlichen Hitzeperiode Abkühlung, wenn nicht gerade ein Schwimmbad in Reichweite ist? Er denkt an den Wintersport. Zum Beispiel ans Schispringen. Vor kurzem habe ich im Fernsehen einen Bericht über das polnische Springerteam gesehen, bei dem der Tiroler Thomas Thurnbichler neuer Cheftrainer wurde. Thurnbichler war zwar als aktiver Athlet keine große Karriere beschieden, für Aufsehen sorgte er jedoch im Jahr 2003 als junger Vorspringer bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen mit dem ersten Doppelsprung der Schisprunggeschichte. Er landete zunächst bei einer Weite von 80 Metern, stieß sich aber dann noch einmal ab und segelte weitere 40 Meter nach unten.

Ähnlich spektakulär und unkonventionell sind heute seine Trainingsmethoden. So lässt er Kamil Stoch, Dawid Kubacki und Co. während ihrer Sprünge laut singen oder im Kopf Rechenaufgaben lösen. Das erhöht nicht nur den Spaßfaktor beim mitunter recht monotonen Training. Indem sie gedanklich mit anderen Dingen beschäftigt sind, wird ihnen bewusst, ob die feinmotorischen Abläufe des Springens, das ja ein sehr subtiler Balanceakt ist, auch ohne daran zu denken funktionieren. Sie sind besser darauf vorbereitet, dass eine unerwartete Ablenkung sie nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringt.

Das wäre doch eine gute Übung, die sich auch auf andere Lebensbereiche und Alltagssituationen übertragen lässt. Bin ich ausreichend stressresistent oder wirft mich jede Kleinigkeit aus der Bahn? Kann ich meiner Lebensspur treu bleiben oder lasse ich mich durch jeden Zuruf von außen sofort verunsichern, aus dem Konzept bringen und umstimmen? Freilich: Durch eine kreative oder paradoxe Intervention lassen sich auch festgefahrene Muster aufbrechen und es können sich plötzlich ganz neue Wege auftun. Und für Kopf-Arbeiter*innen, die viel am Computer sitzen, können umgekehrt kleine Bewegungseinheiten oder motorische Auflockerungsübungen zwischendurch dazu beitragen, Denkblockaden zu lösen und die Gehirnzellen zu aktivieren. In jedem Fall sind Gebet und Meditation gute Übungen, um sich mit seiner Mitte und seinem Innersten zu verbinden. Und natürlich hilft auch das Singen auf die Sprünge.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (23.06.2022)

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Eine Fußballmannschaft, die in ihrem Land die Meisterschaft gewinnt, bekommt als Zeichen der Anerkennung einen großen Teller überreicht. Der Sieg in der Champions-League wird mit einem kostbaren silbernen Pokal gewürdigt. Beide Trophäen erinnern an das „Geschirr“, das bei der heiligen Messe, der Erinnerungsfeier an das Letzte Abendmahl Jesu, Verwendung findet: den Teller für das Brot und den Kelch für den Wein, also jene Gefäße, in die die Gaben gelegt werden, die all das repräsentieren, was unser Leben ausmacht. Brot, das ist die tägliche Nahrung, das, was uns Tag für Tag leben lässt und uns Kraft zum Leben gibt. Es symbolisiert auch die Erträge und Früchte unserer Arbeit, die wir mit unserem Einsatz, unserer Kreativität, oft auch mit großer Kraftanstrengung hervorbringen. Der Wein steht für das, was das Leben zum Fest macht, was es reich macht und uns Erfüllung schenkt, was es heraushebt aus dem Alltäglichen, für die Freude und die besonderen Glücksmomente.

All das legen wir in der Feier der Messe dankbar vor Gott hin mit der Bitte, dass er unser Leben verwandelt, und dem Wunsch, unsere Existenz mit Jesus Christus in Berührung zu bringen, ihn und das in ihm verkörperte göttliche Leben in uns aufzunehmen und uns von ihm prägen zu lassen. Es stärkt uns, verbindet uns mit der Quelle des Lebens und macht uns zu neuen Menschen. Wir selbst sollen zu Gefäßen werden, in denen der auferstandene und erlöste Christus gegenwärtig ist und wirkt.

Real Madrid hat heuer beide Trophäen, die spanische Meisterschaft und die Champions-League, gewonnen. Und die Spieler haben diese als Zeichen des Dankes feierlich in die Kathedralkirche von Madrid getragen, wo sie den Segen des Erzbischofs empfangen haben. Die umgekehrte Bewegung vollziehen wir nun bei der Feier des Fronleichnamsfestes. Da tragen wir das gewandelte Brot, den Leib Christi, aus unseren Kirchen hinaus an die Orte des alltäglichen Lebens. Wir bringen unseren Wunsch zum Ausdruck, dass alle Bereiche des Lebens, die Orte unserer Arbeit, unserer Freizeit und auch die des Sportes, der Broterwerb und das Spiel von Jesus Christus berührt und durchdrungen werden sollen, dass all unser Tun von Gott gesegnet sein soll und dass wir selbst für diese Welt zum Segen werden.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (15.06.2022)

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Rafael Nadals Weg zu seinem historischen Turniersieg bei den French Open war ein Leidensweg. „Ich bin nicht verletzt, ich bin ein Spieler, der mit einer Verletzung lebt“, sagte der spanische Ausnahmeathlet nach dem heroischen Match gegen Novak Djokovic im Viertelfinale des Grand-Slam-Turniers. Er leidet an einer chronischen Verletzung eines Mittelfußknochens, die äußerst schmerzhaft akut geworden ist, und konnte nur mit einer lokalen Betäubung spielen: „Ich habe meinen Fuß nicht gespürt.“ Mit enormer Willenskraft hat er dieses Handicap ausgeglichen und es geschafft, bei seinem 17. Antreten in Paris zum 14. Mal zu triumphieren.

Es kommt ja gar nicht so selten vor, dass Sportler*innen nach Verletzungen, Krisen oder Schicksalsschlägen noch stärker zurückkommen und gerade mit einer Beeinträchtigung zu ganz besonderen, fast übermenschlich erscheinenden Leistungen fähig sind. Vielleicht lässt sich dies so erklären, dass für sie das klaglose „Funktionieren“ ihres Körpers keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dass sie sich bewusster damit beschäftigen, was ihnen hilft und gut tut, dass sie achtsamer mit ihrem Körper umgehen und ihr Menschsein stärker in seiner Ganzheit in den Blick nehmen. Gerade das, was nicht nach Plan läuft, ist ja meist eine Botschaft an mich, auf Aspekte meines Lebens hinzuschauen, die ich bisher vernachlässigt habe. Wenn ich es verstehe, auf diese Botschaft hinzuhören, und den Mut habe, sie anzunehmen, dann kann sie zu einem Impuls werden, der meinem Leben eine neue Richtung und Tiefe gibt, der mir hilft, als ganzer Mensch zu wachsen und auch in einer größeren Demut auf das Leben zu schauen.

