Sportsgeist

Der sportliche Blog mit Tiefgang.

Sportlerinnen und Sportler haben mitunter sehr Geistreiches zu sagen und können von Erfahrungen erzählen, die auch für andere Bereiche des Lebens sehr wertvoll sein können.

Aktuelle Aussagen von Menschen aus der Welt des Sports oder eigene Beobachtungen und Erlebnisse, die für die Spiritualität und den Glauben relevant sind, vertieft Alfred Jokesch in diesem Blog und verknüpft sie pointiert mit dem alltäglichen Leben.

Der Sport ist eine große Schule für das Leben.

Papst Franziskus

In Katar ist vieles anders, als wir es von früheren Fußball-Weltmeisterschaften kennen. Erstmals wird eine WM in der Zeit des Advents ausgetragen. Und tatsächlich hat sie eine adventliche Note. Advent bedeutet: Wir gehen dem Licht entgegen, dem Geburtsfest des Erlösers und Friedensfürsten. Es bedeutet, dass wir selbst zum Licht werden in dieser Welt, dass wir für Gerechtigkeit, Menschenwürde und Freiheit eintreten, dass wir – wie es in der Vision des Propheten Jesaja bildhaft heißt, die Wüsten zum Erblühen bringen und die wilden Tiere besänftigen. Der Apostel Paulus fordert uns auf: „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts! Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag.“ (Röm 13,12-13)

Wenn es in früheren Jahren eine Diskussion um die Kapitänsschleife gab, dann drehte sie sich lediglich um die Frage, welcher Spieler sie tragen darf. Der Kapitän soll ein Führungsspieler sein, der in der Mannschaft hohe Akzeptanz besitzt, für sie spricht und die Haltung des Teams repräsentiert. Nun ist die Kapitänsschleife selbst zum Gegenstand der Debatte geworden. Mit dem Aufdruck „One Love“ auf der Armbinde ihres Kapitäns wollten mehrere Länder bei der WM ihren Respekt und ihr Eintreten gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität zum Ausdruck bringen. Das ist grundsätzlich innerhalb der Fußball-Community ein starkes und wichtiges Statement, in einem Land wie Katar jedoch eine heikle Provokation.

Haltung ist natürlich gerade dann gefragt, wenn sie aneckt, Widerstände hervorruft und einem abverlangt, Nachteile dafür in Kauf zu nehmen. Sie mit sportlichen Sanktionen zu belegen, halte ich jedoch für einen Missbrauch des Regelwerkes. Außerdem zeigt sich, dass sich eine Diskussion um Werte, Haltungen und Menschenrechte nicht mit Disziplinierungsmaßnahmen aus der Welt schaffen lässt. Das Licht findet andere Wege. So posierte die deutsche Nationalmannschaft vor ihrem ersten Spiel demonstrativ mit der Hand vor dem Mund und erklärte: „Wir lassen uns niemals unsere Stimme nehmen.“ Und die „One Love“-Binde tauchte plötzlich am Arm der deutschen Innenministerin Nancy Fraeser und der belgischen Außenministerin Hadja Lahbi auf der Ehrentribüne direkt neben FIFA-Präsident Gianni Infantino auf. Es ist Advent. Steh auf, werde Licht!

 

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.11.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

Jetzt geht sie also los, die Fußball-WM, die in jeder Hinsicht sehr speziell ist. Die Begleitmusik mit ihren verstörenden Dissonanzen, die von Bestechungen bei der Vergabe über die Ausbeutung von Arbeitsmigranten, die Missachtung von Menschenrechten und Pressefreiheit bis hin zu Spionageaffären und der zweifelhaften Behauptung der Nachhaltigkeit reichen, ist bereits vielfach thematisiert und kontrovers diskutiert worden. Auffallend ist, dass just wenige Tage vor dem Anpfiff zum größten Sportspektakel der Welt sich plötzlich namhafte Proponenten wie Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter bemüßigt fühlen, sich von der Wahl Qatars zu distanzieren. Eine äußerst späte Einsicht.

Es bleibt der schale Beigeschmack bei diesem Wintermärchen wie aus Tausend-und-eine-Nacht: Ein Scheich, der nicht weiß, wohin mit seinem unermesslichen Reichtum, kauft sich eine Fußball-WM. Doch so einfach und märchenhaft ist die Sache eben nicht. Es steckt schon eine langfristige Strategie dahinter. Das kleine aufstrebende Emirat am Persischen Golf sucht seinen Platz in der Welt und unternimmt alles, um auf sich aufmerksam zu machen und sich ein strahlendes Image aufzubauen. Die weltweite Popularität des Fußballs bietet dafür eine willkommene Plattform. Eine effiziente Propagandamaschinerie und Message-Control, die mit geheimdienstlichen Methoden eine kritische Berichterstattung erschwert oder unterbindet, soll den Eindruck eines ungetrübten Fußballfestes entstehen lassen. Perfekte Bilder und ein glänzender Schein sind wichtiger als die Wirklichkeit. Man schafft – wie das heute so schön heißt – alternative Fakten.

Für den Fußball-Fan bleibt die Frage: Soll man trotzdem zuschauen oder die dubiose WM ignorieren? Der fußballaffine Grazer Sozialethiker Leopold Neuhold sagt: „Der Fußball muss so gut es geht aus dem Würgegriff von Politik und rein ökonomischen Interessen befreit werden.“ Er hält nichts vom Boykott. Wie kann nun, wenn der Ball zu rollen beginnt, der sportliche Aspekt in den Vordergrund rücken? Im Fußball gelten gottlob immer noch die Regeln: Schiedsrichterentscheidungen sind Tatsachenentscheidungen. Und: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Aber, wer weiß? Vielleicht hat ja der allmächtige Emir in seiner Vorsehung auch den künftigen Weltmeister längst festgelegt?

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (18.11.2022)

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„Wir wollen Historisches schaffen.“ Mit diesem ehrgeizigen Ziel ist das Team des SK Sturm Graz zum letzten Gruppenspiel in der Europa-League nach Dänemark gereist. Nun – das ist ihr auch gelungen, obwohl sie mit hängenden Köpfen die Heimreise antreten musste und nach Spielende einige Tränen vergossen wurden. Immerhin passierte es zum ersten Mal in der Geschichte des europäischen Klubfußballs, dass nach der Gruppenphase ein Verein mit acht Punkten auf dem Konto den letzten Gruppenplatz belegt hat und ausgeschieden ist – punktegleich mit dem Gruppensieger. So undankbar und brutal kann der Sport sein.

Bei aller Bitterkeit in diesem konkreten Fall fällt mir auf, dass das Attribut „historisch“ im Sport in letzter Zeit geradezu inflationär strapaziert wird. Für fast jedes Ereignis oder Ergebnis lässt sich irgendeine Statistik finden, die belegt, dass es noch nie vorgekommen oder noch keinem gelungen ist, dass es einen neuen Allzeit-Rekord oder eine neue Welt-Bestmarke aufstellt. Sportreporter sind da überaus kreativ und das Internet ist sehr geduldig, da lassen sich unzählige Tabellen, Rankings und Charts zu allen möglichen und unmöglichen Kuriositäten der Sportgeschichte abspeichern. Und im Grunde ist ja alles, was wir tun, einzigartig und unwiederholbar, geschieht an einem Ort, zu einem Zeitpunkt, in einem Kontext, der nie mehr wiederkommt, und ist damit historisch. Jede einzelne unserer Taten und Begegnungen, jedes Erlebnis, jeder Schritt und jedes Wort schreibt die Geschichte der Menschheit weiter und bereichert die Welt durch einen einzigartigen Beitrag. Die meisten davon schaffen es freilich nie in irgendwelche Geschichtsbücher.

Hinter diesem Wettlauf nach historischen Einträgen steht wohl die Ursehnsucht des Menschen nach Unvergänglichkeit und Ewigkeit. Sie ist unserem Wesen eingeschrieben, weil wir das Bild des ewigen Gottes in uns tragen. Ich möchte etwas schaffen, das in seiner Bedeutung über die Grenzen meines irdischen Daseins hinausreicht. Zumindest soll mein Name irgendwo verewigt sein und einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Menschheit haben. Es ist letztlich ein Aufbäumen gegen die eigene Sterblichkeit.

Aber glauben wir daran, dass jede gute Tat, die wir vollbringen, jedes Werk der Liebe und jede Schöpfung des Geistes einen Widerhall in dieser Welt finden und sie bleibend verändern – auch wenn sie sich ganz unscheinbar oder anonym vollziehen? Es kommt doch weniger darauf an, seinen Namen zu verewigen, als darauf, etwas zu hinterlassen, das diese Welt lebenswerter und liebevoller macht. Das Ewige in unserem Leben ist das Gute, das wir getan haben – ob „historisch“ oder nicht.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.11.2022)

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Anfang November, wenn auch die Natur an die Vergänglichkeit erinnert, ist es Brauch, der Toten zu gedenken und sie zu ehren. In den letzten Tagen sind zwei Persönlichkeiten gestorben, die durch unkonventionelle Ideen und visionäre Projekte, durch Tatendrang und Überzeugungskraft dem Sport ein neues Gesicht gegeben haben. Beide waren Steirer und beide hinterlassen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft markante Spuren.

Der eine ist Dietrich Mateschitz, der mit seinem Red-Bull-Imperium die Sportwelt revolutioniert hat. Sein Lebenswerk wurde hinlänglich gewürdigt und beleuchtet. Er hat den Sport zum Imageträger für seine Getränkedosen gemacht. Der andere, der Grazer Harry Krenn, hat eine ganz andere Lebensphilosophie verfolgt – ohne Millionenbudgets und große mediale Präsenz, aber ebenso zielstrebig und erfolgreich. Sein Leitsatz lautete: „Das Maß aller Dinge ist der Schwächste.“ Der gelernte Kaufmann initiierte unzählige soziale Projekte mit der Zielsetzung, Menschen, die ganz am Rande der Gesellschaft sind, ein Stück weiter in die Mitte zu holen und ihnen ein Leben mit einem Mindestmaß an Würde und Selbstbestimmtheit zu ermöglichen. Mit der Caritas gründete er das „Team-ON“, ein Wohnprojekt für Menschen auf der Straße. Einen Biker-Club konnte er dafür gewinnen, gemeinsam mit Obdachlosen Bewohner*innen in einem Altersheim zu besuchen und mit ihnen ein Fest zu feiern.

Als Obmann der Diözesansportgemeinschaft Steiermark entdeckte Harry Krenn das Potenzial des Sports als Brücke zur Integration. Er begann, mit Obdachlosen Fußball zu spielen. Aus dieser Initiative entwickelte sich der „Homeless-Worldcup“, der inzwischen schon in verschiedenen Ländern rund um den Globus ausgetragen wurde. Krenn erfand Sportangebote für Häftlinge und Suchtkranke, Radtouren mit sehbeeinträchtigten Menschen, Schiurlaube mit Familien, die sich das sonst nicht leisten konnten, und Sportveranstaltungen mit Menschen mit Behinderungen. Er nützte den Sport als Möglichkeit zur Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben und war überzeugt: „Gleichklang entsteht durch Augenhöhe“. Harry Krenn sprudelte nur so von „verrückten“ Ideen, mit denen es ihm gelang, Grenzen zu verrücken, trennende Mauern im gesellschaftlichen Zusammenleben abzutragen und konkrete Hilfe auf die Beine zu stellen. Durch seine Vision – Sport für die Schwächsten – hat er vielen Menschen Mut gemacht, sich etwas zuzutrauen, ihren Wert zu entdecken und an ihre eigene Zukunft zu glauben. Er hat ihnen die Erfahrung ermöglicht: Sport verleiht Flügel. Mögen seine Initiativen und seine Haltung weiterhin Früchte tragen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.11.2022)

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Ein Scheich aus dem Jemen hat ein ausgefallenes Hobby. Er ist leidenschaftlicher Fliegenfischer. Also beauftragt er einen britischen Wissenschaftler, einen renommierten Experten für Lachszucht, mitten in der Wüste eine Lachskolonie anzusiedeln, damit er auch in seiner Heimat der geliebten Tätigkeit nachgehen kann. Geld spielt dabei keine Rolle. Der unerschütterliche Glaube des Scheichs an seine verrückte Vision überzeugt schließlich den skeptischen Biologen, er lässt die Fische in Containern aus Schottland anliefern und das Wunder tritt ein: Sie werden in den künstlichen Gewässern im Jemen heimisch.