Der Apostel Paulus spricht davon, dass ihm ein Stachel ins Fleisch gestoßen wurde, damit er nicht überheblich wird angesichts der außergewöhnlichen Offenbarungen, die ihm zuteil geworden sind (vgl. 2 Kor 12,7). Er geht nicht näher darauf ein, worin dieser Stachel besteht, doch dieser Stachel hat ihm deutlich gemacht, dass alles, was er vollbringen kann, letztlich Gnade ist und nicht sein eigenes Verdienst. Indem er sich seiner Schwachheit bewusst wird, kann die Kraft Gottes auf ihn herabkommen. Er sagt: „Die Kraft wird in der Schwachheit vollendet.“ (2 Kor 12,8) Und: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,10) Dieses scheinbare Paradoxon gilt es in unserem Leben aufzulösen. Je besser ich meine Schwachheit annehmen und mich mit meiner Unvollkommenheit aussöhnen kann, desto besser kann ich mich den Kraftquellen Gottes öffnen. Und desto stärker werde ich.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (09.06.2022)

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Die ersten Trainingseinheiten unserer Fußball-Nationalmannschaft mit dem neuen Teamchef Ralf Rangnick hinterließen bei den Spielern durchwegs positive Eindrücke. Der Geist scheint zu stimmen und die Philosophie des Trainers lässt einen attraktiven und offensiven Spielstil erwarten. „Das Wort, das er am meisten herausgestrichen hat, ist das Wir“, merkte etwa der Stürmer Sasa Kalajdzic an. In seiner ersten Pressekonferenz betonte Rangnick, dass man im Fußball als Mannschaftssport das Ziel haben müsse, „mehr auf den Platz zu bringen als die zu erwartende Summe der Qualität der Einzelspieler“. Weiters sei es ihm wichtig, dass Spiele unterhaltsam und nie langweilig seien, dass sie die Zuschauer*innen begeistern.

Ein intensives Wir-Erlebnis liegt auch jenem Ereignis zugrunde, das als die Geburtsstunde der Kirche bezeichnet wird. Davon erzählt in der Bibel die Apostelgeschichte: „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.“ (Apg 2,1) Dieses Gemeinschaftserlebnis setzt unter den verängstigten und mutlosen Jüngern eine unglaubliche Energie frei, die mit elementaren Naturgewalten verglichen wird – ein heftiger Sturm, der alles durcheinanderwirbelt, Feuerzungen, von denen sie erfasst werden. Was sie erleben, ist das explosive Wirken des Geistes, der sie entflammt und in Bewegung versetzt, ihnen die Angst nimmt, sie hinaustreten und in einer ganz neuen Weise von Gott sprechen lässt – kraftvoll und begeisternd. So werden sie zu mutigen Zeugen für die Botschaft Jesu, zu Offensivkräften des Glaubens. Das Wir-Erlebnis hilft ihnen, zuerst einmal an sich selbst und die Kraft des Geistes, der in ihnen wirkt, zu glauben. Sie bestärken sich gegenseitig darin.

Für David Alaba ist es schon Tradition, besondere Erfolge verbunden mit einem Zeugnis für seinen Glauben zu zelebrieren. Auch bei seinem dritten Champions-League-Titel posierte er mit einem weißen T-Shirt, das die Aufschrift „Meine Stärke liegt in Jesus“ trägt – diesmal in englischer Sprache. Die Kraftquelle ist Jesus Christus, die lebendige Beziehung zu ihm und zu dem Geist, der von ihm ausgeht. Und sie entfaltet sich im Zusammenwirken mit anderen, im Team, in der Gemeinschaft, eben im „Wir“.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.06.2022)

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Matthias Jaissle, Meistermacher bei Red Bull Salzburg und frisch gebackener „Trainer des Jahres“ der österreichischen Bundesliga, wurde in der ORF-Sendung „Sport am Sonntag“ darauf angesprochen, dass einige seiner Vorgänger danach bei europäischen Spitzenklubs reüssiert hätten. Der erst 34-jährige Deutsche lobte das professionelle Umfeld bei Red Bull, das ihm helfe, sich weiterzuentwickeln, ließ sich aber auf keine Vergleiche ein: „Ich versuche, die bestmögliche Version von mir selbst zu sein.“ Nachdem seine Karriere als Spieler, die verheißungsvoll begonnen hatte, durch eine Verletzung früh beendet wurde, empfinde er große Dankbarkeit für das Erreichte, weil er wisse, dass es nicht selbstverständlich sei. In seinem Leben sei nicht alles wie geplant verlaufen, „aber im Nachhinein betrachtet war es einfach perfekt“.

Im Sport, aber nicht nur dort, neigen wir dazu, großen Idolen nachzueifern und wollen so werden sie sie. Es gibt sicher vieles, was man sich von solchen Vorbildern abschauen kann, etwa die Konsequenz, mit der sie ihre Ziele verfolgen. Aber entscheidend für ein geglücktes Leben ist viel mehr die Fähigkeit, in sich selbst hineinzufühlen und die Begabungen, das Potenzial zu entdecken, das in einem selbst verborgen ist. Jeder Mensch ist einzigartig und trägt den Wert seiner Persönlichkeit, den kostbaren Schatz seiner Möglichkeiten in sich selbst.

In den vom jüdischen Philosophen Martin Buber gesammelten chassidischen Erzählungen gibt es die schöne Geschichte von Rabbi Sussja über die Frage aller Fragen. Da heißt es: „Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: ‚In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?‘“ Nicht große Vorbilder sind der Maßstab für ein gelungenes Leben, sondern das Urbild, das Gott in den innersten Kern meiner Seele eingeprägt hat. Dieses Bild zu verwirklichen ist die große Lebensaufgabe, die uns gestellt ist.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.05.2022)

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Oliver Glasner ist nach Béla Guttmann und dem legendären Ernst Happel der dritte österreichische Trainer, der mit seiner Mannschaft einen europäischen Pokal gewinnt. Eintracht Frankfurt legte in Sevilla mit dem knappen Finalsieg gegen die Glasgow Rangers im Elfmeterschießen eine Punktlandung hin und schaffte außerdem das Kunststück, den gesamten Bewerb hindurch ungeschlagen zu bleiben. Einen Bauchfleck fabrizierte Glasner erst bei der Siegerehrung, während seine Spieler ihm Spalier standen. Dieses launige Ritual zeugt zum einen von der gut funktionierenden Beziehung zwischen dem Coach und seinem Team und symbolisiert zum anderen eine Haltung, die gerade im Augenblick eines großen Erfolges wichtig ist: Immer am Boden bleiben, die Demut nicht verlieren und auch bereit sein, sich schmutzig zu machen.

Dementsprechend lobte der Innviertler auch hinterher alle Akteure, die dazu beigetragen haben, und erklärte: „Jeder hat sein Ego hintangestellt und zuhause gelassen und alles für den Erfolg der Mannschaft getan.“ Es braucht die Bereitschaft, mit ganzer Hingabe das gemeinsame Ziel zu verfolgen. Jesus sagt: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es erhalten.“ (Lk 17,33) Oder an anderer Stelle: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben.“ (Mk 3,24) Und die Frankfurter Eintracht hat in der Europa League ihrem Namen alle Ehre gemacht.

Interessant ist noch ein anderer Faktor, den Oliver Glasner ins Treffen zieht. Er sieht die Ursache für den Titelgewinn im letztjährigen Scheitern seines Teams an der Qualifikation zur Champions League: „Das ist oft im Leben so. Es gibt Rückschläge und dann zeigt sich, ob du ein Großer bist.“ Es zeigt sich in der Fähigkeit, nach einem Bauchfleck wieder aufzustehen und, statt mit dem Schicksal zu hadern und an sich zu zweifeln, ungebrochen an das eigene Potenzial zu glauben. Diese Fähigkeit streicht der Trainer speziell heraus: „Die Mannschaft und der Verein sind zurückgekommen, sind belohnt worden für die Beharrlichkeit. So ist Fußball, so ist das Leben.“

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (22.05.2022)

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Wenn jemand sagt: „Ein Triathlon ist für mich der pure Genuss“, wird man schon hellhörig. Umso erstaunlicher klingt es, wenn derjenige im Rollstuhl sitzt. Das Zitat stammt nämlich von Thomas Frühwirth, der soeben in Utah die Weltmeisterschaft im Para-Ironman gewonnen hat. Der Edelsbacher ist seit einem Motorradunfall vor 18 Jahren querschnittgelähmt. Seither sind für ihn ganz alltägliche Verrichtungen, über die andere keinen Gedanken verlieren, zu enormen Herausforderungen geworden und kleine Hindernisse, die Unversehrte gar nicht wahrnehmen, zu schwer überwindbaren Barrieren.

Frühwirth hat sich nicht seinem Schicksal ergeben oder in die Rolle eines bemitleidenswerten, hilfsbedürftigen Opfers gefügt. Er hat im Sport, dem schon vor dem Unfall seine große Leidenschaft galt, den Weg gefunden, auch mit seiner Beeinträchtigung seine Träume zu leben. Die Motocross-Maschine tauschte er gegen Rennrollstuhl und Handbike, die PS ersetzte er durch Muskelkraft. Er sagt: „Meine Träume haben sich verschoben, aber sie liegen noch immer an der Grenze des Machbaren.“ Und diese Grenze auszuloten, sie weiter hinauszuschieben und momenthaft zu überschreiten, ist für Thomas Frühwirth ein starker Antrieb, sich auf das Abenteuer Leben einzulassen. Dabei wird er sich selbst zur Frage und findet in der Begegnung mit sich und der wunderbaren Schöpfung auch zu Gott. So meint „Tiggertom“, wie sich der Triathlet in Anlehnung auf die immer gut gelaunte und unternehmungslustige Figur aus den „Winnie Puuh“-Kinderbüchern nennt: „Ich würde das theoretische Geschenk, wieder gehen zu können, sehr gerne annehmen. Ich habe nur keine Lust, im Wohnzimmer darauf zu warten.“

Für die meisten von uns wäre allein der Gedanke an die Strapazen eines Triathlons ein Horror. Und das, obwohl wir dafür unsere eigenen Beine benützen könnten. Die Erfahrung, dass dies nicht selbstverständlich ist, dass es ein Geschenk ist, sich bewegen zu können, dass es große Anstrengungen und viel Willenskraft braucht, um ohne Beine voranzukommen, kann – wie es Thomas Frühwirth zeigt – dazu führen, dass jede Gelegenheit zur Bewegung, und sei sie noch so extrem und herausfordernd, zum Genuss wird. Ein Anstoß für uns alle, mit Dankbarkeit, Achtsamkeit und Lebensfreude in jeden Tag hineinzugehen.

Übrigens: „Tiggertom“ Thomas Frühwirth wird an der Steirischen Sportwallfahrt am 26. Juni im Raiffeisen-Sportpark in Graz teilnehmen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (13.05.2022)

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Ivan „Ivica“ Osim war zweifellos eine der ganz großen Persönlichkeiten des Fußballs. Die Würdigungen des am 1. Mai verstorbenen „Jahrhunderttrainers“ des SK Sturm überschlugen sich mit Superlativen. Er war viel mehr als ein gewiefter Stratege, Fußballphilosoph und Intellektueller, er prägte Spieler und Fans nicht nur durch enorme Fachkompetenz und eine Spielanlage, die ihrer Zeit voraus war, sondern noch mehr durch seine menschliche Größe. Man hörte respektvoll, fast andächtig auf seine meistens recht leise Stimme. Auch in Zeiten größter sportlicher Höhenflüge blieb er bescheiden und seine Einschätzung nüchtern. Oft stand er als einziger auf der Euphorie-Bremse und war bestrebt, den Verein am Boden zu halten. Nach einem Champions-League-Spiel gegen Real Madrid wurde Osim nach dem Unterschied zwischen solchen Weltklasseteams und seinem SK Sturm gefragt. Seine trockene Analyse: „Dort spielen elf Spieler, bei uns vielleicht sechs oder sieben.“

Das Markenzeichen von Ivica Osim war der Haltegriff, den er an seiner Trainerbank montiert hatte. Osim war seiner Mannschaft stets ein starker Rückhalt, ein in sich ruhender Fels in der Brandung hitziger Fußballmatches. Doch woran konnte er sich im Leben festhalten? Die Gnade des Glaubens an Gott war Osim nicht geschenkt und sein Glaube an den Menschen erfuhr durch den Bürgerkrieg, in dem seine geliebte Heimatstadt Sarajewo in Schutt und Asche gelegt wurde, eine tiefe Erschütterung. Der feinsinnige Humanist, zu diesem Zeitpunkt letzter jugoslawischer Teamchef, hat angesichts dieser Katastrophe sein Lachen verloren und war von da an eine gebrochene Seele. Sollte Osim nun – was ich hoffe – bei einem liebenden Gott angekommen sein, dann wird Gott ihm gegenüber wohl einen großen Erklärungsbedarf haben.

Unser Andenken an diesen Weisen des Fußballs und weit darüber hinaus soll daher – gerade in einer Zeit, da sich die Geschichte nur wenige hundert Kilometer entfernt tragisch zu wiederholen scheint – eng verbunden sein mit einem unermüdlichen Ringen um Frieden, Menschlichkeit und Völkerverständigung. Auch dabei ist keine Halbherzigkeit zulässig, es genügt nicht, wenn sich sechs oder sieben darum bemühen, es braucht den unbedingten Einsatz aller elf, also jedes und jeder einzelnen, damit es Früchte tragen kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (06.05.2022)

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„Kurz vorm Klo in die Hose gemacht ist immer noch in die Hose gemacht.“ Jürgen Klopp, Startrainer des FC Liverpool, ist immer für starke Sprüche gut. Diesen ließ er nach dem Hinspiel im Semifinale der Champions-League los, das seine Mannschaft gegen das spanische Überraschungsteam aus Villareal zwar souverän, aber doch „nur“ mit 2:0 gewinnen konnte. Er will damit seine Spieler motivieren, die Anspannung für das Rückspiel aufrechtzuhalten, und ihnen klar machen, dass das ersehnte Ziel des Final-Einzugs noch nicht erreicht ist und der Fußball immer für unerwartete Wendungen gut ist. Aus langjähriger Erfahrung weiß er: Wenn man den Mund zu voll nimmt, kann das leicht in die Hose gehen. Entscheidend sind nicht die Worte, sondern die Taten.

Davon kann der Apostel Petrus ein leidvolles Lied singen. Er hat sich vollmundig zu Jesus bekannt und ihm die Treue geschworen. Nur wenige Stunden später hat er ihn verleugnet und im Stich gelassen, hat Angst vor der eigenen Courage bekommen. Seine Erwartungen haben sich nicht erfüllt und sein Plan ist nicht aufgegangen. Er hat erkennen müssen, dass der Weg der Erlösung, wie ihn Jesus im Sinn hatte, dessen „Taktik“, um das Reich Gottes zum Sieg zu führen, ganz anders aussieht, als er es gedacht hat. Er musste lernen, mit seinem Scheitern umzugehen, sich seine Schwachheit einzugestehen und seine Grenzen anzuerkennen.