Das ist die Handlung des Films „Lachsfischen im Jemen“, einer romantischen Komödie von Lasse Hallström. Sie spielt mit dem Gegensatz zwischen einer rein rationalen Weltsicht und einem spirituellen Blick auf die Wirklichkeit, dem Glauben an eine tiefere Dimension, an die Möglichkeit des Unvorstellbaren. Snowboard-Olympiasieger Benjamin Karl etwa sagte jüngst in „Sport am Sonntag“: „Der größte Treiber ist für mich, wenn jemand sagt, du kannst das nicht.“ Es sei wichtig, den richtigen Satz zur richtigen Zeit zu sagen und fest daran zu glauben, dass die gesetzten Ziele realisierbar sind. Jesus sagt zu seinen Jüngern, als sie ihn um eine Stärkung im Glauben bitten: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17,6)

Die Geschichte des Films aus dem Jahr 2011 ist in punkto Absurdität von der Wirklichkeit längst überholt worden. Arabische Scheichs machen es sich zum Hobby, mitten in der Wüste Fußball-Weltmeisterschaften oder Formel-1-Rennen auszutragen – koste es, was es wolle. Nun wurden die Asien-Winterspiele für das Jahr 2029 an Saudi-Arabien vergeben. Der Austragungsort existiert noch gar nicht. Für 500 Milliarden Dollar soll am Roten Meer ein hypermodernes Wintersport-Ressort errichtet werden – wahrscheinlich unter ähnlichen humanitären Bedingungen wie beim Bau der Fußballstadien in Qatar. Dabei stellt sich doch die Frage, ob etwas, das zwar mit festem Glauben an das Unmögliche und unerschöpflichen Geldquellen realisierbar ist, letztlich auch sinnvoll und verantwortbar ist.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (17.10.2022)

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In Indonesien starben jüngst 130 Menschen in einer Massenpanik bei Ausschreitungen von Fans nach einem Fußballspiel. Sie wurden zertrampelt oder sind durch den Einsatz von Tränengas erstickt, viele von ihnen waren Kinder und Jugendliche. Es ist eine der größten Tragödien, die sich bei Sportveranstaltungen zugetragen haben. Fast zeitgleich hat die Grazer Polizei bekanntgegeben, dass sie für die drei „Hochrisikospiele“, die der Stadt im Oktober ins Haus stehen, zwei Wasserwerfer angefordert hat. Die gepanzerten LKW sehen aus wie Kriegsgerät und wirken angsteinflößend.

Ich kann natürlich nicht beurteilen, welche polizeiliche Einsatzstrategie die optimale ist und am besten zur Beruhigung und Deeskalation beiträgt. Ich finde es aber schade, dass ein Besuch im Stadion bei gewissen Spielen nicht ohne ein mulmiges Gefühl möglich ist. Und viele fragen sich, ob es dafür steht, eine Veranstaltung zu besuchen, die nur unter einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften durchgeführt werden kann. Gerade solche Spiele – wie in diesem Fall gegen europäische Spitzenmannschaften oder ein Stadtderby, das erstmals seit vielen Jahren wieder zustande kommt – sollten doch Fußballfeste und ein besonderer Genuss sein, keine Hochrisikoveranstaltungen, bei denen man mit Aggression, Gehässigkeit und Ausschreitungen konfrontiert ist. Mit positiven Emotionen lässt sich die eigene Mannschaft doch viel wirkungsvoller unterstützen.

Ich würde mir wünschen, dass die Akteure im Fußball – Spieler, Trainer und Funktionäre – sich in diesem Sinne noch deutlicher positionieren und Vereine unmissverständlicher signalisieren, dass gewaltbereite Gruppen oder Personen unter ihren Anhängern nicht erwünscht und geduldet sind. Dass Spieler vor dem Anpfiff ein Plädoyer für Respekt und gegen Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungen sowie jede Form von Gewalt verlesen, ist ein schönes und wichtiges Zeichen. Es darf aber nicht bei einem Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss das Handeln durchdringen und auf die gesamte Community im Stadion ausstrahlen. Was ich mir wünsche, ist eine Atmosphäre, die so ist, dass auch Familien und Kinder mit einem guten Gefühl ein Spiel besuchen können und das Prickeln, Hoffen und Bangen sich auf das sportliche Geschehen auf dem Spielfeld beschränkt.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (07.10.2022)

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Ich war neulich bei einer mehrtägigen Bergtour in den Schladminger Tauern unterwegs. Dabei habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich schon ziemlich erschrocken hat und mir zu denken gibt: In den vergangenen Jahren sind wir auf der gleichen Route immer bei Schneefeldern vorbeigekommen, mussten sie teilweise auch überqueren oder konnten auf ihnen talwärts rutschen. Heuer hingegen war weit und breit kein einziges weißes Fleckchen zu entdecken. Auch in dieser unberührten Bergwelt, die so mächtig und zeitlos wirkt, sind also die Spuren des Klimawandels unübersehbar.

Inzwischen nehmen schon viele die bevorstehende Wintersaison in den Blick. Der Schi-Weltcup steht bereits in den Startlöchern. Auch hier sind der Klimawandel und die aktuelle Energiekrise bestimmende Themen. Das Abschmelzen der Gletscher beeinträchtigt die Trainingsbedingungen im Sommer, der Energieaufwand für Beschneiungsanlagen oder bei Flutlicht-Rennen wird zunehmend kritisch betrachtet und der Weltcup-Tross muss vermehrt auf seinen ökologischen Fußabdruck achten. Die Austragungsorte der Rennen werden wohl immer mehr in höhere Regionen klettern. Jüngstes Beispiel dafür sind die für heuer geplanten Bewerbe am Fuße des Matterhorns. Der Schisport, der in besonderer Weise von den Folgen des Klimawandels betroffen ist, steht dem entsprechend auch in der Pflicht, im nachhaltigen Umgang mit der Natur und den sensiblen Ökosystemen der Bergwelt beispielgebend voranzugehen.

Schifahren ist immer auch verbunden mit der Freude an der Bewegung in der freien Natur, am Erleben beeindruckender Landschaften und am Staunen über die Schöpfung. Es soll deshalb auch besonders dafür sensibilisieren, diese kostbaren Schätze – nicht nur die Berge, sondern die gesamte uns anvertraute Welt – zu bewahren, statt diese auszubeuten und als reinen Konsumgegenstand zu betrachten. Papst Franziskus hat etwa in seiner viel beachteten Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ (Kapitel 11) geschrieben: „Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen.“

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.09.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

Allmählich gehen die Lichter aus. Die explodierenden Energiepreise machen uns allen zu schaffen. Auch der Sport ist davon massiv betroffen. Mit Blick auf die bevorstehende Herbst- und Wintersaison schlagen nun Funktionäre und Sportstättenbetreiber Alarm, dass unter diesen Voraussetzungen Licht und Heizung in Tennishallen, Schwimmbädern, Turnsälen oder Eishallen bzw. das Flutlicht auf Sportplätzen im Freien nicht mehr finanzierbar seien. Auch in den Schigebieten kündigt sich schon eine sprunghafte Erhöhung der Liftkartenpreise an. Da drängt sich die Frage auf: Ist Sport bald nur noch für wohlhabende Eliten leistbar?

Natürlich ist es legitim und wichtig, finanzielle Unterstützung einzumahnen, die der Tatsache Rechnung trägt, dass der Sport im Gesamtgefüge der Gesellschaft ganz wesentliche Aufgaben wahrnimmt. Jede Investition in den Sport kommt ja im Gesundheitswesen wieder zurück. Allein zu lamentieren, was alles unter diesen Umständen nicht mehr möglich ist, und zu fordern ist aber zu wenig. Genauso braucht es Kreativität und innovative Ideen, wie der Sport in seinem eigenen Bereich dazu beitragen kann, den Energieverbrauch zu optimieren.

Ich bin überzeugt, dass mit etwas Fantasie und der Bereitschaft, alle Abläufe unter die Lupe zu nehmen und alle verwendeten Ressourcen auf ihre Notwendigkeit und Effizienz zu prüfen, ein beträchtliches Einsparungspotenzial gefunden werden kann, ohne große Einbußen in Kauf zu nehmen. So wurden etwa in der Fußball-Bundesliga am vergangenen Sonntagnachmittag zwei Partien probeweise ohne Flutlicht ausgetragen. Ich denke nicht, dass am helllichten Tag die Qualität des Spiels oder das Erlebnis für die Fans darunter gelitten haben. Das ist nur ein kleines Beispiel, doch viele solche Schritte können helfen, den Sport gut durch diesen Winter zu bringen – und tragen ganz nebenbei noch zum Klimaschutz bei. Das zeichnet doch echten „Sportsgeist“ aus, dass er bei Schwierigkeiten und widrigen Umständen nicht resigniert, sondern diese als Herausforderung betrachtet, an der er wachsen kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (16.09.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

In der kommenden Woche bin ich bei spirituellen Bergtagen in den Schladminger Tauern unterwegs. Eine solche Tour muss natürlich gut geplant werden. Welche Wegstrecken, welches Höhenprofil, welche Schwierigkeitsgrade können die Teilnehmenden bewältigen? Wenn jemand überfordert ist und nicht mehr weiter kann, wäre das ganze Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Und auch das Packen des Rucksacks braucht viel Sorgfalt. Welche Ausrüstung brauche ich, um den Anforderungen des Weges, der Berge und des Wetters gewachsen zu sein? Wenn etwas Wichtiges fehlt – ein geeigneter Regenschutz, eine warme Haube, solide Schuhe mit griffigem Profil –, kann es sehr ungemütlich oder sogar gefährlich werden. Zugleich muss ich aber auch darauf achten, dass ich mich auf das Notwendigste beschränke, um keinen unnötigen Ballast mit mir herumzuschleppen.

Unterwegs wollen wir bei diesen Bergtagen unsere Lebens- und Glaubenswege betrachten. Dabei stellen sich ja ganz ähnliche Fragen: Welche Voraussetzungen braucht es für ein Leben als Jünger oder Jüngerin Jesu? Was muss ich dafür mitbringen, was muss ich investieren und was zurücklassen? Bin ich bereit, mich von bestimmten Dingen, Lebensgewohnheiten und Verhaltensmustern, „Sachzwängen“ oder auch Menschen und sozialen Bindungen zu lösen, um wirklich frei zu sein für die Nachfolge Jesu und ein Vorangehen in meinem Leben? Jesus ist da sehr kompromisslos. Er sagt: Wer nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, kann nicht mein Jünger sein. (Lk 14,26-27) Für Halbherzigkeit, Sicherheitsstufen oder Hintertürchen ist da kein Platz. Auf dem Weg Jesu gibt es keinen „Plan B“.