Doch damit endet diese Geschichte nicht – Gott sei Dank. Auch sie nimmt eine unerwartete Wendung. Auf die schmerzhafte Erfahrung des Scheiterns folgt die Auferstehung, die wir gerade zu Ostern gefeiert haben. Sie zeigt, dass die Taktik Jesu aufgegangen ist, und macht eine neue Begegnung möglich, eine, die nicht von Vorwürfen und Schuldzuweisungen geprägt ist, sondern von Versöhnung, Befreiung und Frieden im Herzen. Der auferstandene Jesus lässt Petrus spüren, dass er trotz seines Versagens und mitsamt seinen Schwächen angenommen und geliebt ist. Und diese Begegnung gibt dem Apostel die Kraft, über sich selbst hinauszuwachsen und sich – ob gelegen oder ungelegen – zu Christus und der Lebenskraft der Frohen Botschaft zu bekennen. Der Blickwinkel der Auferstehung erlaubt es uns, nicht mit voller Hose durchs Leben zu gehen, sondern mutig, aufrichtig und versöhnt. Er bringt uns vielleicht nicht ins Finale der Champions-League, aber er führt uns zu einem erfüllten Leben.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.05.2022)

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Leben und Tod, Freude und Trauer liegen manchmal ganz eng nebeneinander. Dieses Wechselbad der Gefühle musste Cristiano Ronaldo an den Ostertagen durchleiden. Von den Zwillingen, die seine Partnerin Georgina Rodríguez zur Welt brachte, überlebte nur eines. Es sei „der größte Schmerz, den ein Elternteil empfinden kann“, postete der Weltfußballer auf Instagram, zugleich gelte es aber, „für das Leben dankbar zu sein, das wir gerade in dieser Welt willkommen geheißen haben“. Die emotionale Zerrissenheit zwischen beidem muss gewaltig sein.

Zu einer schönen Geste der Anteilnahme kam es am Osterdienstag, als Ronaldo mit Manchester United beim FC Liverpool an der Anfield Road gastierte. Fans und Betreuer des großen Rivalen spendeten dem Superstar in Minute sieben – Ronaldos Rückennummer – aufmunternden Beifall und sangen für ihn ihre Vereinshymne „You’ll Never Walk Alone“. Das sind ergreifende Momente im Sport, wo man spürt, dass Gegner auf dem Spielfeld nicht als Feinde betrachtet werden, sondern respektvoll als Geschwister, die dieselbe Leidenschaft teilen. Der Portugiese bedankte sich mit diesen Worten: „Eine Welt … Ein Sport … Eine universelle Familie. Danke Anfield. Meine Familie und ich werden diesen Moment des Respekts und des Mitgefühls niemals vergessen.“ Schön, dass im Millionenbusiness der Premier League solche menschlichen Gesten noch Platz haben. Das ruft uns in Erinnerung: Fußball ist viel mehr als ein Geschäftsmodell.

„You’ll Never Walk Alone“ – das ist auch die österliche Zusage, die uns in diesen Tagen der christliche Glaube schenkt. Das zeigt sehr schön die biblische Ostererzählung von den zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13–35). Der Name „Emmaus“ bedeutet „warme Quelle“. Die beiden gehen nicht allein in ihrer Trauer, Trostlosigkeit und Dunkelheit, sie können miteinander reden und ihre Gedanken austauschen. Dabei machen sie die Erfahrung, dass der auferstandene Jesus unscheinbar und unaufdringlich mitgeht als einer, der zuhört, der ihnen hilft, ihre Gefühle auszudrücken und die wahre Bedeutung dessen, was sie erlebt haben, in den Blick zu nehmen. Sie spüren, wie es ihnen dabei warm ums Herz wird. Auferstehung wird sehr oft in der menschlichen Begegnung erfahrbar. Nicht nur in Emmaus, sondern auch in Liverpool.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (22.04.2022)

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Colin Kaepernick arbeitet an seinem Comeback. Zur Erinnerung: Colin Kaepernick war Quarterback der San Francisco 49ers in der NFL. Er führte sein Team bis zum Super Bowl. Die höchste Bekanntheit erlangte der Sohn eines afroamerikanischen Vaters, der immer wieder mit Diskriminierungen und rassistischen Schmähungen konfrontiert war, jedoch 2016, als er sich zur Nationalhymne nicht erhob, sondern niederkniete, um gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren. Diese Geste erregte großes Aufsehen, wurde sehr kontrovers diskutiert und immer mehr Sportler*innen schlossen sich der Aktion an.

Nach dieser Saison erhielt Kaepernick keinen neuen Vertrag mehr, seine Profikarriere war beendet. Dafür wählte ihn ein Sportartikelhersteller zum Testimonial seiner Werbekampagne. Das Sujet zeigte das Gesicht des Sportlers in Nahaufnahme und in Schwarzweiß, ein Motiv, das an klassische Jesus-Darstellungen aus der Kunstgeschichte erinnert, verbunden mit dem Satz: „Believe in something. Even if it means sacrificing everything.“ – „Glaube an etwas. Selbst, wenn es bedeutet, alles zu opfern.“

Eine solche Parallele mag vielleicht manchem als Blasphemie erscheinen. Doch gerade an diesen Tagen, an denen wir das Leiden und Sterben Jesu Christi betrachten und seine Auferstehung feiern, wird uns deutlich vor Augen gestellt, was Menschsein in seiner äußersten Konsequenz bedeutet. Wenn wir Ostern nicht bloß als nettes Brauchtum feiern, sondern uns vom Schicksal dieses Menschen berühren lassen, der dem Weg der Liebe, der Wahrhaftigkeit, des gewaltlosen Eintretens für Ausgegrenzte, der heilsamen Zuwendung zu den verletzten Seelen treu bleiben konnte bis zur Hingabe seines Lebens, weil er sich gehalten wusste von einem Gott, der durch alles Leid, alle Gewalt, ja selbst den Tod hindurchträgt zu einem neuen, größeren Leben, dann werden wir selbst zu anderen Menschen. Das Beispiel Jesu inspiriert dazu, es ihm gleich zu tun. Es stärkt unseren Glauben daran, dass es sich lohnt, für seine Überzeugungen einzustehen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen und an eine Veränderung zum Guten zu glauben, selbst wenn es mit momentanen Nachteilen verbunden ist.

Colin Kaepernick bringt sich nun mittels eines Trainings-Videos selbst für ein Comeback ins Spiel. Möge ihm diese „Auferstehung“ als Spieler gelingen! Just do it!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.04.2022)

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„Im Erfolg macht man die größten Fehler.“ Das sagte der ORF-Fußball-Analytiker Roman Mählich in einer Diskussion um die Suche nach einem neuen ÖFB-Teamchef. Der Erfolg gibt einem ja recht und nimmt kritischen Einwürfen den Wind aus den Segeln. Es gilt das Motto: „Never change a winning team.“ Wer Erfolg hat, neigt dazu, an bewährten Abläufen festzuhalten und ist innovativen Ideen gegenüber eher reserviert. Und im Erfolg lauert die Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren und aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten. Man ist von Schulterklopfern umgeben, die jedoch immer auch eigene Interessen verfolgen und nicht unbedingt hilfreich sind, um Situationen realistisch einzuschätzen.

Am Palmsonntag erinnert sich die Kirche an den Einzug Jesu in Jerusalem. Der ist ein schönes Beispiel für diesen Mechanismus. Jesus steht – so könnte man sagen – am Höhepunkt seines Erfolges. Er wird von den Menschen gefeiert und in einem spontanen Triumphzug als König empfangen. Ihr Jubel ist freilich mit großen Erwartungen verbunden. Sie wollen Jesus für ihre Anliegen instrumentalisieren. Doch Jesus verliert nicht den Boden unter den Füßen. Er setzt sich nicht auf das hohe Ross sondern auf einen jungen, wackeligen Esel. Jesus bleibt ganz bei sich selbst und zeigt unmissverständlich: Ich bin nicht da, um eure Erwartungen zu erfüllen. Stattdessen geht er zielstrebig auf dem Weg voran, den Gott ihm ins Herz geschrieben hat – einen Weg, der menschlich betrachtet ein katastrophaler Misserfolg ist, tatsächlich aber in ein ganz neues, unvergleichlich größeres Leben einmündet.

Für mich persönlich ist das Snowboarden eine gute Übung, um die eigene Mitte zu finden. Da spüre ich sofort, wenn ich unausgeglichen, überfordert oder von meinem Wesen entfremdet bin. Denn dann bin ich auf dem Brett – ebenso wie im Leben – nur ein hilfloser Passagier. Mehr als alles andere zählt am Snowboard, in der Balance zu sein. Solange ich nicht im Gleichgewicht bin, werfen mich schon kleinste Unebenheiten aus der Bahn. Wenn ich aber meine Mitte gefunden habe, dann hält das Board sicher die Spur und schneidet durch jeden Schneemugel wie ein warmes Messer durch die Butter. Dann heben sich Schwerkraft und Fliehkraft gegenseitig auf und es tritt ein Zustand völliger Schwerelosigkeit und Entspanntheit ein. Dann zählt nicht mehr der Erfolg, sondern das Glücksgefühl des Augenblicks.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.04.2022)

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Auf die militärische Invasion Russlands in der Ukraine hat die Sportwelt sehr rasch und kompromisslos reagiert. Die Formel 1 hat ihre Verträge mit den Grand-Prix-Veranstaltern in Sotschi bzw. St. Petersburg aufgelöst. Russische Mannschaften wurden von internationalen Fußballbewerben ausgeschlossen. Das sind starke Signale. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob all diese Maßnahmen von moralischen Überzeugungen und ethischen Standards getragen sind. Ich befürchte, dass sie eher opportunistisch der Welle politischer und wirtschaftlicher Sanktionen gefolgt sind, weil es angesichts dieses Krieges unvermeidlich ist, Position zu beziehen. Wer es nicht tut, steht zwangsläufig auf der falschen Seite. Und das kann sich auch der Sport nicht leisten.

Es gibt leider mehr als genug Beispiele für Sportevents in Ländern, die Kriege führen, systematisch und massiv Menschenrechte verletzen, Massenhinrichtungen durchführen oder Arbeiter ausbeuten. Wo Sponsormillionen fließen und zukünftige Märkte auf Erschließung warten, da weist das Rückgrat der Moral meist eine beachtliche Elastizität auf. Beim Grand-Prix von Saudi-Arabien stand zwar ein Boykott im Raum, doch dabei ging es um Fragen der Sicherheit, nachdem ganz in der Nähe der Rennstrecke ein Anschlag auf eine Raffinerie des Ölkonzerns „Aramco“, eines der Hauptsponsoren der Formel 1, verübt wurde. Dass in dem Land gerade erst an einem einzigen Tag 81 Menschen hingerichtet wurden oder dass Frauen noch immer fundamentale Rechte vorenthalten sind, das wurde bestenfalls – aber immerhin – am Rande erwähnt. Die Beteuerung von Formel-1-Boss Stefano Domenicali, die Anwesenheit der Formel 1 helfe solchen Ländern, sich zu öffnen und zu modernisieren, halte ich für naiv oder zynisch. Auf mich wirken die Rennen im arabischen Raum eher so, dass sich dabei ein paar Scheichs ein millionenteures Hobby gönnen.

Aber kritische Stimmen werden zum Glück immer vernehmbarer. In Dschidda mahnte etwa Lewis Hamilton die Einhaltung von Menschenrechten ein. Und in Katar, dem höchst umstrittenen Austragungsland der Fußball-WM im kommenden Jahr, fand beim FIFA-Kongress die norwegische Verbands-Präsidentin Lisa Klaveness ungewöhnlich scharfe Worte. Die Vergabe dieser Weltmeisterschaft sei auf inakzeptable Art und Weise erfolgt. Die FIFA müsse in der Einhaltung ethischer Standards ein Vorbild sein und alles tun, um Veränderung herbeizuführen. Dafür gibt es noch viel zu tun, aber die Richtung stimmt!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (04.04.2022)

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„Erfolg für mich ist, dass ich weiß, alles gegeben zu haben. Es ist jetzt wichtig, dass ich diese nächste Phase meines Lebens genießen kann als Ash Barty, der Mensch. Nicht als Ash Barty, die Athletin.“ Mit diesen Worten erklärte die Australierin Ashleigh Barty überraschend ihren Rückzug aus dem Profitennis. „Ich bin verbraucht“, sagt die 25-jährige Sportlerin, sie könne nicht mehr und verspüre nicht mehr das unbedingte Verlangen, das es brauche, um sich mit der Weltspitze zu messen. Es ist ein ebenso mutiges und menschlich reifes wie auch ernüchterndes Eingeständnis am Höhepunkt einer Karriere, das Fans und Sportverantwortlichen zu denken geben sollte. Bleibt im Spitzensport der Mensch auf der Strecke?

Wolfgang Ambros, der gerade seinen 70. Geburtstag feierte, sang einst: „A Mensch möcht‘ i bleib‘n und net zur Nummer möcht‘ i werd’n.“ Ashleigh Barty ist aktuell die Nummer eins in der ATP-Weltrangliste. Doch selbst dieser Spitzenplatz sowie zahlreiche Turniersiege und Rekorde verlieren an Bedeutung, wenn es nicht gelingt, Mensch zu bleiben, und der Sportler/die Sportlerin auf Erfolge, auf Nummern, Zahlen und Punkte reduziert wird. Jesus sagt: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“ (Lk 9,25) So ist es immer die größte Leistung und der wichtigste Erfolg, Mensch zu bleiben und in seinem Menschsein dazuzugewinnen. Auch der Sport dient diesem Ziel und hat die Aufgabe, Menschen in ihrer Menschwerdung, in der ganzheitlichen Entfaltung ihres Menschseins zu unterstützen.

Der Mensch trägt seinen Wert in sich selbst. Er ist wertvoll, weil er von Anbeginn ein einzigartiges, in Liebe und Weisheit geschaffenes Wesen ist, weil der Geist Gottes ihn ihm wohnt. Wir brauchen uns unseren Wert als Menschen und unsere Daseinsberechtigung nicht verdienen durch Leistung und Erfolg – weder im Beruf, in der Schule, im Studium, noch in der Familie und in echten Freundschaften, noch im Sport. Ashleigh Barty hat im Laufe ihrer Karriere gelernt, dass ihr Glücklichsein nicht von sportlichen Ergebnissen abhängt. Und sie hat erkannt, dass es noch andere Träume in ihrem Leben gibt, die sie verwirklichen möchte. Danke, Ash, für diese Einsicht und diesen für uns alle wichtigen Hinweis!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (24.03.2022)

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Bei den eben zu Ende gegangenen Paralympischen Spielen sind Sportlerinnen und Sportler ans Licht einer breiteren Öffentlichkeit getreten, denen sonst wenig mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das ist erfreulich, erfrischend und hochverdient. Denn neben den sportlichen und artistischen Leistungen, die bei diesen Wettbewerben zu bewundern waren, sind auch die Lebensgeschichten all der Athlet*innen durchwegs außergewöhnlich. Schon dass sie am Start gestanden sind, ja dass sie überhaupt Sport betreiben, macht sie zu Siegerinnen und Siegern. Sie alle sind Sieger über ihr Schicksal.