In der Hierarchie der Wichtigkeiten in unserem praktischen Leben rangiert der Glaube meistens eher im Hinterfeld. Da hat alles andere Vorrang: der Beruf, die Familie, die Freizeit. Sollte danach noch Zeit, Motivation und Freude übrig sein, dann kommt das religiöse Leben dran. Was Jesus sich unter Jüngerschaft vorstellt, verlangt jedoch eine ganz andere Priorität. Wer ihm nachfolgen will, muss innerlich frei sein und auch schwere Wegstrecken durchhalten können. Wer sich überschätzt und auf halben Weg umkehren muss, kann das Ziel nicht erreichen. Wer sich aber gut vorbereitet und seine Kräfte richtig einteilt, kann mit Jesus hohe Gipfel erklimmen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.09.2022)

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Es ist eine Binsenweisheit im Fußball, die gerne strapaziert wird, wenn ein „Kleiner“ gegen einen „Großen“ gewinnt: „Geld schießt keine Tore.“ Doch es hat schon einen besonderen Charme, wenn der Underdog dem haushohen Favoriten ein Bein stellt. So haben sich Namen wie Düdelingen, Breidablik oder die Färöer-Inseln tief in die kollektive Fußballseele eingeschrieben. Nun muss wohl auch der FC Vaduz dieser mythenbildenden Liste hinzugefügt werden. Der Pokalsieger des Fürstentums Liechtenstein und aktuell Vorletzte in der zweiten Schweizer Fußballliga nahm mit dem Sieg gegen Rapid Wien völlig überraschend bereits die dritte Hürde zur Qualifikation für einen europäischen Bewerb und darf nun in der Gruppenphase der Conference League antreten. Und das nicht glücklich, sondern hochverdient, wie von den Kommentatoren einhellig betont wurde.

Solche Überraschungen tragen ganz besonders zur Faszination des Fußballs und des Sports generell bei. Sie zeigen, dass man Erfolg nicht kaufen kann, und halten in Erinnerung, dass auch im Millionengeschäft des Profisports Wille und Herz, Mut und Leidenschaft über individuelles Können und hochprofessionelle Vorbereitung siegen können. Der Glaube – an sich selbst und an das Erreichen des scheinbar Unmöglichen – kann tatsächlich Berge versetzen. Das erleben wir als etwas Beglückendes.

Nicht umsonst wird in solchen Fällen gerne der biblische Vergleich mit dem Kampf Davids gegen Goliat verwendet. Diese Geschichte ist der Grundmythos für die Erfahrung, dass Gott das Kleine und Schwache erwählt hat, um das Starke und Mächtige dieser Welt – so drückt es der Apostel Paulus aus (vgl. 1 Kor 1,27) – zuschanden zu machen. Der riesenhafte und schwer bewaffnete Goliat tritt siegessicher und überheblich vor David hin, welcher ohne Rüstung und allein mit dem Vertrauen, dass Gott ihn rettet, vor ihm steht. Und nicht der Starke, sondern wer mit hehren Absichten, mit Mut und Vertrauen für eine gute Sache, für den Schutz der Bedrohten und für die Menschlichkeit eintritt, trägt schließlich den Sieg davon.

In der Realität ist freilich – nicht nur im Sport, sondern auch auf anderen Gebieten – der Sieg des David eher die Ausnahme. Aber solche Ereignisse sind Lichtblicke, die Hoffnung geben und Mut machen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (29.08.2022)

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Momentan suchen viele im Urlaub Erholung, Ruhe und Entspannung, das „dolce far niente“, das süße Nichtstun als Ausgleich zum hektischen und gestressten Alltag. Andere setzen sich dabei große sportliche Ziele, die mit beträchtlichen Strapazen verbunden sind: ein hoher Berggipfel, eine ausgedehnte Radtour oder der Nervenkitzel verschiedener Extremsportarten. Auch in die Freizeitgestaltung hat das Leistungsdenken Einzug gehalten. Wenn man einen persönlichen Rekord schafft, seine eigene Bestmarke übertrifft, Grenzen überschreitet und in neue Dimensionen vordringt, dann ist das Unternehmen erfolgreich und man ist zufrieden. Ein wesentlicher Punkt dabei ist natürlich auch, dass man sich selbst besser kennenlernt.

Mit großen Anstrengungen und viel Mühe scheint auch der Weg ins Reich Gottes gepflastert zu sein. So gibt es jedenfalls Jesus einem zu verstehen, der besorgt nachfragt, ob es denn nur wenige sind, die gerettet werden: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.“ (Lk 13,24) Wir sollen all unsere Kräfte mobilisieren und unser ganzes Potenzial ausschöpfen, sonst bleiben wir ausgesperrt. Das klingt sehr hart und unbarmherzig. Sind etwa die Plätze im Himmel limitiert wie die Startplätze bei Olympischen Spielen? Finden nur die Besten und Schnellsten dort Einlass? Ist unser irdisches Leben gar ein Wettlauf um den ewigen Lohn?

Wenn es ein Wettkampf ist, dann jedoch einer, der anderen Spielregeln folgt als es bei sportlichen Bewerben der Fall ist. Jesus sagt, dass die Letzten die Ersten sein werden. Unsere Gegner sind dabei nicht die anderen Menschen. Was wir besiegen müssen, das sind die Widerstandskräfte in uns selbst, unsere eigene Trägheit, unsere Nachlässigkeit im Voranschreiten auf dem Weg, der uns Gott näher bringt. Meistens sind es ja wir selbst, die die Tür zu einem himmlischen Leben eng machen durch unsere eigenen Ansprüche und unseren Perfektionismus. Vor Gott müssen wir bestimmt keine Top-Leistungen vorweisen, sondern viel eher die Bereitschaft aufbringen, uns verwandeln und heilen zu lassen, um unseren Egoismus abzulegen und zu wachsen in der Nächstenliebe. Gefragt ist unser volles Potenzial an Menschlichkeit. Die enge Tür zum Himmel wird weiter, wenn ich sie anderen aufhalte.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (11.08.2022)

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„Women play football # not womens football.“ Diese Message war an den elektronischen Werbebanden zu lesen, als das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft der Frauen begann: „Frauen spielen Fußball, nicht Frauenfußball.“ Es ist eine deutliche Kampfansage, die zeigt, dass der Kampf längst noch nicht ausgestanden ist – trotz großartiger Kulisse in einem ausverkauften Old-Trafford-Stadion, die als eine der Kathedralen des Fußballs gilt, also in einem absoluten „Heiligtum“ des Männerfußballs.

Nach wie vor gilt ja der Fußball als Männerdomäne und kann es sich leisten, einem Männerbild zu huldigen, das durch chauvinistische, sexistische, homophobe und teilweise auch rassistische Geisteshaltungen auffällt. Noch immer ist ein Besuch im Stadion ein Erlebnis, das man Frauen und Kindern lieber nicht zumuten möchte. Mich stört das, wenn die eigene Gruppenidentität sich aus der Abwertung und Verunglimpfung der anderen speist. Das zeugt von geringem Selbstwertgefühl. In dieser Hinsicht benötigt die Fußballgemeinde sicher noch einen Kulturwandel und das Aufbrechen der Männerbastion wird – davon bin ich überzeugt – für die Männer und ihr Selbstverständnis ebenso wie für den Fußball insgesamt ein Gewinn sein.

In puncto Aufmerksamkeit haben die Frauen schon einen wichtigen Schritt erreicht. Das zeigen die vollen Stadien bei der EM in England und die Tatsache, dass die Spiele zu besten Sendezeit auf ORF 1 übertragen werden. Und das mit gutem Recht, denn die spielerische Qualität und die Professionalität haben sich in den letzten 15 Jahren enorm weiterentwickelt. Ein gutes Zeichen ist auch, dass mittlerweile die meisten großen Klubs in Europa im Frauenfußball engagiert sind. Sogar der SK Rapid springt nun auf diesen Zug auf. Bezüglich Anerkennung und Wertschätzung gibt es sicher noch einen Aufholbedarf. So haben etwa Schiedsrichterinnen beim Männerfußball nach wie vor einen schweren Stand. Oder: Wann wird erstmals eine Frau Coach bei einer Herrenmannschaft? Wann wird es Bewerbe mit gemischten Teams geben?

Ich würde mir wünschen, dass Frauen mit der gleichen Selbstverständlichkeit ihren Sport ausüben können wie das etwa beim Schifahren oder im Tennis schon längst der Fall ist. Und wenn möglich ganz ohne abschätzige oder despektierliche Kommentare seitens der Männer.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.07.2022)

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„Ihr habt mir all das gegeben, wovon ich als Kind geträumt habe.“ Mit emotionalen Worten nahm Martin Hinteregger von den Fans der Eintracht Frankfurt Abschied. Die Jahre bei diesem Verein seien „die geilste Zeit in meinem Leben“ gewesen, auf die er immer mit großer Dankbarkeit und Stolz zurückblicken werde. Dennoch hängt der noch keine dreißig Jahre alte Kärntner seine Fußballschuhe an den Nagel und beendet seine Profikarriere. Und das nach dem Gewinn der Europa League und dem legendären Auswärtssieg gegen den FC Barcelona im Camp Nou.

Dieser überraschende Rückzug macht mich hellhörig, immerhin können weder Misserfolge noch Verletzungen oder vereinsinterne Spannungen als Beweggründe dafür geltend gemacht werden. „Hinti“ wurde von den Fans geliebt und war eine wichtige Stütze in der Mannschaft. Außerdem wirkte er als Spieler absolut schmerzbefreit, verkörperte das, was man unter Fußballern „ein Viech“ nennt, und hat auf dem Platz ebenso wie außerhalb desselben stets Vollgas gegeben.

Nun zeigt Hinteregger, der sich noch nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, eine andere, viel verletzlichere Seite seiner selbst. Er spricht ein Motiv an, das im Profifußball leider ein großes Tabuthema ist, nämlich den unmenschlichen Druck, der auf Spielern in den Top-Ligen lastet, verbunden mit massiven Versagensängsten, was wohl häufiger auftritt als man denkt. Vor einigen Jahren hat etwa der deutsche Nationalspieler Per Mertesacker dieses Tabu aufgebrochen und seine Stresssymptome öffentlich gemacht. In einem Umfeld, wo man keine Schwäche zeigen darf, wo Männlichkeit mit Stärke und Durchsetzungsvermögen gleichgesetzt wird – was im Sport leider noch viel zu oft der Fall ist –, bleibt man mit solchen Erfahrungen ziemlich einsam. Das sollte doch zu denken geben und ein Anstoß sein, solche Tabuthemen bewusst ans Licht zu bringen und auch über strukturelle Veränderungen ins Gespräch zu kommen, die dazu beitragen, dass Spitzensport auch menschlich lebbar bleibt.

So resümiert Martin Hinteregger mit einer Offenheit, die hoffentlich auch eine heilsame Wirkung auf den Spitzenfußball hat: „Es war die beste Saison, die ich jemals gehabt hat, aber ich war nicht mehr glücklich darüber. Es hat sich nicht so angefühlt, wie es das tun sollte.“ Wichtiger als jeder Erfolg ist es, auf das eigene Herz zu hören und der Spur treu zu bleiben, in der ich Mensch sein kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (30.06.2022)

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Wie verschafft sich ein Sportsgeist in einer frühsommerlichen Hitzeperiode Abkühlung, wenn nicht gerade ein Schwimmbad in Reichweite ist? Er denkt an den Wintersport. Zum Beispiel ans Schispringen. Vor kurzem habe ich im Fernsehen einen Bericht über das polnische Springerteam gesehen, bei dem der Tiroler Thomas Thurnbichler neuer Cheftrainer wurde. Thurnbichler war zwar als aktiver Athlet keine große Karriere beschieden, für Aufsehen sorgte er jedoch im Jahr 2003 als junger Vorspringer bei der Vierschanzentournee in Bischofshofen mit dem ersten Doppelsprung der Schisprunggeschichte. Er landete zunächst bei einer Weite von 80 Metern, stieß sich aber dann noch einmal ab und segelte weitere 40 Meter nach unten.

Ähnlich spektakulär und unkonventionell sind heute seine Trainingsmethoden. So lässt er Kamil Stoch, Dawid Kubacki und Co. während ihrer Sprünge laut singen oder im Kopf Rechenaufgaben lösen. Das erhöht nicht nur den Spaßfaktor beim mitunter recht monotonen Training. Indem sie gedanklich mit anderen Dingen beschäftigt sind, wird ihnen bewusst, ob die feinmotorischen Abläufe des Springens, das ja ein sehr subtiler Balanceakt ist, auch ohne daran zu denken funktionieren. Sie sind besser darauf vorbereitet, dass eine unerwartete Ablenkung sie nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringt.

Das wäre doch eine gute Übung, die sich auch auf andere Lebensbereiche und Alltagssituationen übertragen lässt. Bin ich ausreichend stressresistent oder wirft mich jede Kleinigkeit aus der Bahn? Kann ich meiner Lebensspur treu bleiben oder lasse ich mich durch jeden Zuruf von außen sofort verunsichern, aus dem Konzept bringen und umstimmen? Freilich: Durch eine kreative oder paradoxe Intervention lassen sich auch festgefahrene Muster aufbrechen und es können sich plötzlich ganz neue Wege auftun. Und für Kopf-Arbeiter*innen, die viel am Computer sitzen, können umgekehrt kleine Bewegungseinheiten oder motorische Auflockerungsübungen zwischendurch dazu beitragen, Denkblockaden zu lösen und die Gehirnzellen zu aktivieren. In jedem Fall sind Gebet und Meditation gute Übungen, um sich mit seiner Mitte und seinem Innersten zu verbinden. Und natürlich hilft auch das Singen auf die Sprünge.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (23.06.2022)

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Eine Fußballmannschaft, die in ihrem Land die Meisterschaft gewinnt, bekommt als Zeichen der Anerkennung einen großen Teller überreicht. Der Sieg in der Champions-League wird mit einem kostbaren silbernen Pokal gewürdigt. Beide Trophäen erinnern an das „Geschirr“, das bei der heiligen Messe, der Erinnerungsfeier an das Letzte Abendmahl Jesu, Verwendung findet: den Teller für das Brot und den Kelch für den Wein, also jene Gefäße, in die die Gaben gelegt werden, die all das repräsentieren, was unser Leben ausmacht. Brot, das ist die tägliche Nahrung, das, was uns Tag für Tag leben lässt und uns Kraft zum Leben gibt. Es symbolisiert auch die Erträge und Früchte unserer Arbeit, die wir mit unserem Einsatz, unserer Kreativität, oft auch mit großer Kraftanstrengung hervorbringen. Der Wein steht für das, was das Leben zum Fest macht, was es reich macht und uns Erfüllung schenkt, was es heraushebt aus dem Alltäglichen, für die Freude und die besonderen Glücksmomente.

All das legen wir in der Feier der Messe dankbar vor Gott hin mit der Bitte, dass er unser Leben verwandelt, und dem Wunsch, unsere Existenz mit Jesus Christus in Berührung zu bringen, ihn und das in ihm verkörperte göttliche Leben in uns aufzunehmen und uns von ihm prägen zu lassen. Es stärkt uns, verbindet uns mit der Quelle des Lebens und macht uns zu neuen Menschen. Wir selbst sollen zu Gefäßen werden, in denen der auferstandene und erlöste Christus gegenwärtig ist und wirkt.

Real Madrid hat heuer beide Trophäen, die spanische Meisterschaft und die Champions-League, gewonnen. Und die Spieler haben diese als Zeichen des Dankes feierlich in die Kathedralkirche von Madrid getragen, wo sie den Segen des Erzbischofs empfangen haben. Die umgekehrte Bewegung vollziehen wir nun bei der Feier des Fronleichnamsfestes. Da tragen wir das gewandelte Brot, den Leib Christi, aus unseren Kirchen hinaus an die Orte des alltäglichen Lebens. Wir bringen unseren Wunsch zum Ausdruck, dass alle Bereiche des Lebens, die Orte unserer Arbeit, unserer Freizeit und auch die des Sportes, der Broterwerb und das Spiel von Jesus Christus berührt und durchdrungen werden sollen, dass all unser Tun von Gott gesegnet sein soll und dass wir selbst für diese Welt zum Segen werden.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (15.06.2022)

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Rafael Nadals Weg zu seinem historischen Turniersieg bei den French Open war ein Leidensweg. „Ich bin nicht verletzt, ich bin ein Spieler, der mit einer Verletzung lebt“, sagte der spanische Ausnahmeathlet nach dem heroischen Match gegen Novak Djokovic im Viertelfinale des Grand-Slam-Turniers. Er leidet an einer chronischen Verletzung eines Mittelfußknochens, die äußerst schmerzhaft akut geworden ist, und konnte nur mit einer lokalen Betäubung spielen: „Ich habe meinen Fuß nicht gespürt.“ Mit enormer Willenskraft hat er dieses Handicap ausgeglichen und es geschafft, bei seinem 17. Antreten in Paris zum 14. Mal zu triumphieren.

Es kommt ja gar nicht so selten vor, dass Sportler*innen nach Verletzungen, Krisen oder Schicksalsschlägen noch stärker zurückkommen und gerade mit einer Beeinträchtigung zu ganz besonderen, fast übermenschlich erscheinenden Leistungen fähig sind. Vielleicht lässt sich dies so erklären, dass für sie das klaglose „Funktionieren“ ihres Körpers keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dass sie sich bewusster damit beschäftigen, was ihnen hilft und gut tut, dass sie achtsamer mit ihrem Körper umgehen und ihr Menschsein stärker in seiner Ganzheit in den Blick nehmen. Gerade das, was nicht nach Plan läuft, ist ja meist eine Botschaft an mich, auf Aspekte meines Lebens hinzuschauen, die ich bisher vernachlässigt habe. Wenn ich es verstehe, auf diese Botschaft hinzuhören, und den Mut habe, sie anzunehmen, dann kann sie zu einem Impuls werden, der meinem Leben eine neue Richtung und Tiefe gibt, der mir hilft, als ganzer Mensch zu wachsen und auch in einer größeren Demut auf das Leben zu schauen.

Der Apostel Paulus spricht davon, dass ihm ein Stachel ins Fleisch gestoßen wurde, damit er nicht überheblich wird angesichts der außergewöhnlichen Offenbarungen, die ihm zuteil geworden sind (vgl. 2 Kor 12,7). Er geht nicht näher darauf ein, worin dieser Stachel besteht, doch dieser Stachel hat ihm deutlich gemacht, dass alles, was er vollbringen kann, letztlich Gnade ist und nicht sein eigenes Verdienst. Indem er sich seiner Schwachheit bewusst wird, kann die Kraft Gottes auf ihn herabkommen. Er sagt: „Die Kraft wird in der Schwachheit vollendet.“ (2 Kor 12,8) Und: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,10) Dieses scheinbare Paradoxon gilt es in unserem Leben aufzulösen. Je besser ich meine Schwachheit annehmen und mich mit meiner Unvollkommenheit aussöhnen kann, desto besser kann ich mich den Kraftquellen Gottes öffnen. Und desto stärker werde ich.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (09.06.2022)

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Die ersten Trainingseinheiten unserer Fußball-Nationalmannschaft mit dem neuen Teamchef Ralf Rangnick hinterließen bei den Spielern durchwegs positive Eindrücke. Der Geist scheint zu stimmen und die Philosophie des Trainers lässt einen attraktiven und offensiven Spielstil erwarten. „Das Wort, das er am meisten herausgestrichen hat, ist das Wir“, merkte etwa der Stürmer Sasa Kalajdzic an. In seiner ersten Pressekonferenz betonte Rangnick, dass man im Fußball als Mannschaftssport das Ziel haben müsse, „mehr auf den Platz zu bringen als die zu erwartende Summe der Qualität der Einzelspieler“. Weiters sei es ihm wichtig, dass Spiele unterhaltsam und nie langweilig seien, dass sie die Zuschauer*innen begeistern.

Ein intensives Wir-Erlebnis liegt auch jenem Ereignis zugrunde, das als die Geburtsstunde der Kirche bezeichnet wird. Davon erzählt in der Bibel die Apostelgeschichte: „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.“ (Apg 2,1) Dieses Gemeinschaftserlebnis setzt unter den verängstigten und mutlosen Jüngern eine unglaubliche Energie frei, die mit elementaren Naturgewalten verglichen wird – ein heftiger Sturm, der alles durcheinanderwirbelt, Feuerzungen, von denen sie erfasst werden. Was sie erleben, ist das explosive Wirken des Geistes, der sie entflammt und in Bewegung versetzt, ihnen die Angst nimmt, sie hinaustreten und in einer ganz neuen Weise von Gott sprechen lässt – kraftvoll und begeisternd. So werden sie zu mutigen Zeugen für die Botschaft Jesu, zu Offensivkräften des Glaubens. Das Wir-Erlebnis hilft ihnen, zuerst einmal an sich selbst und die Kraft des Geistes, der in ihnen wirkt, zu glauben. Sie bestärken sich gegenseitig darin.

Für David Alaba ist es schon Tradition, besondere Erfolge verbunden mit einem Zeugnis für seinen Glauben zu zelebrieren. Auch bei seinem dritten Champions-League-Titel posierte er mit einem weißen T-Shirt, das die Aufschrift „Meine Stärke liegt in Jesus“ trägt – diesmal in englischer Sprache. Die Kraftquelle ist Jesus Christus, die lebendige Beziehung zu ihm und zu dem Geist, der von ihm ausgeht. Und sie entfaltet sich im Zusammenwirken mit anderen, im Team, in der Gemeinschaft, eben im „Wir“.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.06.2022)

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Matthias Jaissle, Meistermacher bei Red Bull Salzburg und frisch gebackener „Trainer des Jahres“ der österreichischen Bundesliga, wurde in der ORF-Sendung „Sport am Sonntag“ darauf angesprochen, dass einige seiner Vorgänger danach bei europäischen Spitzenklubs reüssiert hätten. Der erst 34-jährige Deutsche lobte das professionelle Umfeld bei Red Bull, das ihm helfe, sich weiterzuentwickeln, ließ sich aber auf keine Vergleiche ein: „Ich versuche, die bestmögliche Version von mir selbst zu sein.“ Nachdem seine Karriere als Spieler, die verheißungsvoll begonnen hatte, durch eine Verletzung früh beendet wurde, empfinde er große Dankbarkeit für das Erreichte, weil er wisse, dass es nicht selbstverständlich sei. In seinem Leben sei nicht alles wie geplant verlaufen, „aber im Nachhinein betrachtet war es einfach perfekt“.

Im Sport, aber nicht nur dort, neigen wir dazu, großen Idolen nachzueifern und wollen so werden sie sie. Es gibt sicher vieles, was man sich von solchen Vorbildern abschauen kann, etwa die Konsequenz, mit der sie ihre Ziele verfolgen. Aber entscheidend für ein geglücktes Leben ist viel mehr die Fähigkeit, in sich selbst hineinzufühlen und die Begabungen, das Potenzial zu entdecken, das in einem selbst verborgen ist. Jeder Mensch ist einzigartig und trägt den Wert seiner Persönlichkeit, den kostbaren Schatz seiner Möglichkeiten in sich selbst.

In den vom jüdischen Philosophen Martin Buber gesammelten chassidischen Erzählungen gibt es die schöne Geschichte von Rabbi Sussja über die Frage aller Fragen. Da heißt es: „Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: ‚In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?‘“ Nicht große Vorbilder sind der Maßstab für ein gelungenes Leben, sondern das Urbild, das Gott in den innersten Kern meiner Seele eingeprägt hat. Dieses Bild zu verwirklichen ist die große Lebensaufgabe, die uns gestellt ist.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.05.2022)

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Oliver Glasner ist nach Béla Guttmann und dem legendären Ernst Happel der dritte österreichische Trainer, der mit seiner Mannschaft einen europäischen Pokal gewinnt. Eintracht Frankfurt legte in Sevilla mit dem knappen Finalsieg gegen die Glasgow Rangers im Elfmeterschießen eine Punktlandung hin und schaffte außerdem das Kunststück, den gesamten Bewerb hindurch ungeschlagen zu bleiben. Einen Bauchfleck fabrizierte Glasner erst bei der Siegerehrung, während seine Spieler ihm Spalier standen. Dieses launige Ritual zeugt zum einen von der gut funktionierenden Beziehung zwischen dem Coach und seinem Team und symbolisiert zum anderen eine Haltung, die gerade im Augenblick eines großen Erfolges wichtig ist: Immer am Boden bleiben, die Demut nicht verlieren und auch bereit sein, sich schmutzig zu machen.