An den Paralympics nehmen Sportler*innen teil, die mit einer körperlichen Beeinträchtigung ihr Leben bestreiten müssen – sei es von Geburt an, sei es durch eine Krankheit oder einen Unfall. Sie müssen damit zurechtkommen, dass sie Tätigkeiten, die für andere ganz selbstverständlich sind, nur mit großen Kraftanstrengungen oder gar nicht bewerkstelligen können. Manche haben Schicksalsschläge erlitten, bei denen ihr Leben an einem seidenen Faden gehangen ist und nach denen sie sich mühsam und schmerzvoll ins Leben zurückgekämpft haben. Der Sport kann dabei eine große Stütze sein. Er hilft, sich Ziele zu setzen, und schenkt Erfolgserlebnisse.

Die Paralympioniken sind schon deshalb Sieger, weil sie sich nicht ihrem Schicksal ergeben und eine Opferrolle eingenommen haben, sondern fest daran geglaubt haben, dass sie schaffen können, was vielleicht niemand in ihrem Umfeld für möglich gehalten hat, und mit großer Willenskraft alles in Bewegung gesetzt haben, um ihr großes Ziel zu erreichen. Auch Jesus ist beeindruckt vom Glauben des Gelähmten, den seine Freunde auf einem höchst unkonventionellen Weg zu ihm gebracht haben, indem sie auf das Dach gestiegen sind und die Decke durchgeschlagen haben (Mk 2,1–12). Dieser unbändige Glaube, der sich nicht abschrecken lässt von jenen, die meinen, das geht nicht, macht es möglich, dass er geheilt wird. In ähnlicher Weise schenken auch die Sportler*innen der Paralympics vielen von uns Ermutigung und Inspiration, um an scheinbar Unmögliches zu glauben und große Ziele zu verwirklichen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (17.03.2022)

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Um sich auf eine neue Saison, den Meisterschaftsbeginn oder einen besonderen Wettkampf vorzubereiten, absolvieren Sportler*innen häufig ein Trainingslager. Weg vom Alltag finden sie optimale Bedingungen vor, um sich auf das zu konzentrieren, was wesentlich ist, was ihnen hilft, das Potenzial ihrer Fähigkeiten auszuschöpfen, an der Technik zu feilen und Automatismen einzuüben, damit Bewegungsabläufe oder taktische Varianten in Fleisch und Blut übergehen. Auch Faktoren wie die richtige Ernährung, körperliche Fitness, ein vernünftiger Lebenswandel, seelisches Gleichgewicht und menschliche Reifung gilt es zu beachten, denn entscheidend für jedes Voranschreiten ist der Einklang von Körper, Geist und Seele.

Um besser zu werden – ganz gleich ob im Sport oder in anderen Bereichen des Lebens –, braucht es die Bereitschaft, mich selbst zu überwinden, Entbehrungen auf mich zu nehmen, die Komfortzone zu verlassen und mich an meine Grenzen heranzutasten. Dabei mache ich die Erfahrung, was mir hilft, mich weiterzuentwickeln, und was mich daran hindert, was mich bremst und blockiert.

Als Christen durchschreiten wir jedes Jahr auf dem Weg zum Osterfest die 40 Tage der Fastenzeit. Sie ist wie ein spirituelles Trainingscamp, ein Anstoß dazu, dass wir unsere Lebensweise auf die Wirklichkeit der Auferstehung ausrichten, dass wir der Kraft der Verwandlung trauen, die Gott uns in die Seele gepflanzt hat. Diese Kraft hilft uns, Verkrustungen aufzubrechen, unsere Trägheit zu überwinden, sie lässt Abgestorbenes lebendig werden.

Fasten bedeutet natürlich, sich einzuschränken und bewusst auf etwas zu verzichten. Ich faste aber nicht, um Gebote zu erfüllen, sondern um in mir selbst eine heilsame Veränderung herbeizuführen, um falsche Abhängigkeiten zu erkennen und abzuschütteln, um eine größere innere Freiheit zu erlangen, in meinem ganzen Menschsein zu wachsen und dem göttlichen Leben in mir mehr Raum zu geben. Lassen Sie sich auf das Experiment ein, in den kommenden Wochen mit ein paar ganz konkreten Schritten – gleichsam als spirituellen Trainingsplan – dieses Mehr an Lebendigkeit einzuüben!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (10.03.2022)

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Vor ein paar Tagen noch hätte das kaum jemand für vorstellbar gehalten. Zum einen, dass im Europa des 21. Jahrhunderts ein militärischer Angriff auf einen autonomen, demokratisch legitimierten Staat zur brutalen Realität wird. Zum anderen überrascht mich auch, mit welcher Geschlossenheit die internationale Staatengemeinschaft darauf reagiert, wie schnell und weitreichend Sanktionen gegen den Aggressor verhängt wurden und wie groß die Solidaritätsbekundungen für das ukrainische Volk sind.

Auch die Sportwelt hat erfreulich deutliche Konsequenzen gezogen: Sportveranstaltungen auf russischem Boden wurden abgesagt, russische Mannschaften aus internationalen Bewerben ausgeschlossen, Sponsorenverträge mit russischen Konzernen aufgelöst. Beim Fußball-Bundesligaspiel zwischen Sturm und Hartberg – und bestimmt nicht nur bei diesem – wurde vor dem Ankick eine Gedenkminute für die Leidtragenden des Krieges und für den Frieden gehalten. Angesichts dieser sinnlosen Gewalt wird die wichtigste Nebensache der Welt tatsächlich zur Nebensächlichkeit.

Ich finde solche klaren Positionierungen ermutigend. Immerhin war es nicht immer so. Viel zu oft hat sich der Sport für die Propaganda autokratischer Regime instrumentalisieren lassen. Er darf Diktatoren, Kriegsherren und menschenrechtsverletzenden Systemen keine Bühne für deren Selbstdarstellung bieten. Ich würde es aber begrüßen, wenn einzelne russische Sportler, sofern sie sich glaubhaft von Putins Kriegstreiben distanzieren, weiterhin am internationalen Sportgeschehen teilhaben könnten. Denn Bilder wie jenes der Umarmung eines ukrainischen und eines russischen Freestylers bei den Olympischen Spielen in Peking können – sofern sie möglich sind – schöne Signale der Versöhnung sein. Sie unterstreichen, was Sport auch sein kann, nämlich ein Friedensprojekt und eine Plattform der Völkerverständigung. Ich wünsche mir viele solche respektvollen und verbindenden Gesten zwischen Sportlerinnen und Sportlern.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.03.2022)

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Anna Gasser hat in Peking nicht nur durch ihren legendären Goldsprung – als erste Snowboarderin hat sie in einem Wettbewerb den „Cab Double Cork 1260“ gezeigt – für Furore gesorgt, auch die Jubelszenen danach, die überschwängliche Begeisterung, mit der ihre Konkurrentinnen sie umarmt haben, hinterließen tiefen Eindruck.

„Das war mein Lieblingsmoment vom ganzen Tag“, sagt die Doppelolympiasiegerin im Rückblick und fügt hinzu: „Das ist das Besondere bei unserem Sport, dass man sich mit den anderen mitfreut.“ Sogar für IOC-Präsident Thomas Bach war das ein unvergesslicher Moment, ein „herausragendes Beispiel für den olympischen Geist“.

Tatsächlich hat die Community der Snowboarder*innen einen etwas anderen Zugang zum Sport. Da zählt das Miteinander mehr als das Gegeneinander und das Erlebnis mehr als das Ergebnis. Die Freude darüber, dass jemandem etwas Außergewöhnliches gelingt, überstrahlt bei weitem den Ärger, besiegt worden zu sein. Das verleiht dieser Sportart einen besonderen Charme, denn es ist nicht überall so. Ich denke da etwa an den Schi-Abfahrtslauf der Damen, wo die große Favoritin Sofia Goggia beleidigt den Platz der Führenden räumte, nachdem Corinne Suter ihre Bestzeit unterboten hatte. Snowboarden unterscheidet sich vom Schifahren nicht bloß durch das Sportgerät, sondern durch eine andere Philosophie. Es steht für einen Paradigmenwechsel: Nicht Konkurrenz, sondern Gemeinschaft steht im Vordergrund.

So gesehen passt der Snowboard-Sport ganz gut zu Olympia, er stärkt die Idee, die dieser Veranstaltung zugrunde liegt. Immerhin nennt sie sich ja „Olympische Spiele“ und nicht „Olympische Wettkämpfe“. Trotz aller wirtschaftlicher Interessen, politischer Vereinnahmungsversuche und des Prestiges eines Medaillengewinns darf das spielerische Moment nicht zu kurz kommen, das seinem Wesen nach zum Sport gehört. Und Spielen ist zweckfreies Tun um seiner selbst willen, aus Freude am Erleben des Augenblicks. Solange das Spiel im Vordergrund steht, der Respekt und die Freundschaft unter den Sportler*innen, können die Olympischen Spiele auch den ihnen zugedachten Beitrag zum Frieden und zur Völkerverbindung leisten. Da ist es auch möglich, dass – wie es beim Freestyle-Springen der Fall war – zwei Sportler aus der Ukraine und aus Russland gemeinsam am Podest stehen und einander umarmen. Das ist in Tagen wie diesen zumindest ein vielsagendes Symbol.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (24.02.2022)

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Große Sportgeschichten sind bei diesen Olympischen Spielen schon geschrieben worden. Am schönsten aber sind die menschlichen Geschichten. So wie jene des Johannes Strolz, der den Medaillentraum seines Vaters Hubert wiederholte.

Mit Attributen wie „unglaublich“, „unfassbar“ und „fast schon kitschig“ wurden die Erfolge des Vorarlbergers kommentiert. Und Johannes Strolz selbst? Er empfindet zuallererst einmal tiefe Dankbarkeit. Das auffälligste Merkmal an dem 29-Jährigen ist seine Bescheidenheit, die Bodenhaftung, die er nicht nur auf der Piste und zwischen den Toren, sondern auch im Leben gefunden hat.

„Es sind die Geschichten, die dahinter stehen, die Medaillengewinne so emotional machen“, sagte ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober. Und die Geschichte hinter Johannes Strolz ist alles andere als eine Bilderbuchkarriere. Lange fuhr er großen Erfolgen hinterher, wurde schon abgeschrieben und stand vor dem Aus. Doch er glaubte an sich, wollte es noch einmal wissen, nahm das Training selbst in die Hand und stellte sich selbst zum Wachseln und Kantenschleifen in den Schikeller. Er hat es buchstäglich gelernt, „seine Sachen beisammen“ zu haben und auf den eigenen Beinen zu stehen. Darin liegt wohl das Geheimnis seiner Unerschütterlichkeit.

Die Umwege des Lebens haben sich hier als gold-richtig erwiesen. Und wir haben auch andere Beispiele erlebt, dass Medaillen von Sportler*innen, die – wie Mirjam Puchner – nach langwierigen Verletzungen oder – wie Michelle Gisin – nach Krankheiten zurückgekommen sind, einen ganz besonderen Glanz haben. In ihnen bündelt sich eine wichtige Erfahrung: Es geschieht nicht immer das, was wir uns wünschen, aber sehr oft passiert genau das, was wir brauchen, was uns weiterhilft auf unserem Weg und uns als Menschen stärker macht. Der Apostel Paulus sagt: „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen.“ (Röm 5,3–5)

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (17.02.2022)

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Drei Goldene und eine Bronzene. Mit seiner vierten Olympiamedaille hat sich Matthias Mayer – wie man gerne sagt – unsterblich gemacht. Es ist ein „Sieg für die Ewigkeit“. Damit hat der Kärntner sogar den Schi-Gott Toni Sailer übertroffen. Es fällt auf, dass beim Versuch, ganz besondere Momente und herausragende Leistungen im Sport in Worte zu fassen, häufig auf religiöse Begriffe und Bilder zurückgegriffen wird. Das kommt nicht von ungefähr, denn das sind Ereignisse, die die Grenzen des menschlich Fassbaren und Erklärbaren berühren und für Augenblicke sogar darüber hinausreichen. Sie sind – theologisch gesprochen – Transzendenzerfahrungen, ein Eintauchen in göttliche Sphären, in den Bereich des Heiligen.

Diese Grenzüberschreitung kann sich in einer körperlichen Kraftexplosion ereignen, in der jemand über seine physischen Möglichkeiten hinauswächst. Von einer Nahtoderfahrung sprach etwa der nordische Kombinierer Lukas Greiderer nach einem unglaublichen Fight in der Loipe. Oder sie kann in einem Augenblick der Genialität und des perfekten Gelingens eintreten, in dem sich die Gesetze der Physik und der Schwerkraft aufzulösen beginnen. So wie es bei der Linie, die Matthias Mayer im Super-G bei der Einfahrt in den Canyon gefunden hat, zu erahnen war. Da werden die Grenzen des Machbaren überschritten, es ist ein Geschenk, ein Moment der Gnade, wenn man so will, das Hereinbrechen des Göttlichen in unser Tun.

Viele Sportler*innen machen die Erfahrung – wie aktuell Mikaela Shiffrin: Wenn sie einen Erfolg unbedingt erzwingen wollen, geht es schief. Es braucht die Fähigkeit, es einfach „passieren“ zu lassen, die Fähigkeit, ganz im Moment zu sein und geistes-gegenwärtig zu sein – also: sich vom Geist inspirieren und leiten zu lassen, ganz intuitiv zu handeln. Wem das gelingt, der oder die kann Unglaubliches vollbringen. Dabei entstehen Momente für die Ewigkeit. Denn es ist das Sein in der Gegenwart, das uns mit der Ewigkeit in Berührung bringt – und mit Gott, der immer gegenwärtig ist.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (10.02.2022)

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5. Februar 1976. Franz Klammer steht im Starthaus zur Olympiaabfahrt am Patscherkofel. Es wird ganz ruhig um ihn herum. Der Druck, der auf den Schultern des 22-jährigen Kärntners lastet, ist enorm. Ganz Österreich erwartet von ihm die Goldmedaille. Sehr eindrucksvoll baut der Film „Klammer – Chasing The Line“ den Spannungsbogen auf diesen entscheidenden Moment hin auf und legt Klammer, bevor er ins Tal rast, als letzten Gedanken in den Kopf: „Nit hoffen, nit wollen – wissen!“ Der Rest ist 1:45,73 Minuten später Schigeschichte.

Das ist 46 Jahre her, aber noch immer Inspiration. Ganz bei sich selbst zu sein, auf seine innere Stimme und die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, gegen alle Einflüsterer und Besserwisser seiner Linie treu zu bleiben und sich nicht verbiegen zu lassen, das erweist sich nicht nur als Schlüssel zu sportlichen Erfolgen, sondern auch zu einem erfüllenden Leben. Oft spüre ich in mir ganz deutlich, was für mich stimmig und richtig ist, bringe aber nicht die Kraft auf, aus vorgegebenen Spuren auszubrechen, in mich gesetzte Erwartungen abzuschütteln, vermeintliche Sicherheiten loszulassen und mich in unbekanntes Terrain vorzuwagen. Aber ebenso habe ich erlebt: Wenn ich die feste Gewissheit gefunden habe, was mein ureigenster Weg ist, und den Mut aufbringe, diesem Wissen zu trauen, dann tun sich ganz neue Türen auf und es werden ungeahnte Kräfte frei.