Dementsprechend lobte der Innviertler auch hinterher alle Akteure, die dazu beigetragen haben, und erklärte: „Jeder hat sein Ego hintangestellt und zuhause gelassen und alles für den Erfolg der Mannschaft getan.“ Es braucht die Bereitschaft, mit ganzer Hingabe das gemeinsame Ziel zu verfolgen. Jesus sagt: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es erhalten.“ (Lk 17,33) Oder an anderer Stelle: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben.“ (Mk 3,24) Und die Frankfurter Eintracht hat in der Europa League ihrem Namen alle Ehre gemacht.

Interessant ist noch ein anderer Faktor, den Oliver Glasner ins Treffen zieht. Er sieht die Ursache für den Titelgewinn im letztjährigen Scheitern seines Teams an der Qualifikation zur Champions League: „Das ist oft im Leben so. Es gibt Rückschläge und dann zeigt sich, ob du ein Großer bist.“ Es zeigt sich in der Fähigkeit, nach einem Bauchfleck wieder aufzustehen und, statt mit dem Schicksal zu hadern und an sich zu zweifeln, ungebrochen an das eigene Potenzial zu glauben. Diese Fähigkeit streicht der Trainer speziell heraus: „Die Mannschaft und der Verein sind zurückgekommen, sind belohnt worden für die Beharrlichkeit. So ist Fußball, so ist das Leben.“

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (22.05.2022)

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Wenn jemand sagt: „Ein Triathlon ist für mich der pure Genuss“, wird man schon hellhörig. Umso erstaunlicher klingt es, wenn derjenige im Rollstuhl sitzt. Das Zitat stammt nämlich von Thomas Frühwirth, der soeben in Utah die Weltmeisterschaft im Para-Ironman gewonnen hat. Der Edelsbacher ist seit einem Motorradunfall vor 18 Jahren querschnittgelähmt. Seither sind für ihn ganz alltägliche Verrichtungen, über die andere keinen Gedanken verlieren, zu enormen Herausforderungen geworden und kleine Hindernisse, die Unversehrte gar nicht wahrnehmen, zu schwer überwindbaren Barrieren.

Frühwirth hat sich nicht seinem Schicksal ergeben oder in die Rolle eines bemitleidenswerten, hilfsbedürftigen Opfers gefügt. Er hat im Sport, dem schon vor dem Unfall seine große Leidenschaft galt, den Weg gefunden, auch mit seiner Beeinträchtigung seine Träume zu leben. Die Motocross-Maschine tauschte er gegen Rennrollstuhl und Handbike, die PS ersetzte er durch Muskelkraft. Er sagt: „Meine Träume haben sich verschoben, aber sie liegen noch immer an der Grenze des Machbaren.“ Und diese Grenze auszuloten, sie weiter hinauszuschieben und momenthaft zu überschreiten, ist für Thomas Frühwirth ein starker Antrieb, sich auf das Abenteuer Leben einzulassen. Dabei wird er sich selbst zur Frage und findet in der Begegnung mit sich und der wunderbaren Schöpfung auch zu Gott. So meint „Tiggertom“, wie sich der Triathlet in Anlehnung auf die immer gut gelaunte und unternehmungslustige Figur aus den „Winnie Puuh“-Kinderbüchern nennt: „Ich würde das theoretische Geschenk, wieder gehen zu können, sehr gerne annehmen. Ich habe nur keine Lust, im Wohnzimmer darauf zu warten.“

Für die meisten von uns wäre allein der Gedanke an die Strapazen eines Triathlons ein Horror. Und das, obwohl wir dafür unsere eigenen Beine benützen könnten. Die Erfahrung, dass dies nicht selbstverständlich ist, dass es ein Geschenk ist, sich bewegen zu können, dass es große Anstrengungen und viel Willenskraft braucht, um ohne Beine voranzukommen, kann – wie es Thomas Frühwirth zeigt – dazu führen, dass jede Gelegenheit zur Bewegung, und sei sie noch so extrem und herausfordernd, zum Genuss wird. Ein Anstoß für uns alle, mit Dankbarkeit, Achtsamkeit und Lebensfreude in jeden Tag hineinzugehen.

Übrigens: „Tiggertom“ Thomas Frühwirth wird an der Steirischen Sportwallfahrt am 26. Juni im Raiffeisen-Sportpark in Graz teilnehmen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (13.05.2022)

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Ivan „Ivica“ Osim war zweifellos eine der ganz großen Persönlichkeiten des Fußballs. Die Würdigungen des am 1. Mai verstorbenen „Jahrhunderttrainers“ des SK Sturm überschlugen sich mit Superlativen. Er war viel mehr als ein gewiefter Stratege, Fußballphilosoph und Intellektueller, er prägte Spieler und Fans nicht nur durch enorme Fachkompetenz und eine Spielanlage, die ihrer Zeit voraus war, sondern noch mehr durch seine menschliche Größe. Man hörte respektvoll, fast andächtig auf seine meistens recht leise Stimme. Auch in Zeiten größter sportlicher Höhenflüge blieb er bescheiden und seine Einschätzung nüchtern. Oft stand er als einziger auf der Euphorie-Bremse und war bestrebt, den Verein am Boden zu halten. Nach einem Champions-League-Spiel gegen Real Madrid wurde Osim nach dem Unterschied zwischen solchen Weltklasseteams und seinem SK Sturm gefragt. Seine trockene Analyse: „Dort spielen elf Spieler, bei uns vielleicht sechs oder sieben.“

Das Markenzeichen von Ivica Osim war der Haltegriff, den er an seiner Trainerbank montiert hatte. Osim war seiner Mannschaft stets ein starker Rückhalt, ein in sich ruhender Fels in der Brandung hitziger Fußballmatches. Doch woran konnte er sich im Leben festhalten? Die Gnade des Glaubens an Gott war Osim nicht geschenkt und sein Glaube an den Menschen erfuhr durch den Bürgerkrieg, in dem seine geliebte Heimatstadt Sarajewo in Schutt und Asche gelegt wurde, eine tiefe Erschütterung. Der feinsinnige Humanist, zu diesem Zeitpunkt letzter jugoslawischer Teamchef, hat angesichts dieser Katastrophe sein Lachen verloren und war von da an eine gebrochene Seele. Sollte Osim nun – was ich hoffe – bei einem liebenden Gott angekommen sein, dann wird Gott ihm gegenüber wohl einen großen Erklärungsbedarf haben.

Unser Andenken an diesen Weisen des Fußballs und weit darüber hinaus soll daher – gerade in einer Zeit, da sich die Geschichte nur wenige hundert Kilometer entfernt tragisch zu wiederholen scheint – eng verbunden sein mit einem unermüdlichen Ringen um Frieden, Menschlichkeit und Völkerverständigung. Auch dabei ist keine Halbherzigkeit zulässig, es genügt nicht, wenn sich sechs oder sieben darum bemühen, es braucht den unbedingten Einsatz aller elf, also jedes und jeder einzelnen, damit es Früchte tragen kann.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (06.05.2022)

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„Kurz vorm Klo in die Hose gemacht ist immer noch in die Hose gemacht.“ Jürgen Klopp, Startrainer des FC Liverpool, ist immer für starke Sprüche gut. Diesen ließ er nach dem Hinspiel im Semifinale der Champions-League los, das seine Mannschaft gegen das spanische Überraschungsteam aus Villareal zwar souverän, aber doch „nur“ mit 2:0 gewinnen konnte. Er will damit seine Spieler motivieren, die Anspannung für das Rückspiel aufrechtzuhalten, und ihnen klar machen, dass das ersehnte Ziel des Final-Einzugs noch nicht erreicht ist und der Fußball immer für unerwartete Wendungen gut ist. Aus langjähriger Erfahrung weiß er: Wenn man den Mund zu voll nimmt, kann das leicht in die Hose gehen. Entscheidend sind nicht die Worte, sondern die Taten.

Davon kann der Apostel Petrus ein leidvolles Lied singen. Er hat sich vollmundig zu Jesus bekannt und ihm die Treue geschworen. Nur wenige Stunden später hat er ihn verleugnet und im Stich gelassen, hat Angst vor der eigenen Courage bekommen. Seine Erwartungen haben sich nicht erfüllt und sein Plan ist nicht aufgegangen. Er hat erkennen müssen, dass der Weg der Erlösung, wie ihn Jesus im Sinn hatte, dessen „Taktik“, um das Reich Gottes zum Sieg zu führen, ganz anders aussieht, als er es gedacht hat. Er musste lernen, mit seinem Scheitern umzugehen, sich seine Schwachheit einzugestehen und seine Grenzen anzuerkennen.

Doch damit endet diese Geschichte nicht – Gott sei Dank. Auch sie nimmt eine unerwartete Wendung. Auf die schmerzhafte Erfahrung des Scheiterns folgt die Auferstehung, die wir gerade zu Ostern gefeiert haben. Sie zeigt, dass die Taktik Jesu aufgegangen ist, und macht eine neue Begegnung möglich, eine, die nicht von Vorwürfen und Schuldzuweisungen geprägt ist, sondern von Versöhnung, Befreiung und Frieden im Herzen. Der auferstandene Jesus lässt Petrus spüren, dass er trotz seines Versagens und mitsamt seinen Schwächen angenommen und geliebt ist. Und diese Begegnung gibt dem Apostel die Kraft, über sich selbst hinauszuwachsen und sich – ob gelegen oder ungelegen – zu Christus und der Lebenskraft der Frohen Botschaft zu bekennen. Der Blickwinkel der Auferstehung erlaubt es uns, nicht mit voller Hose durchs Leben zu gehen, sondern mutig, aufrichtig und versöhnt. Er bringt uns vielleicht nicht ins Finale der Champions-League, aber er führt uns zu einem erfüllten Leben.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.05.2022)

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Leben und Tod, Freude und Trauer liegen manchmal ganz eng nebeneinander. Dieses Wechselbad der Gefühle musste Cristiano Ronaldo an den Ostertagen durchleiden. Von den Zwillingen, die seine Partnerin Georgina Rodríguez zur Welt brachte, überlebte nur eines. Es sei „der größte Schmerz, den ein Elternteil empfinden kann“, postete der Weltfußballer auf Instagram, zugleich gelte es aber, „für das Leben dankbar zu sein, das wir gerade in dieser Welt willkommen geheißen haben“. Die emotionale Zerrissenheit zwischen beidem muss gewaltig sein.

Zu einer schönen Geste der Anteilnahme kam es am Osterdienstag, als Ronaldo mit Manchester United beim FC Liverpool an der Anfield Road gastierte. Fans und Betreuer des großen Rivalen spendeten dem Superstar in Minute sieben – Ronaldos Rückennummer – aufmunternden Beifall und sangen für ihn ihre Vereinshymne „You’ll Never Walk Alone“. Das sind ergreifende Momente im Sport, wo man spürt, dass Gegner auf dem Spielfeld nicht als Feinde betrachtet werden, sondern respektvoll als Geschwister, die dieselbe Leidenschaft teilen. Der Portugiese bedankte sich mit diesen Worten: „Eine Welt … Ein Sport … Eine universelle Familie. Danke Anfield. Meine Familie und ich werden diesen Moment des Respekts und des Mitgefühls niemals vergessen.“ Schön, dass im Millionenbusiness der Premier League solche menschlichen Gesten noch Platz haben. Das ruft uns in Erinnerung: Fußball ist viel mehr als ein Geschäftsmodell.