Österreichs Fahnenträgerin in Peking, die Snowboarderin Julia Dujmovits, sagte jüngst in der Kleinen Zeitung: „Wenn ich mich in ein System hineindrängen lasse, verliere ich Energie.“ Seit sie aber gelernt habe, auf ihr Herz zu hören, mache sie nur noch Dinge, die sie begeistern. Und Begeisterung strahlt aus, sie wirkt entfesselnd. Zu meiner Priesterweihe habe ich den Psalmvers als Motto gewählt: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18,30) Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.“ (Mt 17,20) Ein Glaube so groß wie ein Senfkorn reicht aus, um nicht zu hoffen, sondern zu wissen und Unmögliches zu vollbringen. Wie ein Senfkorn – das sollte doch schaffbar sein.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (05.02.2022)

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Wenn in wenigen Tagen die olympischen Delegationen aus aller Welt nach Peking anreisen, werden sie in eine große Bubble eintauchen – oder genauer gesagt in viele kleinere, um nicht mit der Bevölkerung in Berührung zu kommen und untereinander nicht mehr als unbedingt nötig. Begründet wird dies – verständlicher Weise – als Schutzmaßnahme, damit Olympia nicht zu einem gigantischen Pandemie-Hotspot wird.

Ich werde aber den Verdacht nicht los, dass die Omikron-Welle den chinesischen Veranstaltern ganz gut in die Karten spielt und ihnen diese Blasenbildung auch aus anderen Gründen gelegen kommt. So kann ja gleich elegant unterbunden werden, dass die Sportwelt etwas von Menschenrechtsverletzungen im Land mitbekommt, und mögliche Protestkundgebungen oder Solidaritätsbezeugungen werden im Keim erstickt.

Es gibt mir doch zu denken, wenn sportliche Großevents gehäuft in Staaten mit totalitären Regimen abgehalten werden, die sie zur Imagepolitur und Selbstdarstellung benutzen. Dies gesellt sich zu der Tatsache, dass Sportverbände wie das IOC oder die FIFA selbst kaum ernsthafte demokratische Strukturen entwickelt haben, was sie anfällig macht für Intransparenz und Bestechlichkeit. Da liegt Vieles im Dunkeln.

Der Apostel Paulus sagt: „Lebt als Kinder des Lichts! Denn das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. … Habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, … deckt sie vielmehr auf!“ (Eph 5,8-11) Es ermutigt mich, dass gegenwärtig viele solche Bubbles der Korruption, der Vertuschung und des Missbrauchs aufpoppen und „Werke der Finsternis“ ans Licht kommen – sei es im Sport, in Politik und Gesellschaft, oder auch in meiner Kirche, wo dies gerade in München oder durch das Coming-Out vieler queerer Mitarbeitenden geschieht. Gott sei Dank! Sich der Wahrheit zu stellen ist schmerzhaft, aber es befreit aus der Blase und führt zum Licht.

Sollte dieser Blog nach wenigen Tagen aus dem Netz verschwunden sein, betrachten Sie es als Indiz dafür, dass mein Verdacht nicht gänzlich haltlos war!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.02.2022) 

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„Ich bin heute nicht bereit dafür.“ Nicole Schmidhofer stand quasi schon am Start zum Abfahrtstraining in Zauchensee, als sie spürte, dass sie sich nach ihrer schweren Verletzung im Vorjahr die Belastung dieser Strecke noch nicht wirklich zutraut, und nicht nur dieses Rennen, sondern auch die Chance zu einer Olympiateilnahme sausen ließ. Ich habe größten Respekt vor dieser Entscheidung, die alles andere als Feigheit ist. Sich selbst und anderen die eigene Schwachheit einzugestehen, dazu braucht es wahrscheinlich noch mehr Mut als dazu, sich eine Abfahrtspiste hinunterzustürzen.

Im Spitzensport kann von dieser Fähigkeit das Überleben abhängen. Aber auch für uns „Normalsterbliche“ ist Mut zur Schwachheit viel öfter angesagt als wir glauben. Meine Erfahrung ist die, dass das Bauchgefühl meistens ganz richtig liegt. Wie oft kommt es vor, dass wir tief im Innersten sehr schnell spüren, wenn etwas nicht richtig läuft, wenn wir auf unserem Lebensweg in eine falsche Richtung abgebogen sind, wenn sich innere Widerstände aufbauen, wenn Sand im Getriebe ist?

Mich wundert es oft, wie lange es dauern kann, bis ich fähig bin, mir einzugestehen, dass ein Weg, den ich einmal eingeschlagen habe, sich als Sackgasse erweist, dass er sich falsch anfühlt und mich von meinen Lebenszielen oder meiner Berufung immer weiter wegführt, dass er meine Lebenskräfte blockiert, statt mich zu beflügeln. Und noch viel länger braucht es, bis ich endlich den Mut aufbringe, von dem falschen Weg abzurücken, umzukehren oder neu zu beginnen. Viele sind ihr ganzes Leben lang nicht dazu in der Lage und leben so an ihrem eigenen Wesen vorbei. Deshalb: Mut zur Schwachheit! Niemand muss alles können. Letztlich ist der Mut zur Schwachheit wohl für uns alle eine Überlebensfrage bzw. eine Lebensfrage.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.01.2022)

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Vom „Mythos Streif“ war während des Hahnenkammwochenendes in Kitzbühel immer wieder die Rede. Als „Tempel des Schisports“ bezeichnete der Franzose Johan Clarey die legendäre Abfahrtsstrecke nachdem er auf Platz zwei gerast war und damit sich selbst einen Eintrag in die Geschichtsbüchern sicherte. Mit 41 Jahren ist er nun der älteste Fahrer im Schi-Weltcup, der je auf einen Siegespodest stand. Das Attribut “historisch” verdiente sich auch der erste Sieg eines Brietn durch Dave Ryding im Slalom.

Viele Diskussionen gab es aber wegen einer Veränderung an der Strecke. Unterhalb der Hausbergkante wurde eine Stelle, an der es in den vergangenen Jahren wiederholt zu schweren Stürzen und Verletzungen gekommen ist, entschärft. Haben die Grabungsarbeiten am Mythos der Streif gekratzt? Sind sie ein Sakrileg an dem „heiligen“ Berg? Braucht es, um den Mythos von der schwierigsten Abfahrt der Welt zu füttern, auch Opfer? Rennläufer beschreiben diese Fahrt durchwegs als einen Kampf gegen den Berg. Entweder man bezwingt ihn, oder man wird gnadenlos abgeworfen. Schaden demnach bessere Sicherheitsvorkehrungen der Mythenbildung?

Mythen sind zutiefst religiöse Phänomene. Sie sind für eine Gemeinschaft identitätsstiftend und sinngebend. So gehören etwa für die „Sportnation Österreich“ Ereignisse wie Cordoba oder Franz Klammers Olympiasieg zu deren Gründungsmythen, die noch heute beschworen werden. Mythen sind mit andächtig zelebrierten Ritualen und der Verehrung von „Helden“ verbunden. In religiösen Kulthandlungen spielen auch Opfer eine bestimmte Rolle. Aus christlicher Sicht sind jedoch Opfer, sofern sie gewaltsam und zerstörerisch sind, überholt. Jesus sagt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13). Und auch der „Religion“ des Sports tut eine Entmythologisierung manchmal gut. Insofern bin ich froh, dass die Hahnenkammrennen heuer ohne „Opfer“ und Verletzte über die Bühne gegangen sind.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (18.01.2022)

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