„You’ll Never Walk Alone“ – das ist auch die österliche Zusage, die uns in diesen Tagen der christliche Glaube schenkt. Das zeigt sehr schön die biblische Ostererzählung von den zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13–35). Der Name „Emmaus“ bedeutet „warme Quelle“. Die beiden gehen nicht allein in ihrer Trauer, Trostlosigkeit und Dunkelheit, sie können miteinander reden und ihre Gedanken austauschen. Dabei machen sie die Erfahrung, dass der auferstandene Jesus unscheinbar und unaufdringlich mitgeht als einer, der zuhört, der ihnen hilft, ihre Gefühle auszudrücken und die wahre Bedeutung dessen, was sie erlebt haben, in den Blick zu nehmen. Sie spüren, wie es ihnen dabei warm ums Herz wird. Auferstehung wird sehr oft in der menschlichen Begegnung erfahrbar. Nicht nur in Emmaus, sondern auch in Liverpool.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (22.04.2022)

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Colin Kaepernick arbeitet an seinem Comeback. Zur Erinnerung: Colin Kaepernick war Quarterback der San Francisco 49ers in der NFL. Er führte sein Team bis zum Super Bowl. Die höchste Bekanntheit erlangte der Sohn eines afroamerikanischen Vaters, der immer wieder mit Diskriminierungen und rassistischen Schmähungen konfrontiert war, jedoch 2016, als er sich zur Nationalhymne nicht erhob, sondern niederkniete, um gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren. Diese Geste erregte großes Aufsehen, wurde sehr kontrovers diskutiert und immer mehr Sportler*innen schlossen sich der Aktion an.

Nach dieser Saison erhielt Kaepernick keinen neuen Vertrag mehr, seine Profikarriere war beendet. Dafür wählte ihn ein Sportartikelhersteller zum Testimonial seiner Werbekampagne. Das Sujet zeigte das Gesicht des Sportlers in Nahaufnahme und in Schwarzweiß, ein Motiv, das an klassische Jesus-Darstellungen aus der Kunstgeschichte erinnert, verbunden mit dem Satz: „Believe in something. Even if it means sacrificing everything.“ – „Glaube an etwas. Selbst, wenn es bedeutet, alles zu opfern.“

Eine solche Parallele mag vielleicht manchem als Blasphemie erscheinen. Doch gerade an diesen Tagen, an denen wir das Leiden und Sterben Jesu Christi betrachten und seine Auferstehung feiern, wird uns deutlich vor Augen gestellt, was Menschsein in seiner äußersten Konsequenz bedeutet. Wenn wir Ostern nicht bloß als nettes Brauchtum feiern, sondern uns vom Schicksal dieses Menschen berühren lassen, der dem Weg der Liebe, der Wahrhaftigkeit, des gewaltlosen Eintretens für Ausgegrenzte, der heilsamen Zuwendung zu den verletzten Seelen treu bleiben konnte bis zur Hingabe seines Lebens, weil er sich gehalten wusste von einem Gott, der durch alles Leid, alle Gewalt, ja selbst den Tod hindurchträgt zu einem neuen, größeren Leben, dann werden wir selbst zu anderen Menschen. Das Beispiel Jesu inspiriert dazu, es ihm gleich zu tun. Es stärkt unseren Glauben daran, dass es sich lohnt, für seine Überzeugungen einzustehen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen und an eine Veränderung zum Guten zu glauben, selbst wenn es mit momentanen Nachteilen verbunden ist.

Colin Kaepernick bringt sich nun mittels eines Trainings-Videos selbst für ein Comeback ins Spiel. Möge ihm diese „Auferstehung“ als Spieler gelingen! Just do it!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.04.2022)

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„Im Erfolg macht man die größten Fehler.“ Das sagte der ORF-Fußball-Analytiker Roman Mählich in einer Diskussion um die Suche nach einem neuen ÖFB-Teamchef. Der Erfolg gibt einem ja recht und nimmt kritischen Einwürfen den Wind aus den Segeln. Es gilt das Motto: „Never change a winning team.“ Wer Erfolg hat, neigt dazu, an bewährten Abläufen festzuhalten und ist innovativen Ideen gegenüber eher reserviert. Und im Erfolg lauert die Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren und aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten. Man ist von Schulterklopfern umgeben, die jedoch immer auch eigene Interessen verfolgen und nicht unbedingt hilfreich sind, um Situationen realistisch einzuschätzen.

Am Palmsonntag erinnert sich die Kirche an den Einzug Jesu in Jerusalem. Der ist ein schönes Beispiel für diesen Mechanismus. Jesus steht – so könnte man sagen – am Höhepunkt seines Erfolges. Er wird von den Menschen gefeiert und in einem spontanen Triumphzug als König empfangen. Ihr Jubel ist freilich mit großen Erwartungen verbunden. Sie wollen Jesus für ihre Anliegen instrumentalisieren. Doch Jesus verliert nicht den Boden unter den Füßen. Er setzt sich nicht auf das hohe Ross sondern auf einen jungen, wackeligen Esel. Jesus bleibt ganz bei sich selbst und zeigt unmissverständlich: Ich bin nicht da, um eure Erwartungen zu erfüllen. Stattdessen geht er zielstrebig auf dem Weg voran, den Gott ihm ins Herz geschrieben hat – einen Weg, der menschlich betrachtet ein katastrophaler Misserfolg ist, tatsächlich aber in ein ganz neues, unvergleichlich größeres Leben einmündet.

Für mich persönlich ist das Snowboarden eine gute Übung, um die eigene Mitte zu finden. Da spüre ich sofort, wenn ich unausgeglichen, überfordert oder von meinem Wesen entfremdet bin. Denn dann bin ich auf dem Brett – ebenso wie im Leben – nur ein hilfloser Passagier. Mehr als alles andere zählt am Snowboard, in der Balance zu sein. Solange ich nicht im Gleichgewicht bin, werfen mich schon kleinste Unebenheiten aus der Bahn. Wenn ich aber meine Mitte gefunden habe, dann hält das Board sicher die Spur und schneidet durch jeden Schneemugel wie ein warmes Messer durch die Butter. Dann heben sich Schwerkraft und Fliehkraft gegenseitig auf und es tritt ein Zustand völliger Schwerelosigkeit und Entspanntheit ein. Dann zählt nicht mehr der Erfolg, sondern das Glücksgefühl des Augenblicks.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (08.04.2022)

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Auf die militärische Invasion Russlands in der Ukraine hat die Sportwelt sehr rasch und kompromisslos reagiert. Die Formel 1 hat ihre Verträge mit den Grand-Prix-Veranstaltern in Sotschi bzw. St. Petersburg aufgelöst. Russische Mannschaften wurden von internationalen Fußballbewerben ausgeschlossen. Das sind starke Signale. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob all diese Maßnahmen von moralischen Überzeugungen und ethischen Standards getragen sind. Ich befürchte, dass sie eher opportunistisch der Welle politischer und wirtschaftlicher Sanktionen gefolgt sind, weil es angesichts dieses Krieges unvermeidlich ist, Position zu beziehen. Wer es nicht tut, steht zwangsläufig auf der falschen Seite. Und das kann sich auch der Sport nicht leisten.

Es gibt leider mehr als genug Beispiele für Sportevents in Ländern, die Kriege führen, systematisch und massiv Menschenrechte verletzen, Massenhinrichtungen durchführen oder Arbeiter ausbeuten. Wo Sponsormillionen fließen und zukünftige Märkte auf Erschließung warten, da weist das Rückgrat der Moral meist eine beachtliche Elastizität auf. Beim Grand-Prix von Saudi-Arabien stand zwar ein Boykott im Raum, doch dabei ging es um Fragen der Sicherheit, nachdem ganz in der Nähe der Rennstrecke ein Anschlag auf eine Raffinerie des Ölkonzerns „Aramco“, eines der Hauptsponsoren der Formel 1, verübt wurde. Dass in dem Land gerade erst an einem einzigen Tag 81 Menschen hingerichtet wurden oder dass Frauen noch immer fundamentale Rechte vorenthalten sind, das wurde bestenfalls – aber immerhin – am Rande erwähnt. Die Beteuerung von Formel-1-Boss Stefano Domenicali, die Anwesenheit der Formel 1 helfe solchen Ländern, sich zu öffnen und zu modernisieren, halte ich für naiv oder zynisch. Auf mich wirken die Rennen im arabischen Raum eher so, dass sich dabei ein paar Scheichs ein millionenteures Hobby gönnen.

Aber kritische Stimmen werden zum Glück immer vernehmbarer. In Dschidda mahnte etwa Lewis Hamilton die Einhaltung von Menschenrechten ein. Und in Katar, dem höchst umstrittenen Austragungsland der Fußball-WM im kommenden Jahr, fand beim FIFA-Kongress die norwegische Verbands-Präsidentin Lisa Klaveness ungewöhnlich scharfe Worte. Die Vergabe dieser Weltmeisterschaft sei auf inakzeptable Art und Weise erfolgt. Die FIFA müsse in der Einhaltung ethischer Standards ein Vorbild sein und alles tun, um Veränderung herbeizuführen. Dafür gibt es noch viel zu tun, aber die Richtung stimmt!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (04.04.2022)

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„Erfolg für mich ist, dass ich weiß, alles gegeben zu haben. Es ist jetzt wichtig, dass ich diese nächste Phase meines Lebens genießen kann als Ash Barty, der Mensch. Nicht als Ash Barty, die Athletin.“ Mit diesen Worten erklärte die Australierin Ashleigh Barty überraschend ihren Rückzug aus dem Profitennis. „Ich bin verbraucht“, sagt die 25-jährige Sportlerin, sie könne nicht mehr und verspüre nicht mehr das unbedingte Verlangen, das es brauche, um sich mit der Weltspitze zu messen. Es ist ein ebenso mutiges und menschlich reifes wie auch ernüchterndes Eingeständnis am Höhepunkt einer Karriere, das Fans und Sportverantwortlichen zu denken geben sollte. Bleibt im Spitzensport der Mensch auf der Strecke?

Wolfgang Ambros, der gerade seinen 70. Geburtstag feierte, sang einst: „A Mensch möcht‘ i bleib‘n und net zur Nummer möcht‘ i werd’n.“ Ashleigh Barty ist aktuell die Nummer eins in der ATP-Weltrangliste. Doch selbst dieser Spitzenplatz sowie zahlreiche Turniersiege und Rekorde verlieren an Bedeutung, wenn es nicht gelingt, Mensch zu bleiben, und der Sportler/die Sportlerin auf Erfolge, auf Nummern, Zahlen und Punkte reduziert wird. Jesus sagt: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“ (Lk 9,25) So ist es immer die größte Leistung und der wichtigste Erfolg, Mensch zu bleiben und in seinem Menschsein dazuzugewinnen. Auch der Sport dient diesem Ziel und hat die Aufgabe, Menschen in ihrer Menschwerdung, in der ganzheitlichen Entfaltung ihres Menschseins zu unterstützen.

Der Mensch trägt seinen Wert in sich selbst. Er ist wertvoll, weil er von Anbeginn ein einzigartiges, in Liebe und Weisheit geschaffenes Wesen ist, weil der Geist Gottes ihn ihm wohnt. Wir brauchen uns unseren Wert als Menschen und unsere Daseinsberechtigung nicht verdienen durch Leistung und Erfolg – weder im Beruf, in der Schule, im Studium, noch in der Familie und in echten Freundschaften, noch im Sport. Ashleigh Barty hat im Laufe ihrer Karriere gelernt, dass ihr Glücklichsein nicht von sportlichen Ergebnissen abhängt. Und sie hat erkannt, dass es noch andere Träume in ihrem Leben gibt, die sie verwirklichen möchte. Danke, Ash, für diese Einsicht und diesen für uns alle wichtigen Hinweis!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (24.03.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

Bei den eben zu Ende gegangenen Paralympischen Spielen sind Sportlerinnen und Sportler ans Licht einer breiteren Öffentlichkeit getreten, denen sonst wenig mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das ist erfreulich, erfrischend und hochverdient. Denn neben den sportlichen und artistischen Leistungen, die bei diesen Wettbewerben zu bewundern waren, sind auch die Lebensgeschichten all der Athlet*innen durchwegs außergewöhnlich. Schon dass sie am Start gestanden sind, ja dass sie überhaupt Sport betreiben, macht sie zu Siegerinnen und Siegern. Sie alle sind Sieger über ihr Schicksal.

An den Paralympics nehmen Sportler*innen teil, die mit einer körperlichen Beeinträchtigung ihr Leben bestreiten müssen – sei es von Geburt an, sei es durch eine Krankheit oder einen Unfall. Sie müssen damit zurechtkommen, dass sie Tätigkeiten, die für andere ganz selbstverständlich sind, nur mit großen Kraftanstrengungen oder gar nicht bewerkstelligen können. Manche haben Schicksalsschläge erlitten, bei denen ihr Leben an einem seidenen Faden gehangen ist und nach denen sie sich mühsam und schmerzvoll ins Leben zurückgekämpft haben. Der Sport kann dabei eine große Stütze sein. Er hilft, sich Ziele zu setzen, und schenkt Erfolgserlebnisse.

Die Paralympioniken sind schon deshalb Sieger, weil sie sich nicht ihrem Schicksal ergeben und eine Opferrolle eingenommen haben, sondern fest daran geglaubt haben, dass sie schaffen können, was vielleicht niemand in ihrem Umfeld für möglich gehalten hat, und mit großer Willenskraft alles in Bewegung gesetzt haben, um ihr großes Ziel zu erreichen. Auch Jesus ist beeindruckt vom Glauben des Gelähmten, den seine Freunde auf einem höchst unkonventionellen Weg zu ihm gebracht haben, indem sie auf das Dach gestiegen sind und die Decke durchgeschlagen haben (Mk 2,1–12). Dieser unbändige Glaube, der sich nicht abschrecken lässt von jenen, die meinen, das geht nicht, macht es möglich, dass er geheilt wird. In ähnlicher Weise schenken auch die Sportler*innen der Paralympics vielen von uns Ermutigung und Inspiration, um an scheinbar Unmögliches zu glauben und große Ziele zu verwirklichen.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (17.03.2022)

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alfred.jokesch@graz-seckau.at oder: sportsgeist@dsg.at

Um sich auf eine neue Saison, den Meisterschaftsbeginn oder einen besonderen Wettkampf vorzubereiten, absolvieren Sportler*innen häufig ein Trainingslager. Weg vom Alltag finden sie optimale Bedingungen vor, um sich auf das zu konzentrieren, was wesentlich ist, was ihnen hilft, das Potenzial ihrer Fähigkeiten auszuschöpfen, an der Technik zu feilen und Automatismen einzuüben, damit Bewegungsabläufe oder taktische Varianten in Fleisch und Blut übergehen. Auch Faktoren wie die richtige Ernährung, körperliche Fitness, ein vernünftiger Lebenswandel, seelisches Gleichgewicht und menschliche Reifung gilt es zu beachten, denn entscheidend für jedes Voranschreiten ist der Einklang von Körper, Geist und Seele.

Um besser zu werden – ganz gleich ob im Sport oder in anderen Bereichen des Lebens –, braucht es die Bereitschaft, mich selbst zu überwinden, Entbehrungen auf mich zu nehmen, die Komfortzone zu verlassen und mich an meine Grenzen heranzutasten. Dabei mache ich die Erfahrung, was mir hilft, mich weiterzuentwickeln, und was mich daran hindert, was mich bremst und blockiert.

Als Christen durchschreiten wir jedes Jahr auf dem Weg zum Osterfest die 40 Tage der Fastenzeit. Sie ist wie ein spirituelles Trainingscamp, ein Anstoß dazu, dass wir unsere Lebensweise auf die Wirklichkeit der Auferstehung ausrichten, dass wir der Kraft der Verwandlung trauen, die Gott uns in die Seele gepflanzt hat. Diese Kraft hilft uns, Verkrustungen aufzubrechen, unsere Trägheit zu überwinden, sie lässt Abgestorbenes lebendig werden.

Fasten bedeutet natürlich, sich einzuschränken und bewusst auf etwas zu verzichten. Ich faste aber nicht, um Gebote zu erfüllen, sondern um in mir selbst eine heilsame Veränderung herbeizuführen, um falsche Abhängigkeiten zu erkennen und abzuschütteln, um eine größere innere Freiheit zu erlangen, in meinem ganzen Menschsein zu wachsen und dem göttlichen Leben in mir mehr Raum zu geben. Lassen Sie sich auf das Experiment ein, in den kommenden Wochen mit ein paar ganz konkreten Schritten – gleichsam als spirituellen Trainingsplan – dieses Mehr an Lebendigkeit einzuüben!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (10.03.2022)

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Vor ein paar Tagen noch hätte das kaum jemand für vorstellbar gehalten. Zum einen, dass im Europa des 21. Jahrhunderts ein militärischer Angriff auf einen autonomen, demokratisch legitimierten Staat zur brutalen Realität wird. Zum anderen überrascht mich auch, mit welcher Geschlossenheit die internationale Staatengemeinschaft darauf reagiert, wie schnell und weitreichend Sanktionen gegen den Aggressor verhängt wurden und wie groß die Solidaritätsbekundungen für das ukrainische Volk sind.

Auch die Sportwelt hat erfreulich deutliche Konsequenzen gezogen: Sportveranstaltungen auf russischem Boden wurden abgesagt, russische Mannschaften aus internationalen Bewerben ausgeschlossen, Sponsorenverträge mit russischen Konzernen aufgelöst. Beim Fußball-Bundesligaspiel zwischen Sturm und Hartberg – und bestimmt nicht nur bei diesem – wurde vor dem Ankick eine Gedenkminute für die Leidtragenden des Krieges und für den Frieden gehalten. Angesichts dieser sinnlosen Gewalt wird die wichtigste Nebensache der Welt tatsächlich zur Nebensächlichkeit.

Ich finde solche klaren Positionierungen ermutigend. Immerhin war es nicht immer so. Viel zu oft hat sich der Sport für die Propaganda autokratischer Regime instrumentalisieren lassen. Er darf Diktatoren, Kriegsherren und menschenrechtsverletzenden Systemen keine Bühne für deren Selbstdarstellung bieten. Ich würde es aber begrüßen, wenn einzelne russische Sportler, sofern sie sich glaubhaft von Putins Kriegstreiben distanzieren, weiterhin am internationalen Sportgeschehen teilhaben könnten. Denn Bilder wie jenes der Umarmung eines ukrainischen und eines russischen Freestylers bei den Olympischen Spielen in Peking können – sofern sie möglich sind – schöne Signale der Versöhnung sein. Sie unterstreichen, was Sport auch sein kann, nämlich ein Friedensprojekt und eine Plattform der Völkerverständigung. Ich wünsche mir viele solche respektvollen und verbindenden Gesten zwischen Sportlerinnen und Sportlern.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.03.2022)

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Anna Gasser hat in Peking nicht nur durch ihren legendären Goldsprung – als erste Snowboarderin hat sie in einem Wettbewerb den „Cab Double Cork 1260“ gezeigt – für Furore gesorgt, auch die Jubelszenen danach, die überschwängliche Begeisterung, mit der ihre Konkurrentinnen sie umarmt haben, hinterließen tiefen Eindruck.

„Das war mein Lieblingsmoment vom ganzen Tag“, sagt die Doppelolympiasiegerin im Rückblick und fügt hinzu: „Das ist das Besondere bei unserem Sport, dass man sich mit den anderen mitfreut.“ Sogar für IOC-Präsident Thomas Bach war das ein unvergesslicher Moment, ein „herausragendes Beispiel für den olympischen Geist“.

Tatsächlich hat die Community der Snowboarder*innen einen etwas anderen Zugang zum Sport. Da zählt das Miteinander mehr als das Gegeneinander und das Erlebnis mehr als das Ergebnis. Die Freude darüber, dass jemandem etwas Außergewöhnliches gelingt, überstrahlt bei weitem den Ärger, besiegt worden zu sein. Das verleiht dieser Sportart einen besonderen Charme, denn es ist nicht überall so. Ich denke da etwa an den Schi-Abfahrtslauf der Damen, wo die große Favoritin Sofia Goggia beleidigt den Platz der Führenden räumte, nachdem Corinne Suter ihre Bestzeit unterboten hatte. Snowboarden unterscheidet sich vom Schifahren nicht bloß durch das Sportgerät, sondern durch eine andere Philosophie. Es steht für einen Paradigmenwechsel: Nicht Konkurrenz, sondern Gemeinschaft steht im Vordergrund.

So gesehen passt der Snowboard-Sport ganz gut zu Olympia, er stärkt die Idee, die dieser Veranstaltung zugrunde liegt. Immerhin nennt sie sich ja „Olympische Spiele“ und nicht „Olympische Wettkämpfe“. Trotz aller wirtschaftlicher Interessen, politischer Vereinnahmungsversuche und des Prestiges eines Medaillengewinns darf das spielerische Moment nicht zu kurz kommen, das seinem Wesen nach zum Sport gehört. Und Spielen ist zweckfreies Tun um seiner selbst willen, aus Freude am Erleben des Augenblicks. Solange das Spiel im Vordergrund steht, der Respekt und die Freundschaft unter den Sportler*innen, können die Olympischen Spiele auch den ihnen zugedachten Beitrag zum Frieden und zur Völkerverbindung leisten. Da ist es auch möglich, dass – wie es beim Freestyle-Springen der Fall war – zwei Sportler aus der Ukraine und aus Russland gemeinsam am Podest stehen und einander umarmen. Das ist in Tagen wie diesen zumindest ein vielsagendes Symbol.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (24.02.2022)

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Große Sportgeschichten sind bei diesen Olympischen Spielen schon geschrieben worden. Am schönsten aber sind die menschlichen Geschichten. So wie jene des Johannes Strolz, der den Medaillentraum seines Vaters Hubert wiederholte.

Mit Attributen wie „unglaublich“, „unfassbar“ und „fast schon kitschig“ wurden die Erfolge des Vorarlbergers kommentiert. Und Johannes Strolz selbst? Er empfindet zuallererst einmal tiefe Dankbarkeit. Das auffälligste Merkmal an dem 29-Jährigen ist seine Bescheidenheit, die Bodenhaftung, die er nicht nur auf der Piste und zwischen den Toren, sondern auch im Leben gefunden hat.

„Es sind die Geschichten, die dahinter stehen, die Medaillengewinne so emotional machen“, sagte ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober. Und die Geschichte hinter Johannes Strolz ist alles andere als eine Bilderbuchkarriere. Lange fuhr er großen Erfolgen hinterher, wurde schon abgeschrieben und stand vor dem Aus. Doch er glaubte an sich, wollte es noch einmal wissen, nahm das Training selbst in die Hand und stellte sich selbst zum Wachseln und Kantenschleifen in den Schikeller. Er hat es buchstäglich gelernt, „seine Sachen beisammen“ zu haben und auf den eigenen Beinen zu stehen. Darin liegt wohl das Geheimnis seiner Unerschütterlichkeit.

Die Umwege des Lebens haben sich hier als gold-richtig erwiesen. Und wir haben auch andere Beispiele erlebt, dass Medaillen von Sportler*innen, die – wie Mirjam Puchner – nach langwierigen Verletzungen oder – wie Michelle Gisin – nach Krankheiten zurückgekommen sind, einen ganz besonderen Glanz haben. In ihnen bündelt sich eine wichtige Erfahrung: Es geschieht nicht immer das, was wir uns wünschen, aber sehr oft passiert genau das, was wir brauchen, was uns weiterhilft auf unserem Weg und uns als Menschen stärker macht. Der Apostel Paulus sagt: „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen.“ (Röm 5,3–5)

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (17.02.2022)

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Drei Goldene und eine Bronzene. Mit seiner vierten Olympiamedaille hat sich Matthias Mayer – wie man gerne sagt – unsterblich gemacht. Es ist ein „Sieg für die Ewigkeit“. Damit hat der Kärntner sogar den Schi-Gott Toni Sailer übertroffen. Es fällt auf, dass beim Versuch, ganz besondere Momente und herausragende Leistungen im Sport in Worte zu fassen, häufig auf religiöse Begriffe und Bilder zurückgegriffen wird. Das kommt nicht von ungefähr, denn das sind Ereignisse, die die Grenzen des menschlich Fassbaren und Erklärbaren berühren und für Augenblicke sogar darüber hinausreichen. Sie sind – theologisch gesprochen – Transzendenzerfahrungen, ein Eintauchen in göttliche Sphären, in den Bereich des Heiligen.

Diese Grenzüberschreitung kann sich in einer körperlichen Kraftexplosion ereignen, in der jemand über seine physischen Möglichkeiten hinauswächst. Von einer Nahtoderfahrung sprach etwa der nordische Kombinierer Lukas Greiderer nach einem unglaublichen Fight in der Loipe. Oder sie kann in einem Augenblick der Genialität und des perfekten Gelingens eintreten, in dem sich die Gesetze der Physik und der Schwerkraft aufzulösen beginnen. So wie es bei der Linie, die Matthias Mayer im Super-G bei der Einfahrt in den Canyon gefunden hat, zu erahnen war. Da werden die Grenzen des Machbaren überschritten, es ist ein Geschenk, ein Moment der Gnade, wenn man so will, das Hereinbrechen des Göttlichen in unser Tun.

Viele Sportler*innen machen die Erfahrung – wie aktuell Mikaela Shiffrin: Wenn sie einen Erfolg unbedingt erzwingen wollen, geht es schief. Es braucht die Fähigkeit, es einfach „passieren“ zu lassen, die Fähigkeit, ganz im Moment zu sein und geistes-gegenwärtig zu sein – also: sich vom Geist inspirieren und leiten zu lassen, ganz intuitiv zu handeln. Wem das gelingt, der oder die kann Unglaubliches vollbringen. Dabei entstehen Momente für die Ewigkeit. Denn es ist das Sein in der Gegenwart, das uns mit der Ewigkeit in Berührung bringt – und mit Gott, der immer gegenwärtig ist.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (10.02.2022)

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5. Februar 1976. Franz Klammer steht im Starthaus zur Olympiaabfahrt am Patscherkofel. Es wird ganz ruhig um ihn herum. Der Druck, der auf den Schultern des 22-jährigen Kärntners lastet, ist enorm. Ganz Österreich erwartet von ihm die Goldmedaille. Sehr eindrucksvoll baut der Film „Klammer – Chasing The Line“ den Spannungsbogen auf diesen entscheidenden Moment hin auf und legt Klammer, bevor er ins Tal rast, als letzten Gedanken in den Kopf: „Nit hoffen, nit wollen – wissen!“ Der Rest ist 1:45,73 Minuten später Schigeschichte.

Das ist 46 Jahre her, aber noch immer Inspiration. Ganz bei sich selbst zu sein, auf seine innere Stimme und die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, gegen alle Einflüsterer und Besserwisser seiner Linie treu zu bleiben und sich nicht verbiegen zu lassen, das erweist sich nicht nur als Schlüssel zu sportlichen Erfolgen, sondern auch zu einem erfüllenden Leben. Oft spüre ich in mir ganz deutlich, was für mich stimmig und richtig ist, bringe aber nicht die Kraft auf, aus vorgegebenen Spuren auszubrechen, in mich gesetzte Erwartungen abzuschütteln, vermeintliche Sicherheiten loszulassen und mich in unbekanntes Terrain vorzuwagen. Aber ebenso habe ich erlebt: Wenn ich die feste Gewissheit gefunden habe, was mein ureigenster Weg ist, und den Mut aufbringe, diesem Wissen zu trauen, dann tun sich ganz neue Türen auf und es werden ungeahnte Kräfte frei.

Österreichs Fahnenträgerin in Peking, die Snowboarderin Julia Dujmovits, sagte jüngst in der Kleinen Zeitung: „Wenn ich mich in ein System hineindrängen lasse, verliere ich Energie.“ Seit sie aber gelernt habe, auf ihr Herz zu hören, mache sie nur noch Dinge, die sie begeistern. Und Begeisterung strahlt aus, sie wirkt entfesselnd. Zu meiner Priesterweihe habe ich den Psalmvers als Motto gewählt: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ (Ps 18,30) Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.“ (Mt 17,20) Ein Glaube so groß wie ein Senfkorn reicht aus, um nicht zu hoffen, sondern zu wissen und Unmögliches zu vollbringen. Wie ein Senfkorn – das sollte doch schaffbar sein.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (05.02.2022)

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Wenn in wenigen Tagen die olympischen Delegationen aus aller Welt nach Peking anreisen, werden sie in eine große Bubble eintauchen – oder genauer gesagt in viele kleinere, um nicht mit der Bevölkerung in Berührung zu kommen und untereinander nicht mehr als unbedingt nötig. Begründet wird dies – verständlicher Weise – als Schutzmaßnahme, damit Olympia nicht zu einem gigantischen Pandemie-Hotspot wird.

Ich werde aber den Verdacht nicht los, dass die Omikron-Welle den chinesischen Veranstaltern ganz gut in die Karten spielt und ihnen diese Blasenbildung auch aus anderen Gründen gelegen kommt. So kann ja gleich elegant unterbunden werden, dass die Sportwelt etwas von Menschenrechtsverletzungen im Land mitbekommt, und mögliche Protestkundgebungen oder Solidaritätsbezeugungen werden im Keim erstickt.

Es gibt mir doch zu denken, wenn sportliche Großevents gehäuft in Staaten mit totalitären Regimen abgehalten werden, die sie zur Imagepolitur und Selbstdarstellung benutzen. Dies gesellt sich zu der Tatsache, dass Sportverbände wie das IOC oder die FIFA selbst kaum ernsthafte demokratische Strukturen entwickelt haben, was sie anfällig macht für Intransparenz und Bestechlichkeit. Da liegt Vieles im Dunkeln.

Der Apostel Paulus sagt: „Lebt als Kinder des Lichts! Denn das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. … Habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, … deckt sie vielmehr auf!“ (Eph 5,8-11) Es ermutigt mich, dass gegenwärtig viele solche Bubbles der Korruption, der Vertuschung und des Missbrauchs aufpoppen und „Werke der Finsternis“ ans Licht kommen – sei es im Sport, in Politik und Gesellschaft, oder auch in meiner Kirche, wo dies gerade in München oder durch das Coming-Out vieler queerer Mitarbeitenden geschieht. Gott sei Dank! Sich der Wahrheit zu stellen ist schmerzhaft, aber es befreit aus der Blase und führt zum Licht.

Sollte dieser Blog nach wenigen Tagen aus dem Netz verschwunden sein, betrachten Sie es als Indiz dafür, dass mein Verdacht nicht gänzlich haltlos war!

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (02.02.2022) 

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„Ich bin heute nicht bereit dafür.“ Nicole Schmidhofer stand quasi schon am Start zum Abfahrtstraining in Zauchensee, als sie spürte, dass sie sich nach ihrer schweren Verletzung im Vorjahr die Belastung dieser Strecke noch nicht wirklich zutraut, und nicht nur dieses Rennen, sondern auch die Chance zu einer Olympiateilnahme sausen ließ. Ich habe größten Respekt vor dieser Entscheidung, die alles andere als Feigheit ist. Sich selbst und anderen die eigene Schwachheit einzugestehen, dazu braucht es wahrscheinlich noch mehr Mut als dazu, sich eine Abfahrtspiste hinunterzustürzen.

Im Spitzensport kann von dieser Fähigkeit das Überleben abhängen. Aber auch für uns „Normalsterbliche“ ist Mut zur Schwachheit viel öfter angesagt als wir glauben. Meine Erfahrung ist die, dass das Bauchgefühl meistens ganz richtig liegt. Wie oft kommt es vor, dass wir tief im Innersten sehr schnell spüren, wenn etwas nicht richtig läuft, wenn wir auf unserem Lebensweg in eine falsche Richtung abgebogen sind, wenn sich innere Widerstände aufbauen, wenn Sand im Getriebe ist?

Mich wundert es oft, wie lange es dauern kann, bis ich fähig bin, mir einzugestehen, dass ein Weg, den ich einmal eingeschlagen habe, sich als Sackgasse erweist, dass er sich falsch anfühlt und mich von meinen Lebenszielen oder meiner Berufung immer weiter wegführt, dass er meine Lebenskräfte blockiert, statt mich zu beflügeln. Und noch viel länger braucht es, bis ich endlich den Mut aufbringe, von dem falschen Weg abzurücken, umzukehren oder neu zu beginnen. Viele sind ihr ganzes Leben lang nicht dazu in der Lage und leben so an ihrem eigenen Wesen vorbei. Deshalb: Mut zur Schwachheit! Niemand muss alles können. Letztlich ist der Mut zur Schwachheit wohl für uns alle eine Überlebensfrage bzw. eine Lebensfrage.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (25.01.2022)

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Vom „Mythos Streif“ war während des Hahnenkammwochenendes in Kitzbühel immer wieder die Rede. Als „Tempel des Schisports“ bezeichnete der Franzose Johan Clarey die legendäre Abfahrtsstrecke nachdem er auf Platz zwei gerast war und damit sich selbst einen Eintrag in die Geschichtsbüchern sicherte. Mit 41 Jahren ist er nun der älteste Fahrer im Schi-Weltcup, der je auf einen Siegespodest stand. Das Attribut “historisch” verdiente sich auch der erste Sieg eines Brietn durch Dave Ryding im Slalom.

Viele Diskussionen gab es aber wegen einer Veränderung an der Strecke. Unterhalb der Hausbergkante wurde eine Stelle, an der es in den vergangenen Jahren wiederholt zu schweren Stürzen und Verletzungen gekommen ist, entschärft. Haben die Grabungsarbeiten am Mythos der Streif gekratzt? Sind sie ein Sakrileg an dem „heiligen“ Berg? Braucht es, um den Mythos von der schwierigsten Abfahrt der Welt zu füttern, auch Opfer? Rennläufer beschreiben diese Fahrt durchwegs als einen Kampf gegen den Berg. Entweder man bezwingt ihn, oder man wird gnadenlos abgeworfen. Schaden demnach bessere Sicherheitsvorkehrungen der Mythenbildung?

Mythen sind zutiefst religiöse Phänomene. Sie sind für eine Gemeinschaft identitätsstiftend und sinngebend. So gehören etwa für die „Sportnation Österreich“ Ereignisse wie Cordoba oder Franz Klammers Olympiasieg zu deren Gründungsmythen, die noch heute beschworen werden. Mythen sind mit andächtig zelebrierten Ritualen und der Verehrung von „Helden“ verbunden. In religiösen Kulthandlungen spielen auch Opfer eine bestimmte Rolle. Aus christlicher Sicht sind jedoch Opfer, sofern sie gewaltsam und zerstörerisch sind, überholt. Jesus sagt: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13). Und auch der „Religion“ des Sports tut eine Entmythologisierung manchmal gut. Insofern bin ich froh, dass die Hahnenkammrennen heuer ohne „Opfer“ und Verletzte über die Bühne gegangen sind.

Alfred Jokesch, Sportseelsorger DSG Steiermark (18.01.2022)

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